# taz.de -- Architekt Antoni Gaudí: Barcelonas Architekturschreck
> Er war erzkatholisch, antimodern und baute gern fürs Großbürgertum:
> Barcelonas gefeierter Architekt Antoni Gaudí starb am 10. Juni vor 100
> Jahren.
(IMG) Bild: Flucht in die Gotik, während sich in der Stadt Unruhen entluden: Seit 1882 arbeitete Gaudí an der Sagrada Família in Barcelona
Als Antoni Gaudí im Frühsommer 1926 von einer Straßenbahn schwer verletzt
wurde, brachte man ihn ins Hospital de la Santa Creu i San Pau, einem
Meisterwerk des Modernisme-Kollegen Lluís Domènech Montaner. 1926 sollte
sich in Barcelona als ein Jahr des Umbruchs erweisen: Im Todesjahr Gaudís
zeigte auch der katalanische Jugendstil bereits Ermüdungserscheinungen. Im
selben Jahr errichtete sein Schüler Josep Maria Jujol die Casa Planells,
die bereits die Schwelle zur Moderne einnimmt und an die Bauten von Erich
Mendelsohn erinnert.
1926 formierte sich zudem die junge katalanische Architektur-Avantgarde:
Josep Lluís Sert reiste nach Paris, weit weg von der traditionellen
Ausbildung an der heimischen Architekturfakultät. Weit weg von der muffigen
Atmosphäre unter Diktator Primo de Rivera. In Paris kontaktierte er Le
Corbusier, der für den Katalanen zum [1][Übervater der modernen
Architektur-Avantgarde] werden sollte. Als dieser auf Einladung Serts zu
einem Vortragszyklus nach Barcelona kam, machte man auch noch einen
Abstecher zur Sagrada Família. Le Corbusier zeigte sich nicht sonderlich
angetan von Gaudís exzentrischem Stil. Der Anblick der Sagrada Família kam
ihm vor wie ein „Drama“. An Gaudís heute als Unesco-Weltkulturerbe
gelisteten Casa Milà – ihrer wuchtigen Werkstein-Fassade wegen auch als „La
Pedrera“ bezeichnet, „Der Steinbruch“ – ging er achtlos vorbei.
Die Anekdote offenbart, wie schnell die Zeit an Antoni Gaudí vorbeigezogen
war. Parallel zur Weltausstellung 1929 in Barcelona – mit dem berühmten
Länderpavillon von Ludwig Mies van der Rohe – zeigten die Avantgardisten,
die sich wenig später GATCPAC (Grup d'Arquitectes i Tècnics Catalans per al
Progrés de l'Arquitectura Contemporània) nannten, die Ausstellung
„Arquitectura Nova“. Eines war sicher: Für Sert und Torres Clavé gehörte
Gaudí bereits zur vergangenen Epoche. Einer Epoche, deren zentrale
Repräsentanten, Diktator Primo de Rivera und König Alfonso XIII., kurz nach
der Weltausstellung von der politischen Bühne abtraten.
Wie grundverschieden war die Zeit um 1888, als Antoni Gaudí im Auftrag von
Kirche, Klöstern und kirchentreuen Mäzenen nicht nur den Colegio de las
Teresianas, die Krypta in Santa Coloma de Cervelló und die Sühnekirche
Sagrada Família errichtete, sondern auch die niemals vollendete Iglesia de
la Colonia Güell entwarf. Seinerzeit herrschte noch eine
monarchistisch-klerikale Allianz, während [2][man die Pfründe aus den
Kolonien verwaltete], von denen der einflussreiche Gaudí-Bauherr Eusebi
Güell aufgrund des väterlichen Erbes bestens lebte.
## Seine Bauwerke tragen naturreligiöse Züge
Gaudís Mission war strikt antimodern: Mit einer religiös inspirierten
Baukunst, historisch in der Gotik verankert, die zerrissene Gegenwart
heilen! Die Mittelaltersehnsucht gilt als geistige Klammer seiner frühen
Jahre. Anders als bei Gaudís modernistischen Mitstreitern tragen seine
Bauwerke immer auch naturreligiöse Züge: Die Säulen in der Krypta von Santa
Coloma de Cervelló erinnern an sprießende Bäume; die das auskragende
Plateau im Parc Güell abstützenden Säulen an „Elefantenbeine“. Selbst die
Gebäudegrundrisse sind ondulierende, der Natur nachempfundene Linien.
Gaudí entfloh der Klassengesellschaft, deren Modernitätsfuror ihn ebenso
befremdete wie die sozialen Spannungen. Demgegenüber fand er [3][im Bild
der Gotik] einen sinnbeladenen Überschuss, religiös, sozial und moralisch.
Die Kathedrale war für Gaudí weit mehr als ein „Sühnetempel“: Als
sozialreligiöse Projektionsfläche sollte sie, ausgehend vom
[4][Reinheitsideal der „Heiligen Familie“], ein Aufruf zur moralischen
Erneuerung der Gesellschaft sein. Dabei war der Bau immer auch von massiven
Protesten begleitet. So publizierte die Tageszeitung La Vanguardia am 9.
Januar 1965 einen Protestbrief, der sich für den sofortigen Baustopp
einsetzte; unterschrieben hatte ihn, neben Le Corbusier, fast die gesamte
spanische Architektenprominenz, sogar einflussreiche Theologen beteiligten
sich.
Jetzt im Juni und im 100. Todesjahr Gaudís gibt sich die private Stiftung
der Sagrada Família alle Mühe, die völlig unzeitgemäße Kathedrale endlich
fertigzustellen. Wenngleich sich der Bauabschluss faktisch nur auf den
zentralen, 172 Meter hohen Jesusturm bezieht. Dass vor einigen Jahren die
Baugesellschaft 4,6 Millionen Euro an die Stadtverwaltung bezahlen musste,
da die Errichtung der Sagrada Família 137 Jahre lang illegal erfolgte, wird
geflissentlich verschwiegen.
Geplant ist offenbar eine katalanische Jubelfeier, die überhaupt so manches
unter den Tisch kehrt: beispielsweise, dass sich zwischen Baubeginn im
Jahre 1882 und Gaudís Tod 1926 zahlreiche blutige Unruhen ereigneten, die
er kaum ignorieren konnte. Immer wieder entluden sich die Spannungen in der
übervölkerten Unterstadt der Wanderarbeiter, nicht in der heilen Oberstadt,
in der Gaudí seine fantastischen Gebäude für Klerus und reiche Mäzene
errichtete. Als Architekt hat sich Gaudí niemals mit den Problemen von
Barcelonas Städtebau beschäftigt.
## Barcelona, „Stadt der Bomben“
Das Jahr 1888, als Gaudí bereits seit sechs Jahren an der Sagrada Família
arbeitete, war einschneidend. Teile der Arbeiterschaft radikalisierten
sich, bald kam es im Liceu zu einem Attentat, das sich in eine ganze
Anschlagsserie entlud. Sie sollte Barcelona und das gesamte Land durch die
Ermordung von Ministerpräsident Antonio Cánovas del Castillo (1897) bis hin
zum Bürgerkrieg (1936–1939) erschüttern. Plötzlich sprach man von der
„Stadt der Bomben“.
Die Architekten Antoni Gaudí und Enric Sagnier wählten derweil den Weg in
mystische Gefilde, sie schlossen sich dem Künstlerkreis des Heiligen Lukas
an. Sagnier baute die Herz-Jesu-Sühnekirche auf dem Gipfel des Tibidabo,
weit entrückt vom lasterhaften Altstadtgewühl. Gaudí errichtete den Parc
Güell auf den Anhöhen Barcelonas. Die Künstler des Lukas-Kreises pflegten
eine eng mit der religiösen Ikonografie verbundene Kunst. Gaudís
Sühnekirche passte bestens in dieses Denkschema: In ihr sollten die
Bewohner Barcelonas Buße tun für die Sünden der Großstadt.
Demgegenüber blieb die religiöse Orientierung einiger Architekten und
Künstler nicht allein großen Teilen der Arbeiterklasse fremd. Als sich um
die Jahrhundertwende die Industriebarone in ihre abgeschirmten Dekorwelten
auf dem Passeig de Gràcia zurückgezogen hatten und Gaudí ihre Wünsche mit
der Casa Batlló (1906) und der Casa Milà („La Pedrera“, 1910) bediente,
explodierten die Spannungen in der Unterstadt. Im Juli 1909 kam es erstmals
zu syndikalistischen Aufständen, die in Barrikadenkämpfen mündeten. Die
Aufständischen brannten zahlreiche Kirchen und Klöster nieder, sahen sie
als Teil des korrupten bourgeoisen Machtsystems. In der semana trágica
kamen weit über hundert Menschen ums Leben.
Die urbanen Topografien enthüllen die Stadt als Ort sozialer Konflikte und
Klassenkämpfe. Deutlich wird das bereits an Eusebi Güells Bauprojekten, mit
denen er Gaudí betraute: Die zwischen 1888 und 1889 errichtete Colònia
Güell in Santa Coloma de Cervelló entsprang zwar dem Wunsch, den Arbeitern
der Textilfabrik Vapor Vell [5][gesündere Arbeits- und Lebensbedingungen
außerhalb der Großstadt] zu ermöglichen. Aber der eigentliche Beweggrund
für die Kolonie war Güells Angst vor den schweren sozialen Spannungen in
der Metropole.
## Verspekuliert: Gartenstadt fürs Bürgertum
Das andere außerstädtische Projekt, der Park Güell (1900–1914), orientiert
an der englischen Gartenstadt-Bewegung, geriet derweil zum finanziellen
Desaster. Graf Eusebi Güell schwebte eine Siedlung vor, die in Parzellen
aufgeteilt und an reiche Bürger weiterverkauft werden sollte. Allerdings
konnten nur zwei Häuser realisiert werden. Da die Spekulation gründlich
missriet und Gaudí bis 1914 allenfalls eine rudimentäre Anlage aus
einzelnen Pavillons, Wegen und einer Aussichtsplattform vorweisen konnte,
wurde der Entwurf aufgegeben. Den Park übergab man wenige Jahre später der
Öffentlichkeit.
1929, das Jahr der neuen Weltausstellung in Barcelona, wurde schließlich
für Josep Lluís Sert und die Avantgardisten zum Wendepunkt. Zusammen mit Le
Corbusier arbeitete er an den Grundzügen des Erweiterungsplans „Barcelona
Futura“. Im September nahmen Sert und Torres Clavé als offizielle spanische
Delegierte teil am bedeutenden Congres international d'architecture moderne
(CIAM) in Frankfurt über [6][„Die Wohnung für das Existenzminimum“]. Der
Kunstkritiker Sebastià Gasch war damals davon überzeugt, dem Beginn einer
neuen Epoche beizuwohnen: „Die katastrophale Bauweise, die unsere Stadt mit
grauenvollen Gebäuden verunstaltete, ist endgültig vorbei. Jetzt erleben
wir den Beginn einer neuen Architektur (…). Die jungen Architekten sind die
wahren Vertreter dieser großen Epoche (…), sie sind unübersehbar in der
Stadt.“
Von einem gewissen Antoni Gaudí, der am 10. Juni 1926 im Alter von 74
Jahren in Folge des erwähnten Straßenbahnunfalls starb, war nicht mehr die
Rede.
9 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Klaus Englert
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