# taz.de -- Grundschule ohne schriftliche Division: Niedersachsen und Bremen unteilbar
       
       > In Niedersachsen und Bremen lernen Grundschüler kein schriftliches
       > Dividieren mehr. Man setze damit auf Verständnis statt aufs Anwenden
       > eines Programms.
       
 (IMG) Bild: Kein rezeptartiges Auswendiglernen: Schriftliches Dividieren wird an Bremens und Niedersachsens Grundschulen nicht mehr gelehrt
       
       Niedersachsen und Bremen streichen das schriftliche Dividieren aus dem
       Grundschullehrplan und setzen damit einen Beschluss der
       Kultusministerkonferenz um. Auch das Rechnen mit Nachkommastellen soll in
       Niedersachsens Grundschulen weitgehend eingestellt werden. Schon zum
       nächsten Schuljahr hin sollen die Beschlüsse flächendeckend umgesetzt
       werden.
       
       Dass die schriftliche Division nicht mehr in der Grundschule gelehrt werden
       soll, heißt nicht, dass sie künftig gar nicht mehr stattfindet: Sie wird
       nur in den Mathematikunterricht der weiterführenden Schule verschoben, in
       den Unterrichtsstoff der fünften und sechsten Klasse. Dividieren im kleinen
       und großen Einmaleins lernen die Schüler*innen weiterhin in der dritten
       und vierten Klasse.
       
       Der Bildungsanspruch werde damit nicht gesenkt, betont man im
       Kultusministerium – nach Medienberichten war genau diese Kritik in den
       Kommentarspalten aufgekocht. Auf den ersten Blick allerdings klingt die
       Streichung doch nach einer Standardabsenkung: Die schriftliche Division, so
       heißt es wiederholt, sei die schwierigste und fehleranfälligste
       Rechenoperation bei den Grundrechenarten. Die Grundschüler*innen seien
       ihr schlicht kognitiv nicht gewachsen, so ein Sprecher des Ministeriums.
       
       Konzentrieren will man sich stattdessen darauf, die Grundrechenarten zu
       festigen – und das Verständnis für Rechenprozesse zu stärken: Division soll
       als Prozess des Aufteilens und Verteilens verstanden werden, der enge Bezug
       zur Multiplikation soll noch deutlicher werden.
       
       ## Später lernen ist besser
       
       Denn neben der Fehleranfälligkeit gibt es weitere didaktische Gründe, die
       schriftliche Division erst später zu lehren: Die schriftlichen
       Rechenoperationen bieten eine Art Rezept, nach der sich rechnen lässt –
       doch sie wissen nicht, was sie tun. Eine Untersuchung von 2014 mit 486
       Grundschüler*innen und Fünftklässler*innen legte nahe, dass das
       [1][mathematische Verständnis fürs Aufteilen und Verteilen vor dem Erlernen
       der schriftlichen Division eher besser ist] als danach.
       
       Auch in Zukunft sollen im niedersächsischen und bremischen Matheunterricht
       in der Grundschule auch hohe Zahlen in gleiche Teile geteilt werden –
       allerdings im sogenannten halbschriftlichen Verfahren. Der Spiegel nutzt in
       seiner Berichterstattung vom Montag die Beispielrechnung 3.240 geteilt
       durch 5 – und rechnet vor: 3.000 durch fünf ergibt 600, 200 durch 5
       vierzig, 40 durch fünf sind acht. 648 ergibt die Rechnung also, leicht und
       schick kann das auf diese Art gelöst werden. Doch die Rechnung ist
       unterkomplex – selten lassen sich Tausender, Hunderter und Zehner so glatt
       nebeneinander ohne Rest aufteilen.
       
       Bei etwas komplexeren Rechenaufgaben sieht man, wie viel Ähnlichkeit das
       sogenannte halbschriftliche Dividieren letztendlich mit dem schriftlichen
       Dividieren hat: Wer die Aufgabe 1.638 geteilt durch 7 halbschriftlich
       ausrechnen möchte, muss etwa erkennen, dass unterhalb der 1.600 die 1.400
       liegt, die sich gut durch sieben teilen lässt. Die Schüler*innen müssen
       ausrechnen, dass dann noch 238 übrig bleiben – und auch hier erst einmal
       korrekt die 210 identifizieren, die sich leicht durch 7 teilen lässt.
       
       Wer das erkennt, hat nicht zwangsläufig weniger Komplexität geleistet, als
       jemand, der die Aufgabe schriftlich dividiert. Im Prinzip sind es dieselben
       Rechenschritte, wie beim Schriftlichen Dividieren – das Abschätzen, das
       Berechnen des Restes, das Übertragen für den nächsten Rechenschritt. Das
       halbschriftliche Dividieren ist also nicht leichter – nur weniger
       formalisiert.
       
       ## Flexibles statt rezeptartiges Rechnen
       
       Der Freiburger Mathematikpädagoge Hansdietrich Gerster hat bereits seit den
       1980er Jahren auf ein Umdenken hingearbeitet und schreibt 2004, die
       Einführung der schriftlichen Rechenverfahren berge die Gefahr, dass das
       flexible Rechnen durch rezeptartiges Rechnen abgelöst wird. Statt
       konzeptuell die Gründe zu verstehen, warum und wie man eine Zahl aufteilt,
       arbeite man nur eine Art angelernten Algorithmus ab.
       
       Auch der österreichische Mathematikdidaktiker Michael Gaidoschik von der
       Uni Bozen hält den „programmierten Stolperstein“ der schriftlichen Division
       für verzichtbar: „Die Zeit, die man benötigt bis sie erarbeitet und
       mechanisiert ist, fehlt häufig anderwärtig“, schreibt er 2007.
       
       Auch die Länder, die sich erst einmal entschlossen haben, das schriftliche
       Dividieren beizubehalten, haben die besonderen Schwierigkeiten im Blick. In
       den überarbeiteten Fachanforderungen für Mathematik in Schleswig-Holstein
       heißt es: „Die schriftlichen Algorithmen der Addition, Subtraktion und
       Multiplikation müssen verstehensorientiert erarbeitet werden“. Die
       schriftliche Division hingegen werde „durch direkte Instruktion
       vermittelt“. Sprich: erklärt und auswendig gelernt. Auch hier erfolgt eine
       Vertiefung erst in der Sekundarstufe.
       
       ## Rechnen mit Dezimalzahlen wird eingeschränkt
       
       Etwas im Windschatten der Aufmerksamkeit für die Abschaffung der
       schriftlichen Division wird in Niedersachsens Grundschulen auch das Rechnen
       mit Dezimalzahlen eingeschränkt. Nur noch dort, wo es um Geld geht, soll in
       den ersten vier Klassen mit Stellen hinterm Komma gerechnet werden. Das
       Rechnen mit anderen Beispielen aus dem Alltag der Schüler*innen –
       Gewicht oder Längen etwa – ist nicht mehr vorgesehen: Den Schüler*innen
       sei die Bedeutung von verschiedenen Nachkommastellen schwer zugänglich –
       auch diese Abstraktionsstufe wird mit dem neuen Rahmenlehrplan auf die
       Mittelstufe verschoben.
       
       Die wird dadurch mit neuen Aufgaben für den Matheunterricht gefüllt. Welche
       anderen dafür noch weiter nach hinten geschoben werden müssen – oder gar
       wegfallen – war am Montag weder aus Niedersachsen noch aus Bremen zu
       erfahren.
       
       12 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.researchgate.net/profile/Antje-Ehlert/publication/270645634_Schulerkompetenzen_zum_Dividieren_beim_Ubergang_zwischen_Primar-_und_Sekundarstufe/links/57267cff08aee491cb3f0e0f/Schuelerkompetenzen-zum-Dividieren-beim-Uebergang-zwischen-Primar-und-Sekundarstufe.pdf
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lotta Drügemöller
       
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