# taz.de -- Die Wahrheit: Alles ganz instinktiv – oder was jetzt?
       
       > Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung (243): Beim
       > Instinkt-Begriff mäandern die Wissenschaften vom Animalischen wie vom
       > Menschlichen.
       
 (IMG) Bild: Lange gezähmt und gezüchtet: Gilt nicht für die Wildpferdeherde hier – die sich trotzdem den Menschen nähert. In Dülmen! Foto: ap
       
       Der „Instinctus“ bedeutet soviel wie eine angeborene Handlung. Auf die
       Frage, wie sie sich bei all den nichtssagenden Männerprofilen in den
       Online-Partnerangeboten für einen entscheide, antwortete eine Ingenieurin
       denn auch: „Instinktiv, ich habe kein ‚Beuteschema‘.“
       
       Umgekehrt heißt es in einem der „Romantischen Romanhefte“ aus dem
       Cora-Verlag: „Instinktiv folgten die zwei Männer der jungen Frau durch den
       Park, wie Rüden einer läufigen Hündin“, was mit dem „betörenden Parfüm“ der
       Frau erklärt wird, das eine sexuelle Anziehungskraft ausströmte – eine
       instinktgelenkte Handlung.
       
       Eine Reihe von Wettannahmestellen wirbt mit dem Spruch: „Folgen Sie Ihrem
       Instinkt und gewinnen Sie über eine Million!“ Hier ist der Instinkt so
       etwas wie eine Bauch-Entscheidung, aus Not, weil man nichts über die
       Bewetteten (Pferde, Hunde, etc.) weiß. Dieser Instinkt soll angeblich
       sicherer zum Gewinn führen als das Studieren der ins Rennen geschickten
       Tiere.
       
       Die Taxifahrerin Karen Duve schrieb in ihrem Roman „Taxi“ aus dem Jahr
       2008, dass sie bei einem Angriff eines Fahrgastes „rein instinktiv“ Gas
       gab. Dem liegt die Annahme des Verhaltensforschers Konrad Lorenz zugrunde,
       dass es zwei entgegengesetzte „Instinkte“ gibt: Nahrungssuche (Hunger,
       Gier) und Fluchtneigung, wobei diese Triebregungen sich blockieren können
       und die „Energie“ dann auf ein drittes Verhalten (zum Beispiel Putzen)
       überspringt. Duves „instinktive Reaktion“ wäre demnach eine „energetische
       Triebregung“, die sich als Flucht durch Beschleunigung entlud.
       
       ## Der Instinkte sind viele
       
       Es gibt viele Instinkte: Der US-Biologe Bernd Heinrich schrieb ein Buch mit
       dem Titel „Der Heimatinstinkt“ (2016). Der Dramatiker Heiner Müller meinte:
       „Heimat ist da, wo die Rechnungen ankommen“. Einige Biologen halten den
       „Selbsterhaltungstrieb“ für den stärksten Instinkt, andere den
       „Geschlechtstrieb“ für den „einflussreichsten Hauptinstinkt“.
       
       Beim Instinktbegriff gab es ein Auf und Ab. Charles Darwin nahm an, dass
       die Hinwendung der Wölfe zu den Menschen eine freie Willensentscheidung
       war, die durch gute Erfahrungen zur Gewohnheit wurde und sich durch
       dauernde Wiederholung schließlich in einen Instinkt verwandelte.
       Hunde-„Problem gelöst!“ schrieb er in sein „Notebook“.
       
       In „Herr und Hund“ (1918) unterstellte Thomas Mann seinem „Bauschan“ einen
       „von weither überkommenen patriarchalischen Instinkt“, weil er seine
       „Lebenswürde in einem besonderen Verhältnis ergebener Knechtsfreundschaft“
       fand. Man könnte das auch eine wölfische „Instinktverwirrung“ nennen. Diese
       sieht der amerikanische „Naturalist“ Brian Vesey-Fitzgerald beim Abrichten
       von Hunden am Werk: Solange der Mensch den Hund zum Jagen benutzte, „mußte
       er nur seine natürlichen Instinkte fördern“, als der Hund jedoch seine
       Beutetiere – Schafe und Ziegen – hüten und bewachen sollte, erforderte das
       „eine völlige Umkehr seiner Instinkte“.
       
       Erst Konrad Lorenz „rehabilitierte“ laut dem Zoologen Otto Koehler den
       Instinktbegriff: Seitdem könne man „mit dem zerfahrenen und verworrenen
       Begriff wieder ehrlich arbeiten“. Später wurde Lorenz jedoch gerade wegen
       seiner Verwendung des Instinktbegriffs angegriffen. 1940 hatte er einen
       Aufsatz „Durch Domestikation verursachte Störungen arteigenen Verhaltens“
       veröffentlicht, der 1973, bei seiner Annahme des Nobelpreises, Proteste
       hervorrief: „Die Tierzucht“ gerate ihm darin „zum Modell für die
       Menschenzucht“. Bei Vergleichen zwischen Wild- und Hausgänsen hatte Lorenz
       fatale „Verfallserscheinungen“ bei den domestizierten Rassen festgestellt –
       und daraus geschlussfolgert: Beim Menschen sei es ebenfalls durch
       Domestikation „zur Vernichtung oder mindestens Gefährdung von instinktmäßig
       programmierten Verhaltensweisen wie Mutterliebe oder selbstlosem Einsatz
       für Familie und Sozietät gekommen“, aus dieser „Verluderung der Instinkte“
       entstehe letztlich „Sozial-Parasitismus“.
       
       Friedrich Nietzsche fragte sich dem gegenüber: „Seid natürlich! Aber wie,
       wenn man eben ‚unnatürlich‘ ist?“ Mit dem Nationalsozialismus wurde die
       Frage der „Natürlichkeit“ und der Instinktfreiheit perfide erneut gestellt.
       Für den Philosophen Michel Foucault ist „die Freiheit, die die germanischen
       Krieger genießen, wesentlich eine egoistische Freiheit, eine der Gier, der
       Lust auf Schlachten, der Lust auf Eroberung und Raubzüge (…) Sie ist keine
       Freiheit des Respekts, sie ist eine Freiheit der Wildheit.“ Wobei diese
       deutsche „Transformation“ aus der Absicht der Instinktbefreiung eine
       mörderische Sorge um (rassische) Reinheit werden ließ.
       
       Der 1933 von den Nationalsozialisten in seinem tschechischen Exil ermordete
       linke Philosoph Theodor Lessing beharrte dennoch darauf, dass die auf die
       natürlichen Empfindungen aufgepfropfte „Kultur“ bei den Menschen zu ihrem
       Untergang führe und bei den Tieren entfremde Domestikation und Züchtung sie
       ihrem wilden Leben in Freiheit entzöge – zum Schlechteren hin. So
       beschreibt er etwa den Truthahn, „Heiliger Vogel der untergegangenen Welt,
       stolze Seele der Urwälder von Louisiana“, der heute „auf allen Hühnerhöfen
       heimisch und betriebstätig“ ist, als einen „Zerbrochenen: Wenn ich dich
       kollern und toben sehe, dann lache ich nicht mehr, wie ich als Kind über
       dich lachte. Ich nehme den Hut ab und sage: ‚Das ist mein großer Lehrer
       Arthur Schopenhauer …(…) Das sind alle Besten meines Vaterlandes.
       Verbittert (…) jawohl verbittert!‘“
       
       ## Fatale Anverwandtschaftung an den Menschen
       
       Auch das so lange gezähmte und gezüchtete Pferd, in dem immer „irgendein
       Stück Irrsinn lauert“ ist für Lessing ein Symbol jenes Weltprozesses, den
       er den „Untergang der Erde am Geist“ nennt. „Der Eindruck eines lastenden
       Wahnsinns verschwindet“ jedoch, wenn man dessen nahe Verwandte (Zebras,
       Tapire), die noch im „ursprünglichen Naturzustand“ leben, betrachte. In
       ihrer domestizierten (vergeistigten) Form dagegen anverwandtschaften sie
       sich fatal dem Menschen – als eines aus der Natur herausgetretenen
       Geistesschaffenden.
       
       Für einige Tiere soll das auch ohne Domestikation gelten. Der Zürcher
       Tierpsychologe Heini Hediger sah das, ausgehend vom Verhalten der
       Rabenvögel Eichelhäher und Tannenhäher, die in Zeiten des Überflusses große
       Nußvorräte für den Winter anlegen, bei den Kolkraben, die im Gegenteil in
       der Not anfangen zu „sparen“. Er fragte sich darob, ob es nicht möglich
       sei, „dass bei diesen gescheiten Übervögeln das ursprünglich zweckmäßige
       Vorsorgeverhalten irgendwie ins Unzweckmäßige übergeschnappt ist im Sinne
       vielleicht eines Konflikts zwischen Instinkt und Intellekt?“
       
       Inzwischen hat die Biologie den „Instinkt“ durch das weitaus profitablere
       „Gen“ ersetzt, im Alltag erklärt auch das nun alles Mögliche.
       
       1 Jun 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Helmut Höge
       
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