# taz.de -- Die Wahrheit: Tentakelige Tränen
> Wie kommt man vom Modeschöpfer Guido Maria Kretschmer zu einem Octopus,
> der sich mit einer Reinigungskraft anfreundet? Nur über einen kleinen
> Umweg.
Neulich erzählte der reizende Designer Guido Maria Kretschmer, der eine
beeindruckend humanistische Einkaufs- und Modesendung im Privatfernsehen
moderiert, dass er einen Gastauftritt in der Sachsenklinik aus „In aller
Freundschaft“ angeboten bekommen habe. Er hätte sich sogar die Krankheit
aussuchen dürfen. Daran sei es aber gescheitert – weil er sich nicht für
eine Krankheit entscheiden konnte, habe er die Einladung letztlich
ausgeschlagen.
Die Absurdität des Gedankens, sich eine Krankheit aussuchen zu können, ist
auch die Grundlage des Partyspiels „Pick your poison“, in dem Mitspieler
sich mit der Frage „Würdest du lieber …“ zwischen zwei gleichermaßen
bekloppten Szenarien entscheiden müssen. Etwa zwischen „Beide Vorderzähne
verlieren“ und „Immer im Gangnam-Style gehen“. Oder zwischen „Permanent
Zombie-Make-up tragen“ und „Nur reden, wenn du angesprochen wirst“. Oder
zwischen „Vier Zentimeter langes Zahnfleisch haben“ und „Sechs untrainierte
Hunde überall mit hinnehmen“.
Natürlich warte ich schon lange darauf, dass eine neue Auflage dieses
Spiels in Planung geht, für die ich als Autorin angefragt werde. Bei mir
haben sich nämlich im Laufe der Zeit ein paar hervorragende Szenarien
angesammelt. Zum Beispiel „Absolut jede Mahlzeit mit einer Scheibe
Dosenananas würzen“, „Nur noch Klamotten aus der Verkleidungskiste einer
Kita tragen“ oder auch, mein Lieblingsszenario, „Beim Bestellen im
Coffeeshop behaupten, du hießest Octopussy“. Letzteres ist natürlich nur
dann effektiv, wenn der Name wirklich auf den Becher geschrieben und dann
laut ausgerufen wird, sobald die Maschine durchgelaufen ist: „Ein
Hafercappuccino für Octopussy!“
## Bonds liebstes Tier
Was mich daran allerdings ein bisschen ärgert, ist, dass der Witz nicht nur
auf Kosten des unterirdischen Drehbuchs jenes James-Bond-Films geht,
sondern eben auch auf das des Octopus. Die unvergleichliche Freundlichkeit
und Intelligenz dieses Tieres, die ja bereits eindrucksvoll von Ringo Starr
und etwas später von den Bewohnern der Sesamstraße besungen wurde, wird
momentan in einem Streamerfilm unter Beweis gestellt, in dem sich eine alte
Krake mit gütigen Augen, die in einem provinziellen Aquariumbecken vor sich
hin gammelt, mit einer Reinigungskraft anfreundet.
Zuweilen büxt das Tier nämlich aus dem Aquarium aus und rutscht im
Sea-World-Büro herum. Dabei verheddert es sich eines Nachts in ein paar
Kabeln und muss von der einsamen Putzfrau, gespielt von Sally Field,
befreit werden. Beim Moment, in dem der Octopus, glücklich zurück im
Becken, seine Tentakel aus dem Wasser reckt und sie vorsichtig und dankbar
um die Handgelenke der Putzfrau windet, der Lebensretterin quasi im
übertragenden Sinne die Hand drückt, kamen mir fast die Tränen. Wenn man so
darüber nachdenkt, könnte man den James-Bond-Film vielleicht auch als
Hommage deuten.
5 Jun 2026
## AUTOREN
(DIR) Jenni Zylka
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