# taz.de -- Geschichte der Digitalisierung: Diese 3 Mathekonzepte stecken in jedem Handy
> Binärsystem, Primzahlen, Graphentheorie: Was vor Jahrhunderten als
> Tüftelei begann, ist aus moderner Technik nicht mehr wegzudenken.
(IMG) Bild: Ohne Mathematik wäre unsere Welt eine andere
Mathematik? Bei vielen weckt schon das Wort schlechte Erinnerungen an die
Schulzeit. Und ehrlich gesagt: Drehen sich diese abstrakten Spielereien am
Ende nicht ohnehin nur um sich selbst – im besten Fall unterhaltsam für ein
paar Nerds?
Tatsächlich aber wäre unsere Welt ohne sie eine andere. Binärcode,
Primzahlen und Graphen waren für die Mathematiker von damals freudiges
Experimentieren. Ohne sie gäbe es heute keine [1][Computer], keine Handys,
keine [2][künstliche Intelligenz].
Drei Streifzüge durch die Mathematikgeschichte – vom Zahlensystem aus
Nullen und Einsen über Fermats Faktorisierung bis zum Königsberger
Brückenproblem – zeigen, wie aus reiner Theorie die Grundlage unseres
digitalen Alltags wurde.
Die binäre Darstellung von Zahlen
Als Binärsystem bezeichnet man die Darstellung von Zahlen durch nur zwei
Zeichen – meist handelt es sich dabei um Nullen und Einsen. Den meisten
Menschen wird eine Aneinanderreihung von Nullen und Einsen am ehesten in
der Computerwelt begegnet sein.
„Erfunden“ wurde diese Art, Zahlen darzustellen, im 3. Jahrhundert vor
Christus von dem indischen Mathematiker Pingala. So richtig offiziell wurde
das Ganze durch den deutschen Mathematiker und Philosophen Gottfried
Wilhelm Leibniz im Jahr 1697.
Unser gewöhnliches Zahlensystem, das wir im Alltag benutzen, ist das
Dezimalsystem. Es beruht auf 10 Zeichen – anhand der zehn uns bekannten
Ziffern können wir alle (ganzen) Zahlen, mit denen wir zählen und rechnen,
beschreiben.
Leibniz stellte sich die Frage, ob man alle Zahlen nur durch zwei Zeichen
darstellen könnte. Als Zahlenfolge von Nullen und Einsen zum Beispiel. Im
Binärsystem steht die 0 für die Null, die 1 für die Eins, die 1 0 für die
Zwei, die 1 1 für die Drei und immer so weiter. Er sah sein duales
Zahlensystem sogar im Sinne der Schöpfung: Aus dem Nichts, also der Null,
und Gottes Wort, der Eins, sei die gesamte Welt entstanden.
Heutzutage könnten wir ohne diese Darstellung keine digitalen Geräte
benutzen. Unsere Laptops, Handys, Autos, selbst der Fahrkartenschalter
basieren auf diesem Gedanken. Denn mit dieser einfachen
Zweizifferdarstellung lassen sich Zahlen „digitalisieren“ – das heißt, man
kann sie in elektrische Zustände übersetzen. „Strom an“ oder „Strom aus“
heißt dann in dem Fall Eins oder Null.
Die Faktorisierungsmethode von Fermat
Mehr als 200 Jahre später bildete die binäre Zahlendarstellung die
Grundlage der Informatik und Computertechnik. Mit ihnen wuchs auch das
Bedürfnis und Interesse daran, versendete Informationen und Nachrichten so
zu verschlüsseln, dass sie nicht schnell und einfach mithilfe einer anderen
Rechenmaschine wieder geknackt werden können.
Immerhin hatte der britische Mathematiker Alan Turing es im Jahr 1940 schon
mit seinem rudimentären Computervorgänger geschafft, die als unknackbar
geltende Enigma der Nazis zu entschlüsseln.
In der Kryptografie spielen Primzahlen – die Suche nach Zahlen, die die
Grundbausteine aller anderen Zahlen bilden – eine Riesenrolle in der
Anwendung. Jede ganze Zahl lässt sich eindeutig zerlegen, indem man sie als
Produkt passender Primzahlen aufdröselt. Darauf beruhen häufig genutzte
[3][Verschlüsselungsverfahren] wie zum Beispiel die RSA-Verschlüsselung.
Um eine verschlüsselte Nachricht lesen zu können, benötigt man dann einen
sogenannten Schlüssel. Dieser Schlüssel sind die Primfaktoren einer
riesigen Zahl. Wer den Schlüssel nicht hat, sieht nur eine sehr lange
bedeutungslose Zahl.
## Schlecht gewählte Schlüssel
Manchmal ist der Schlüssel jedoch so schlecht gewählt, dass er sich
mithilfe eines einfachen Algorithmus knacken lässt. Und dieser führt zurück
ins 17. Jahrhundert, zum französischen Mathematiker und Juristen Pierre de
Fermat. Er entwickelte einen Algorithmus, mit dem sich relativ einfach
berechnen ließ, welche Primzahlen miteinander multipliziert werden müssen,
um eine jede Anfangszahl zu berechnen.
Bei großen, gut gewählten Zahlen dauert es meistens ewig, bis der
Algorithmus die Lösung ausspuckt. Aber liefert diese sogenannte
Faktorisierungsmethode von Fermat schnell eine Lösung, ist die
Verschlüsselung zu schwach. Deshalb wird Fermats Methode heute vor allem
dazu genutzt, gewählte Schlüssel auf ihre Stärke zu überprüfen.
Das Königsberger Brückenproblem
Der Schweizer Mathematiker Leonhard Euler stellte sich im 18. Jahrhundert
bei einem Spaziergang im damaligen Königsberg die Frage, ob es einen Weg
gibt, bei dem man alle sieben Brücken der Stadt genau einmal überqueren
kann. Nach einigen Überlegungen bewies er: Nein. Und er legte damit den
Grundstein für die sogenannte Graphentheorie.
Ein Graph ist eine Struktur, die Knoten über sogenannte Kanten miteinander
verbindet. Man kann sich das ein bisschen wie eine Mindmap vorstellen. Oder
einen U-Bahn-Plan. Die Knoten sind in dem Fall die Haltestationen und diese
sind über Bahnstrecken miteinander verbunden, oder auch nicht. Beim Graphen
spielen – wie auch beim U-Bahn-Plan oder der Mindmap – die Abstände
zwischen den Knoten keine Rolle. Es geht allein um die möglichen
Verbindungen.
[4][Mathematiker haben die Graphentheorie] in den letzten Jahrzehnten
ausgearbeitet. Im Bereich der Informatik bilden Graphen unter anderem die
Grundlage für künstliche neuronale Netzwerke. Schließlich können wir auch
unser Gehirn als komplexen Graphen betrachten. Synapsen verbinden
Nervenzellen miteinander und bilden einen riesigen Informationsspeicher.
Künstliche neuronale Netzwerke übernehmen dieses Konzept. Durch sie können
Computer trainiert werden, das heißt, aus großen Datenmengen lernen und
Strukturen erkennen, ohne explizit programmiert zu werden. Sie sind ein
wichtiger Teilbereich der künstlichen Intelligenz und finden zum Beispiel
bei Bild-, Gesichts- oder Spracherkennung oder bei Frühwarnsystemen ihre
Anwendung.
22 May 2026
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