# taz.de -- Die Wahrheit: Satz in der Sackgasse
> Der erste Satz des Textes soll das Werkzeug für die Konstruktion des
> Anfangs hervorbringen, doch ist da zunächst nur ein groteskes Nichts.
Wenn ich in meinem Zimmer am Fenster stehe und hinausschaue, bietet sich
mir eine stille, schmale Sackgasse dar. Auf der Seite gegenüber stehen alte
zweigeschossige Beamtenhäuser. Es kommt nicht oft vor, dass ich aus dem
Fenster schaue. Meist sitze ich links davon an meinem Arbeitstisch und
versuche zu schreiben. Darüber vergeht die Zeit, es wird Winter.
Ich ringe noch immer um den ersten Satz. Der erste Satz des Textes soll das
Werkzeug für die Konstruktion des Anfangs hervorbringen, ähnlich wie die
Notwendigkeit zu schreiben das Schreibzeug gebiert. Doch noch vor dem
ersten Satz erscheint wie aus dem Nichts ein größeres, nicht bekanntes
Handlungselement, das von der geistigen Masse des ins Dasein strebenden
Textes unaufhaltsam angezogen wird. Als es zur Kollision kommt, dringt der
heterogene Handlungsteil ins Gewebe des sich formenden Textes ein.
Da der Fremdkörper eine eigene Raumzeit besitzt, erzeugt er in seiner
Umgebung kaum denkbare, geschweige denn beschreibbare dimensionale
Verhältnisse. Enorme Mengen Papier fülle ich deshalb mit misslungenen
Sätzen und deren Streichungen, bis ich schließlich resigniere und alles
fortwerfe.
## Mensch im Sichtfeld
Ich stehe auf und schaue aus dem Fenster. Der Anblick der stillen Sackgasse
ist eine Wohltat. Da kommt von links her eine menschliche Gestalt in mein
Sichtfeld. Sie ist auffällig groß und schlank, jedoch so extrem winterlich
gekleidet, dass kaum erkennbar ist, ob es sich um eine weibliche oder
männliche handelt. Nur ihre Bewegungen lassen darauf schließen, dass es
eine junge Frau sein dürfte.
Sie macht an dem Haus gegenüber halt und steckt etwas, das von weitem wie
ein kleines Flugblatt aussieht, in den Briefkasten. Dann entfernt sie sich
nach rechts. Neugierig will ich hinauslaufen, um zu sehen, wohin sie nun
geht. Dabei entdecke ich einen gefalteten Zettel, der unter der Tür meines
Zimmers durchgeschoben worden sein muss. Ich hebe ihn auf und lese, was
darauf steht.
Wie ich sofort erkenne, ist es unglaublicherweise der erste Satz, den ich
bislang nicht zustande gebracht habe. Warum wird er mir auf diese Weise
übermittelt? Und von wem? Unwillkürlich verdächtige ich die Gestalt, die
gegenüber ein Flugblatt eingeworfen hat. Vielleicht war sie vorher auf
meiner Straßenseite?
Allerdings befindet sich die Tür meines Zimmers nicht direkt am Gehweg. Der
Fall verlangt nach umgehender Aufklärung. In der Hoffnung, die mutmaßliche
Überbringerin des Zettels einholen zu können, eile ich ins Freie. Sie ist
jedoch nirgends zu sehen.
Staunend registriere ich sodann, dass die schmale Straße keine Sackgasse
mehr ist, sondern sich über die Bebauungsgrenze hinaus in Richtung des
Bahndamms fortsetzt und nach einer Kurve durch ihn hindurchführt. Bevor ich
den Rundbogen der tunnelartigen Öffnung erreiche, gebe ich die Verfolgung
lieber auf und kehre zum ersten Satz des Textes in mein Zimmer zurück.
2 Jun 2026
## AUTOREN
(DIR) Eugen Egner
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