# taz.de -- Abitur mit Legasthenie: Karina kämpft und schreibt nebenbei Einsen
> Eine Schülerin aus Niedersachsen fiebert auf die Noten für ihr Abi, das
> sie ohne Vorlesegerät schaffen musste. Sie braucht fürs Studium den guten
> Schnitt.
(IMG) Bild: Hat ihr Abi mit Lese-Rechtschreibschwäche geschrieben: Karina beim Treffen mit der taz in Bremen
Karina Sinn träumt von der Charité. Sie will Medizin in Berlin studieren.
Dafür kämpft sie. Vor den Abiturprüfungen lag ihr Notendurchschnitt bei
0,8. Karina hat Legasthenie, eine Lese-Rechtschreibstörung. Sie fürchtet,
dass ihr Traum auf den letzten Metern platzt.
Karina hat ein breites Grinsen und eine Zahnspange. Wenn sie lacht, bewegen
sich ihre Sommersprossen auf den Wangen. Aufgeregt wippt sie mit dem Fuß
auf und ab. Sie sagt, manchmal explodierten ihr Kuchen, weil sie sich im
Rezept verlesen hat. Sie erzählt viel. Wie cool sie Naturwissenschaften
findet. Wie gern sie Eis essen geht und dass es für ihre Freundinnen schon
normal geworden ist, ihr die Karte vorzulesen. Begeistert spricht sie von
einem bald erscheinenden Sachbuch über Feminismus. Sie könne kaum erwarten,
es anzuhören. Sie besucht Talentcamps, engagiert sich politisch. Neben der
Schule arbeitet sie für den Grünen-Bundestagsabgeordneten Alaa Alhamwi.
Lange ist ihre Legasthenie nicht aufgefallen. „Ich war immer gut im
Auswendiglernen“, sagt sie. Doch mit steigenden Anforderungen in
Sprachfächern „hagelte es auf einmal Fünfen in Diktaten und
Grammatiktests“. Denn da, wo sonst ganze Buchstaben stehen, sieht sie ein
[1][Wirrwarr aus losen i-Punkten, abgeschnittenen Buchstaben, durchtrennten
Sätzen]. Um einen Satz zu entschlüsseln, braucht sie Zeit. Viel Zeit. Immer
wieder streicht ihr Zeigefinger über die gleiche Zeile auf dem Papier, das
vor ihr liegt. Vor und zurück, vor und zurück. Die andere Hand bewegt ein
leeres Blatt Papier, das die folgenden Zeilen verdeckt. Beim Lesen ist ihre
Störung am stärksten ausgeprägt. Sie bekommt davon oft Kopfschmerzen oder
Übelkeit.
Lehrer*innen konnten Karinas Lese-Rechtschreibstörung früher nicht
erkennen. „Sie waren dafür nicht ausgebildet“, sagt sie und schüttelt den
Kopf. Erst in der sechsten Klasse bekam sie ihre Diagnose. „Das war schon
bedrückend, weil man dadurch einen Stempel bekommt. Gleichzeitig war es
aber auch die Antwort auf so viele Fragen.“ Lange Zeit fühlte sie sich
wegen ihrer Behinderung „dumm“. Unruhig zupft sie an ihren Ärmeln, ihre
Stimme wird zittrig. „Ich habe immer gedacht: Ich bin einfach nie genug.“
Sie atmet durch.
## Ein Lehrer bot ihr einen Duden an
Für Klausuren bekam Karina einen Nachteilsausgleich, meistens in Form einer
längeren Bearbeitungszeit. Dafür musste sie ihre Diagnose immer wieder
bestätigen lassen, um der Schule den aktuellen Stand ihrer Lese- und
Rechtschreibfähigkeit darzulegen. „Der Nachteilsausgleich liegt dann im
Ermessen der Schule“, sagt sie.
Während ihrer Schullaufbahn stieß die Schülerin immer wieder auf
Unverständnis. „Ich wurde mal von einem Lehrer gefragt: Möchtest du einen
Duden haben?“, erinnert sie sich. Sie lacht und schüttelt den Kopf. „Wie
soll ich den bitte lesen?“ Ihr Nachteilsausgleich sei auch nicht immer
richtig umgesetzt worden. „Manchmal wurde mir die Arbeit einfach
weggenommen oder Stühle lautstark verrückt, als die anderen fertig waren“,
sagt sie. Einmal habe eine Lehrerin einfach der ganzen Klasse mehr Zeit
gegeben.
Auch mit ihren Mitschüler*innen sei sie wiederkehrend in unangenehme
Situationen geraten, sagt sie. „Es ist einfach scheiße, wenn ein Lehrer vor
allen sagt: Lies mal vor – und du kannst es einfach nicht.“ Ihre
Anwesenheit im Klassenzimmer nahm sie oft als Belastung für andere wahr.
Wegen ihrer Legasthenie ging Karina zu Therapien, übte Lesen, lernte Wörter
auswendig. Dennoch wird sie nie „normal“ lesen können.
Unterstützungsangebote sind kostspielig. Ihre Eltern hätten wegen der
Finanzierung mit dem Jugendamt streiten müssen, sagt sie und klingt sauer.
Da ihre Noten zu gut gewesen wären, lehnte das Jugendamt die finanzielle
Unterstützung ab. „Meine Eltern haben die hohen Kosten übernommen, ich
brauchte ja die Hilfe.“
## Eine Lehrerin liest ihr Kapitel aus dem Bio-Buch vor
Karina schaffte trotzdem den Sprung in die Oberstufe. Doch mit mehr
Lesestoff häuften sich die Probleme. „Ich bin am Anfang gar nicht mehr
mitgekommen“, sagt sie. „Ich hatte halt ganz lange kein Vorlesegerät.“
Selbst für kurze Lektüren aus dem Deutschunterricht braucht sie 100 bis 120
Stunden – nur für das Lesen.
„Schon in den ersten paar Wochen bemerkte ich, dass sie wegen ihres
langsamen Lesetempos zunehmend unter Druck geriet“, sagt ihre
Biologie-Lehrerin Wiebke Pohl. Karina wartete monatelang auf ihr
Vorlesegerät. Pohl nahm ihrer Schülerin die relevanten Kapitel aus dem
Bio-Buch als Audiodatei auf. Karinas Freundinnen lasen ihr in anderen
Fächern vor.
Trotz allem besteht jedes ihrer Zeugnisse aus Einsen – ausnahmslos Einsen.
Aber wie geht das als Legasthenikerin? „Ich kann ja lesen, ich brauche nur
extrem lang dafür. Ich bin viel schneller darin, die Aufgaben zu lösen als
andere und hole dann dabei die Zeit wieder rein“, erklärt sie. „Ihr
außerordentliches Auffassungsvermögen, ihre Begabung im
naturwissenschaftlichen Denken und Argumentieren sowie ihre Zielstrebigkeit
halfen ihr stets dabei, ihre Lese-Rechtschreibstörung im Unterricht zu
kompensieren“, bestätigt ihre Lehrerin.
Zu Beginn der dreizehnten Klasse bekam Karina dann das Vorlesegerät. Auf
den ersten Blick ähnelt es einem Seniorenhandy. Mit wenigen Tasten und
großem Bildschirm spuckt es die zuvor gescannten Sätze über Kopfhörer aus.
Für ein besseres Verständnis kann man zurückspulen. Das weiß-schwarze Gerät
besitzt keinen Internetzugang. Eine schnelle Suche bei Google oder die
Frage an ChatGPT ist während eines Tests mit diesem Gerät demnach nicht
möglich. Daher ist es in bestimmten Fällen erlaubt, das Vorlesegerät in
Prüfungen zu nutzen. Karina durfte das nicht. Für sie blieb es bei einer
längeren Bearbeitungszeit. Das Vorlesegerät nutzte sie während des
Unterrichts und privat.
Um zum Studium an der Charité zugelassen zu werden, müsse sie ihren
0,8-Durchschnitt halten, sagt sie. Weil sie das Vorlesegerät in Prüfungen
nicht nutzen darf, beantragte sie beim niedersächsischen Kultusministerium,
vorab aufgenommene Audiodateien im Abitur nutzen zu können, um die Aufgaben
anzuhören. Anfang Februar wurde der Antrag abgelehnt. Für Karina war das
psychisch sehr belastend. „Man fühlt sich unverstanden, nicht gesehen. Und
ich habe einfach Angst, dass mein Traum deswegen zerbricht.“ Unruhig
schaukelt sie auf dem Bürostuhl hin und her. Mit zittriger Stimme erzählt
sie, welch großen Druck sie sich selbst macht. Weil die Legasthenie nicht
ihr „Leben bestimmen soll“.
Auf taz-Anfrage teilt Ulrich Schubert, stellvertretender Pressesprecher des
Kultusministeriums, mit: „Bundesweit und von der Kultusministerkonferenz
vorgegeben ist die Lesekompetenz als solche eine in der Abiturprüfung mit
zu überprüfende Kompetenz, ein Verzicht ist nicht möglich.“
Schüler*innen mit Legasthenie kann in den Abiturprüfungen laut Gesetz
nur ein Nachteilsausgleich in den „äußeren Prüfungsbedingungen“ gewährt
werden. Sprich: längere Bearbeitungszeit und/oder ein externer Raum.
Auf eigene Faust hat die 19-Jährige einen Anwalt kontaktiert. „Ich war
bereit zu klagen, nur hat mein Anwalt mir davon abgeraten. Es wäre
aussichtslos gewesen.“ Unterstützung bekam sie dann von ihrem Schulleiter,
der ihr eine längere Bearbeitungszeit und einen externen Raum bewilligte.
Sie hat die Abiturprüfungen im Frühjahr dieses Jahres geschrieben.
Auf die Ergebnisse wartet sie angespannt. Ehrgeiz und Zukunftsangst liegen
bei der jungen Schülerin nah beieinander. Sie sagt: „Ich will es mir nicht
nehmen lassen, zu sagen, dass ich mit Legasthenie alles schaffen kann.“
14 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://danielbritton.info/dyslexia/
## AUTOREN
(DIR) Tomke Blohm
## TAGS
(DIR) Abitur
(DIR) Gymnasium
(DIR) Legasthenie
(DIR) Rechtschreibung
(DIR) Bremen
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Noten
(DIR) Labour Party
(DIR) Bundesverfassungsgericht
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Umgang mit Lese-Rechtsschreib-Störung: Wer bekommt wann Notenschutz?
In Hamburg kann eine eng definierte Schülergruppe erstmals Notenschutz bei
Klausuren beantragen. Die Elternkammer kritisiert das Verfahren.
(DIR) Labour-Steuer für private Schulen: Ein Horn in der Suppe
Die britische Labour-Regierung erhebt Steuern auf private Schulen. Doch das
trifft auch Kinder mit Lernproblemen, wie etwa an der Unicorn-Schule.
(DIR) Legasthenie-Vermerke im Zeugnis: Die Schimäre der Gerechtigkeit
Legasthenie-Hinweise müssen im Zeugnis vermerkt werden. Das Urteil des
Bundesverfassungsgerichts zeugt von einem eingeschränkten
Gerechtigkeitsbegriff.