# taz.de -- Die Wahrheit: Gib Flosse, Digga!
> Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung (244): Die Stoßzähne der
> Walrosse sind so lang wie ihre Penisknochen – die längsten im Tierreich.
(IMG) Bild: Er ist, nein, war auf jeden Fall das Walross: Odin
„The time has come, the Walrus said, to talk of many things …“ Das erfuhr
Lewis Carroll 1876 anscheinend von einem Zimmermann. Denn Folgendes war
passiert: „The Walrus and the Carpenter / walked on a mile or so, /and then
they rested on a rock“.
Knapp hundert Jahre später ließ sich John Lennon von dieser Begebenheit
inspirieren und kreierte das Beatles-Lied „I am the Walrus“. Er hatte aber
über sich als gemütliche, von Muscheln lebende Robbe nur „verwirrend
Unübliches“ zu berichten. Mit ihrem nächsten Walrosslied „Glass Onion“ über
den „Linkshänder“ Paul McCartney stifteten die Beatles noch mehr
Verwirrung, „The Walrus was Paul“, sangen sie. Und das nahm man dann auch
von den Walrossen an, dass sie Linksflosser seien.
Laut FAZ haben jedoch „Biologen aus Grönland, Dänemark und Schweden“ anhand
„mehrwöchiger Filmaufnahmen, mit denen sie Walross-Männchen bei der
Futtersuche unter Wasser beobachteten“, quasi bewiesen: „Zum Ausgraben von
Muscheln und anderem verborgenen Futter benutzten die bis zu 4,5 Meter
langen und über eine Tonne schweren Tiere vor allem die rechte Flosse.“
## Stoßzahnarzt
Die arktischen Völker, in deren Lebensraum rund um das Polarmeer auch die
Walrosse leben, wussten das schon lange. Die Europäer und Amerikaner waren
dagegen nicht an Details, sondern an den elfenbeinernen Stoßzähnen der
Walrosse interessiert. Südlich von Labrador und den britischen Inseln
wurden sie von ihnen ausgerottet, auf Island rotteten bereits die Wikinger
die Walrosse aus. In diesem Sommer tauchte jedoch im Hafen von
Hafnarfjördur wieder ein Tier auf, es schwamm eine Weile neben einem
Radfahrer und tauchte dann wieder weg.
Den Indigenen lieferte das Walross Nahrung, Heiz- und Baumaterial für ihre
Erdsodenhäuser und Boote sowie Material für Kleidung. Sein Fleisch,
monatelang in der kalten Erde fermentiert, gilt als Delikatesse. Lebend
werden seine Stoßzähne so lang wie sein Penisknochen: „… der längste im
Tierreich – über 60 Zentimeter“.
Weltweit soll es heute noch 230.000 Walrosse geben. Um ihre Populationen
genauer zu erfassen, verwendete man – anders als bei den Eisbären, die
betäubt und besendert werden – Satellitenaufnahmen, um darauf die
Individuen zu zählen. Das ist aufwendig, deswegen wurden die Bürger vom WWF
aufgerufen, ihnen zu helfen: „Das Ganze ist nicht schwer. Walross-Detektive
melden sich auf der Seite ‚Walrus from Space‘ an, durchlaufen ein
‚Trainingscamp‘ und bekommen nach bestandenem Testdurchlauf eine
Freischaltung für die hochaufgelösten Satellitenbilder“, berichtete der
MDR.
Man unterscheidet das Pazifische vom Atlantischen Walross. Sie treffen sich
im Winter gelegentlich im Beringmeer. Während die Pazifischen Walrosse sich
in Herden versammeln, die sich zu größeren Herden vereinigen, die mehrere
Tausend Tiere umfassen können, sind die Atlantischen Walrosse „nicht in der
Lage, individuelle Weibchen zu verteidigen oder einen Harem zu führen“. Als
Folge haben sich bei ihnen „aufwendige Rituale der Partnerwerbung
herausgebildet: Die Männchen erzeugen unter Wasser Folgen von Klicks und
glockenähnlichen Lauten, die sie durch Aufblasen ihrer Luftsäcke
hervorrufen und an der Oberfläche Pfeiftöne.“
Walrosse kommen weit herum. Immer wieder ruht sich eins an der
niederländischen oder französischen Küste aus. Erst jüngst schlief ein
Walross am Strand von Rügen ein. Im Internet findet man hin und wieder auch
Fotos von Walrossen, die sich auf ankernde Boote gehievt haben, um sich
auszuruhen. 2024 trieb sich eine Walrosskuh namens „Freya“ im Oslofjord
herum und erklomm ebenfalls Schiffe. Weil sie aber auch Paddler verfolgte,
wurde diese „Touristenattraktion“ erschossen.
Im Hamburger Tierpark Hagenbeck wurde 2014 das erste deutsche Walross,
Thor, geboren. Bereits in den Siebzigerjahren war dort die „Walrossdame
Antje eingezogen. Nach Gastauftritten in der Sesamstraße war das Tier bis
2001 Teil des NDR-Logos.“
## Gejagt
Die frei lebenden Walrosse wurden lange Zeit derart gejagt, dass sie an den
Rand der Ausrottung gerieten, aber Abschussquoten und Schutzzonen sorgten
dann für eine Erholung ihrer Population. In Deutschland wurden Walrosse
durch das Bundesnaturschutzgesetz als „besonders gefährdet“ eingestuft.
Zuletzt erholte sich 2021 eine Walrosskuh an den Stränden einiger
Ostfriesischer Inseln von ihren anstrengenden Tauchgängen im Wattenmeer,
unbehelligt von den Touristen und Muschelfischern.
Inzwischen gefährdet jedoch die Klimaerwärmung und der dadurch bewirkte
Rückgang des Eises das Leben dieser Tiere: „Wir sehen einen Verlust von
etwa 13 Prozent des sommerlichen Meereises pro Jahrzehnt“, erklärte der
Polarexperte des WWF, Rod Downie. Die Walrosse ruhen deswegen statt auf dem
Eis immer öfter auf dem Festland.
2014 wurden allein an der Nordwestküste Alaskas nahe dem Ort Point Lay
35.000 gezählt. Die großen Kolonien sind leicht reizbar, wird ein Tier
aufgescheucht, so wollen gleich alle auf einmal ins Wasser fliehen.
Kleinere Tiere können dabei von den Bullen, die teils über eine Tonne
wiegen, zerquetscht werden, erklärte ein Sprecher der US-Fischereibehörde
FWS.
Laut Süddeutscher Zeitung soll daher „nun alles getan werden, um die Tiere
nicht zu stören. Piloten sollen das Refugium großräumig umfliegen,
Schiffskapitäne auf andere Routen ausweichen. Das Dorf Point Lay, das zum
Schauplatz der Zusammenkunft wird, überwacht die Zufahrten zum
Walrossgebiet. In den nächsten Jahren könnte es für die Kolosse noch
unruhiger werden. Je mehr sich das Eis zurückzieht, umso offener wird die
Arktis für Containerschiffe, Fischtrawler und Bohrinseln.“
Auf der Internetseite des WWF berichtete Sybille Klenzendorf über Walrosse,
die sich auf dem Festland selbst umbringen: „Tonnenschwere Walrosse stürzen
hilflos von einer Klippe in den Tod, überschlagen sich dabei an den
schroffen Felsen: Die grausame Szene stammt aus der Dokumentation ‚Unser
Planet‘, die in Zusammenarbeit mit dem WWF entstand. Hauptlebensraum der
Walrosse sind die Eisschollen des Packeises. Hier schlafen sie und ruhen
sich zwischen ihren Tauchgängen aus. Doch fehlendes Eis treibt Zehntausende
von ihnen auf einen schmalen Küstenstreifen im Norden Russlands. Immer mehr
Tiere kommen nach und die hinteren müssen auf eine Klippe ausweichen, von
der sie dann hinunterstürzen und sterben.“
15 Jun 2026
## AUTOREN
(DIR) Helmut Höge
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