# taz.de -- Circus Roncalli wird 50 Jahre alt: Hereinspaziert in die heile Welt
       
       > Der Circus Roncalli wird 50 Jahre alt. Wie er bis heute versucht, kein
       > ganz normaler Zirkus zu werden.
       
 (IMG) Bild: Die Seiltänzer Agathe Olivier und Antoine Rigot waren Mitte der Achtziger bei Roncalli. Später wirkten sie beim Cirque du Soleil mit
       
       Es war das Jahr 1975, als das österreichische Magazin Profil eine Nachricht
       in eigener Sache veröffentlichte: „Wir müssen Ihnen mitteilen: Unser
       ehemaliger Art Director wurde vom Wahnsinn gepackt und plant nun, einen
       eigenen Zirkus zu gründen.“
       
       Dass der Mann – ein gewisser Bernhard Paul – dem Wahnsinn anheimfiel, war
       ein Glück. Bis zu 1.500 Menschen können das heute Nachmittag für
       Nachmittag, Abend für Abend bezeugen: die Besucher des Circus Roncalli. Wer
       damals vorausgesagt hätte, dass Roncalli mal seinen 50. Geburtstag feiern
       würde, wäre für verrückt erklärt worden. Und doch: In diesem Jahr ist es so
       weit.
       
       Vor 50 Jahren gründete Bernhard Paul gemeinsam mit dem Wiener Chansonnier
       und Universalkünstler André Heller den Circus Roncalli. Nachdem sie ihren
       Zirkus schon 1975 beim Steirischen Herbst in Graz vorgestellt hatten,
       feierte er im Mai 1976 in Bonn Premiere. Ein Kunstwerk, das einschlug.
       
       Ein paar Jahrzehnte später sitzt [1][der Clown Pic] in seinem Atelier in
       St. Gallen und erinnert sich. „Zu der Zeit war der Zirkus im Niedergang
       begriffen. Damals ging es nur noch um Sensationen. Immer nur höher, weiter
       und immer mehr – die Zuschauer fanden das langweilig. Und dann war da
       dieser Zirkus, der auf Kommunikation, auf Kontakt aus war, wo auch die
       Kleinigkeiten zählten.“
       
       ## Wiederauferstehung mit leisem Humor
       
       Heller und Paul wollten den darniederliegenden Zirkus der Siebziger nicht
       wiederbeleben. Sie wollten ihn neu erfinden. Doch so ganz einig waren sie
       sich nicht darin, wie diese Erfindung auszusehen hatte. Irgendwas mit Karl
       Kraus und ungewöhnlichen Kostümen, angesiedelt irgendwo zwischen Commedia
       dell’Arte und absurdem Theater, irgendwie als Erinnerung an den Zirkus aus
       der guten alten Zeit – wann immer die gewesen sein mag – und doch wie
       frisch aus einem Fellini-Film gepurzelt. Wie ihr Roncalli überhaupt ein
       Zirkus voller Widersprüche war: traditionell, aber alternativ;
       intellektuell, aber populär; Bernhard Paul, aber eben doch auch André
       Heller.
       
       An letzterem Widerspruch ist der Zirkus dann auch vorübergehend zerbrochen.
       André Heller ging, die Widersprüche blieben. Und vielleicht waren es gerade
       sie, die Roncalli später seinen Erfolg bescherten: das nicht Greifbare,
       zwischen dem Glamour der Zwanziger, Sgt. Pepper und Breakdance fröhlich
       dahin Mäandernde, das den Reiz dieses Zirkus bis heute ausmacht. And of
       course, [2][Henry, The Horse,] dances the waltz.
       
       Pic, der Clown, kam mit seinem damaligen Partner Pello im Jahr 1980 zu
       Roncalli. In dem Jahr erlebte der Zirkus nach dem gescheiterten ersten
       Anlauf eine Wiederauferstehung. Eine Wiederauferstehung, an der Pic und
       Pello mit ihrem leisen Humor einen gehörigen Anteil hatten. Der Schweizer
       Kabarettist [3][Emil Steinberger], der als Geldgeber und Regisseur
       kurzzeitig mit an Bord war und die Wiedergeburt erst möglich machte, hatte
       sie empfohlen. Acht Auftritte pro Vorstellung hatten die beiden in ihrer
       ersten Roncalli-Spielzeit. Und Pic wurde mit seinen riesigen Seifenblasen
       zum Sinnbild für Roncalli.
       
       „Das ging schon beim Einlass los“, erzählt der Clown, „wo die Zuschauer von
       den Artisten mit kleinen Späßen empfangen wurden und rote Tupfen auf die
       Nase oder Backe gemalt bekamen. Die Menschen liebten das.“
       
       Neben Pic steht im Atelier die große blaue Kugel mit den silbernen Sternen
       auf einem alten Autoreifen. In ihr ist Pic zu Beginn seiner
       Seifenblasennummer immer in die Manege gerollt. Jetzt kleben ein paar
       Notenblätter daran, er probt gerade für sein nächstes Bühnenprogramm. „Es
       gab ein Live-Orchester und einen roten Faden“, schwärmt er, „eine Königin
       aus Lipizza mit einem Kopffüßler, einer Riesenmaske, unter der Pello
       steckte, dazu moderne, klassische Musik. An vielen Orten schimmerte Ironie
       durch.“
       
       ## Wer braucht schon Superlative?
       
       50 Jahre Roncalli, ein halbes Jahrhundert unter der Ägide des Gründers, das
       hat im deutschsprachigen Raum noch kein Zirkus gefeiert. Von den
       Großzirkussen, die es im deutschsprachigen Raum gab und die Roncalli
       anfangs belächelten, fahren heute nur noch der Circus Krone und der
       Schweizer Nationalcircus Knie durch die Lande. Althoff, Hagenbeck, Barum,
       Williams, Sarrasani, Busch-Roland? Vergangenheit!
       
       Roncalli ist noch da.
       
       Es ist nicht leicht, dem Phänomen Roncalli auf die Schliche zu kommen. Aber
       es gibt Schlagwörter, die helfen könnten. „Gesamtkunstwerk“ ist eines. Die
       Vokabel hatten Heller und Paul schon in Graz im Gepäck. Aber das
       Gesamtkunstwerk Roncalli macht es einem nicht leicht, weil es keinem
       Konzept folgt. Hinter Roncalli steht kein Gedanke, sondern ein Gefühl.
       
       Man könnte Ingredienzien aufzählen. Die historischen Zirkuswagen, die
       Kostüme, die Musik, die Begrüßung – all das gehört zur Zutatenliste. Und
       natürlich die Show selbst. „Das war keine Aneinanderreihung von Nummern,
       sondern eben ein richtiges Programm“, erzählt Emil Steinberger. „Artistisch
       gesehen waren das nicht unbedingt nur Spitzenleistungen, aber darauf kam es
       nicht an. Die Lindors am Trapez beispielsweise, das waren einfach tolle
       Menschen mit einer phantastischen Ausstrahlung.“
       
       Aber auch Emil Steinberger war das „Drumherum“ besonders wichtig. Drei Tage
       vor der Premiere in Köln griff er noch selbst zum Pinsel und strich den
       Zentralkäfig bunt an. Damals war Roncalli noch im besten Sinne des Wortes
       ein alternativer Zirkus. „Ich fand auch, es wäre doch schön, wenn das
       Orchester nicht immer nur da oben sitzt. Die Musiker sollen sich mal
       vorstellen. Dann habe ich das so inszeniert, dass die, während sie spielen,
       die Stiege runterkommen und sich am Manegenrand positionieren. Das sind
       alles so Kleinigkeiten.“
       
       Immer schon war Roncalli ein bisschen mehr Theater als Leistungsschau. Ein
       Salto mehr oder weniger, wen kümmert es? Wer braucht schon Superlative auf
       einer Reise zum Regenbogen? Wobei: „Die größte Poesie des Universums“, so
       der Titel des ersten Programms, war schon ein schöner Superlativ.
       
       ## „Poesie ist eine heikle Sache“
       
       Klar, ein bisschen Zuckerguss ist auch dabei. Hereinspaziert,
       hereinspaziert, kommen Sie herein in die heile Welt! Roncalli bietet – wie
       jeder gute Zirkus – Eskapismus in seiner schönsten Spielart. Und lässt
       eintauchen in Erinnerungen, die man hat oder auch nur zu haben vermeint.
       „Seid bestürzt“, rief Heller dem Publikum zu – Paul dagegen will es
       unterhalten.
       
       Natürlich ist es ein schmaler Grat – zwischen Kitsch und Poesie, zwischen
       Mit-der-Zeit-Gehen und Dem-Zeitgeist-Hinterherhecheln. „Poesie“ wurde
       schnell zum Label für Roncalli, erst zum Alleinstellungsmerkmal, dann zur
       Kopiervorlage für die Konkurrenz. Doch Poesie, warnt Pic, der Clown, ist
       eine heikle Sache. „Von der Poesie zum Poesie-Album ist es nur ein kleiner
       Schritt. Schau dir doch mal manche dieser sogenannten Poesie-Clowns an: Das
       ist so ein Kitsch. Das ist so schwach, da friert es mich.“
       
       Die Kunst besteht darin, die Gratwanderung ohne Absturz zu meistern. Pic
       konnte das. Roncalli konnte es auch – meistens. Inzwischen läuft der Zirkus
       allerdings Gefahr, Opfer seiner Nostalgie zu werden. In den Achtzigern, da
       habe Roncalli noch überrascht, sagen manche, inzwischen sei vieles
       erwartbar, sei Roncalli ein ganz normaler Zirkus geworden. Das nie
       Dagewesene, man kennt es schon.
       
       Immer öfter wirbt Roncalli nun mit dem, was man nicht hat, statt mit dem,
       was man hat. Tierfrei sei man, auch plastikfrei. Nicht dass die Bratwurst
       in der Pause vegan oder bio wäre, so tierfrei ist man dann auch wieder
       nicht. Aber der Zeitgeist hinterlässt halt seine Spuren. Geht ja auch gar
       nicht anders. Rebellenstatus und 50 Jahre erfolgreiche Unternehmensführung
       – das passt nicht. Die Rolling Stones sind auch nicht mehr das, was sie in
       den Sechzigern waren, da mögen sie noch so oft „Satisfaction“ spielen. Und
       dennoch füllen sie Stadien. Und Roncalli sein Zelt. The show must go on.
       
       3 Aug 2026
       
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