# taz.de -- Neue S-Bahn-Strecke für Berlin: Ein Stummel mit Vorteilen
> Ab dem 15. Juni pendelt die neue S15 zwischen Hauptbahnhof und
> Gesundbrunnen. Seit dem Start der Planungen ist eine gefühlte Ewigkeit
> vergangen.
(IMG) Bild: Nur eine Interimslösung: Der S15-Bahnhof schräg unterm Hauptbahnhof muss irgendwann wieder abgerissen werden
Wenn eine deutsche Behörde im Zusammenhang eines Projekts nicht von einem
konkreten Termin, sondern von „Frühling“, „Sommer“, „Herbst“ oder „Winter“
spricht, ist davon auszugehen, dass es sich, wenn überhaupt, um einen der
allerletzten Tage der jeweiligen Jahreszeit handeln wird. Die Deutsche Bahn
AG macht das genauso.
„Es ist immer schön, wenn man ein Versprechen einhalten kann“, freut sich
Alexander Kaczmarek, DB-Konzernbevollmächtigter für Berlin, am Donnerstag.
„Es sind ja noch ein paar Tage Frühjahr.“ Denn noch im Frühjahr 2026, so
hatte die Bahn es zuletzt angekündigt, werde die neue S-Bahnlinie S15 ihren
Betrieb aufnehmen. Am 15. Juni soll das nun tatsächlich der Fall sein.
Wenn am übernächsten Montag also Bahnen im Zehn-Minuten-Takt zwischen dem
Berliner Hauptbahnhof und Gesundbrunnen rollen, ist zumindest das erste
Kapitel einer langen Leidensgeschichte abgeschlossen: Die S15 befährt den
nördlichsten von drei Bauabschnitten einer künftigen
Nord-Süd-S-Bahn-Strecke, die seit den 1990er Jahren geplant wird und wohl
frühestens in den 2040er Jahren komplett fertig sein wird. [1][Der
Arbeitstitel des gesamten Projekts lautet „S21“] – die unguten
Assoziationen zu Stuttgart 21 passen durchaus.
Ein erster Spatenstich für die jetzt betriebsbereite Teilstrecke fand schon
im Jahr 2000 statt. Das betraf aber nur einige Vorleistungen an der
nördlichen Ringbahn, in die sich die neuen Gleise einfädeln. Tatsächlich
gebaut wurde erst seit 2011, und spätestens nach einem Grundwassereinbruch
auf der Tunnelbaustelle im Jahr 2015 war die angestrebte Inbetriebnahme im
Jahr 2017 Makulatur. Später wurden statische Mängel im Hauptbahnhof
bekannt, sie ließen die Fertigstellung des neuen S-Bahnsteigs direkt unter
dem Knotenpunkt in weite Ferne rücken.
Das ist der Grund dafür, warum Kaczmarek und sein Projektleiter Holger
Ludewig bei der Vorstellung des S15-Bahnhofs am Donnerstag die
PressevertreterInnen auf einen Stummel-Bahnsteig führen, der gerade einmal
lang genug für eine halbe S-Bahn ist. Es handelt sich um ein
Interimsbauwerk ziemlich genau unter der Tramhaltestelle auf der
Invalidenstraße. Wer hier bald zum Fern- oder Regionalverkehr umsteigen
will, muss also deutlich weiter laufen als eigentlich vorgesehen.
## Bahnsteig zu schmal
Nicht nur zu kurz ist der Interimsbahnhof, er ist aufgrund der räumlichen
Gegebenheiten auch zu schmal. Darum ist der Zugang zu den Schienen auf
einer Seite mit einem Geländer versperrt. Gäbe es dies nicht, kämen
Fahrgäste, die den Fahrstuhl in der Mitte des Bahnsteigs von der falschen
Seite umrunden wollten, der Kante gefährlich nah.
Aber die S15 wird ja ohnehin nur pendeln – vom Hauptbahnhof über den
Bahnhof Wedding zum Gesundbrunnen und zurück. Nicht gerade beeindruckend,
aber für geschätzt 40.000 Fahrgäste pro Tag eine Option, die ihnen ein paar
zusätzliche Minuten oder Wege erspart. Alexander Kaczmarek glaubt sogar,
dass „das Ding noch viel besser laufen wird“: Schließlich könnten viele nun
mit ihrem Gepäck „bahnsteiggleich“ zum Hauptbahnhof umsteigen, anstatt den
Umweg über den Bahnhof Friedrichstraße auf sich zu nehmen.
Theoretisch wäre es möglich, dass die S15 nach ihrem Abstecher zum
Hauptbahnhof über den gesamten S-Bahn-Ring kreist – auch die westliche
Anbindung an den S-Bahnhof Westhafen ist fertig und befahrbar. Das aber
wolle der Senat als Besteller des Gesamtprojekts nicht, erklärt Kaczmarek,
und zwar aus guten Gründen: Man stelle sich Züge von nur halber Länge vor,
die dann auf dem Ring von den dort wartenden Menschenmassen gestürmt
werden, erläutert der DB-Mann das Dilemma.
Projektleiter Ludewig gibt noch einmal zu Protokoll, wie schwierig die
technische Abnahme eines Tunnelbahnhofs in Deutschland sei. Weil unter
anderem bei der säuberlichen Trennung von Gleich- und Wechselstromnetz
nicht alles perfekt war, hatte das Eisenbahnbundesamt (EBA) [2][der schon
für den März anberaumten Jungfernfahrt] einen Strich durch die Rechnung
gemacht. Bei der „Wirkprinzipprüfung“ am vergangenen Freitag sei nun aber
alles glattgelaufen.
## Umstrittener 2. Bauabschnitt
Und so geht es weiter mit dem Gesamtprojekt S21: Laut Ludewig wurde das
Planfeststellungsverfahren für Bauabschnitt 2 (Hauptbahnhof–Potsdamer
Platz) Anfang 2024 eröffnet. Man rechne noch in diesem Jahr mit der
Genehmigung durch das EBA. Über diesen Abschnitt wurde und wird politisch
viel gestritten, muss doch knapp neben dem Mahnmal für die im
Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma am Rand des Tiergartens eine
Baugrube ausgehoben werden. [3][Mehrere Verbände betrachten das als
Entwertung und Entehrung des Gedenkorts.]
Bis man mit der S-Bahn vom Nordring via Hauptbahnhof zum Potsdamer Platz
fahren könne, werde es wohl „Mitte, Ende der 2030er Jahre“, so Ludewig. Und
für den dritten und letzten Bauabschnitt, der dann über das Gleisdreieck
und die S-Bahnhöfe Yorckstraße und Großgörschenstraße zum Südring führen
soll, gibt er „Mitte der 2040er Jahre“ als Zeithorizont an. Bis dahin kann
noch viel passieren – auch eine weitere Aufblähung des Gesamtkostenrahmens,
der aktuell von der Bahn mit rund 800 Millionen Euro beziffert wird.
Was hoffentlich vorher schon Realität wird, ist der neue Bahnhof
„Perleberger Brücke“. Das Land Berlin hat den geplanten Zwischenhalt der
S15 zur Erschließung der Europa-City zwar mittlerweile beschlossen, aber
seinen Bau immer noch nicht formal bei der DB in Auftrag gegeben. „Wir
haben noch kein Bestellschreiben bekommen“, sagt Ludewig. Wann er dieses
erwartet? „Hoffentlich schon gestern.“
4 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.berlin-s21.de/home.html
(DIR) [2] /OePNV-in-Berlin/!6125523
(DIR) [3] /Erinnerung-an-ermordete-Sinti-und-Roma/!6039185
## AUTOREN
(DIR) Claudius Prößer
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