# taz.de -- Die Wahrheit: Halb Bärtierchen, halb Mensch
> Haben außerirdische Zivilisationen schicke Panspermien absichtlich gen
> Weltraum geschickt, um unseren einst gemütlich leeren Planeten zu
> besiedeln?
Wie das Vögelchen in Roy Anderssons hübschem Film „Eine Taube sitzt auf
einem Zweig und denkt über das Leben nach“ sitze auch ich zuweilen auf
einem etwas dickeren Zweig, etwa einer Bierbank, und sinniere über
Ähnliches. Gestern Abend beschäftigte mich zum Beispiel die Hypothese der
Panspermie. Obwohl dem Begriff eine gewisse Schlüpfrigkeit innewohnt, hat
er nichts mit dem lüsternen, gehörnten Faun und seiner sagenhaften Libido
zu tun und zum Glück auch nichts mit dessen Flöte. Stattdessen bezeichnet
die Hypothese die Idee, das Leben auf der Erde habe sich aus einer
„All-Saat“, einer aus dem Universum mehr oder weniger zufällig auf unseren
Planeten getaumelten Spore oder einem Mikroorganismus entwickelt.
Eventuell, so glauben (und nicht wissen) manche Forscher, soll die
Panspermie gar „gerichtet“ gewesen sein, das würde bedeuten, dass
außerirdische Zivilisationen sie absichtlich gen Weltraum schickten in der
Hoffnung, gemütliche leere Planeten wie unseren zu besiedeln (oder, je nach
Ansicht, zu besudeln). Bei diesem Vorgang, den man auch als „Terraforming“
bezeichnet, handelt es sich also um eine Art Gentrifzierung ohne
Verdrängung der Ursprungsbevölkerung, was das Ganze nicht besser macht –
wer weiß, was ohne das störende Leben noch alles Schönes aus der Erde
geworden wäre.
Neben der Hybris theoretischer Aliens, zu denken, gerade ihre Art des
Lebens sei so großartig, dass man den Weltraum damit beglücken muss, ist
diese Selbstüberschätzung auch bei uns zu finden: Es wird diskutiert, ob
der Mensch prophylaktisch widerstandsfähige Sporen ins All schleudern
sollte, damit seine nervige Wenigkeit sich ebenfalls überall ausbreitet.
Manche möchten sogar Bärtierchen, oder, noch ekeliger, Flechten
verschicken.
## Weltraumreise ins Nirgendwo
Die sogenannten Bärtierchen oder „Tardigraden“, das sind weniger als einen
Millimeter große, sich wie tapsige Bären fortbewegende, stummelbeinige
Häutungstiere, die unter dem Mikroskop anscheinend „total süß“ aussehen,
können nämlich bei Bedarf in eine Kryptobiose, also einen enorm
heruntergefahrenen Ruhezustand, verfallen und darin angeblich auch die
lange, beschwerliche Weltraumreise ins Nirgendwo überstehen.
Mir ist noch nicht ganz klar, wie aus dem Bärtierchen später ein Mensch
werden soll – ich kenne die Wesen vor allem aus einer „Star Trek“-Folge, in
der sie als bärengroße Varianten ihrer selbst erscheinen und nicht mehr so
„süß“ sind. Aber was weiß ich. Besser als die Flechten-Wurfpost finde ich
sie allemal.
Typisch für diese Überlegungen ist, dass die Panspermientheorie keinerlei
Erkenntnisgewinn zur tatsächlichen Entstehung des Lebens bietet. Denn sie
erklärt ja immer noch nicht, woher der Samen ursprünglich stammt.
Vermutlich hat ihn doch ein selbstgefälliger außerirdischer Faun bei einem
galaktischen Orgasmus ins Weltall gewichst. Sähe ihm jedenfalls ähnlich.
3 Jul 2026
## AUTOREN
(DIR) Jenni Zylka
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