# taz.de -- Re:claim statt Re:publica: Alternative Konferenz für mehr Solidarität in den Medien
> Ein Ticket für die Digitalkonferenz Re:publica kostet 359 Euro.
> Alternativ fand erstmals die Re:claim statt – kostenlos und von Frauen
> organisiert.
(IMG) Bild: Die re:claim fand in einem Raum im B-Part Am Gleisdreieck statt
Eine große Faust reckt einen Stift vor grünem Hintergrund in die Höhe. Auf
dem Plakat steht „re:claim – stabiler Journalismus in faschistischen
Zeiten“. Während im Berliner Gleisdreieckpark die bekannte Medienkonferenz
Re:publica“ stattfindet, finden sich wenige Gehminuten entfernt zum ersten
Mal rund hundert Menschen zu einer alternativen Veranstaltung zusammen, sie
nennt sich „re:claim“.
Henrike Müller-Mahn ist eine der fünf Personen, die die Re:claim auf die
Beine gestellt haben. Sie alle arbeiten als freie Journalist*innen. „Unser
Ziel war es, eine Veranstaltung für Medienschaffende zu planen, die nicht
ausgrenzt.“ Während ein Standardticket für die Re:publica 359 Euro
kostet, ist ihre Konferenz kostenlos.
Müller-Mahn sagt: „Für die Re:publica zahlen oft Arbeitgeber die
Tickets. Freie Journalist*innen müssen selbst in die Tasche greifen.
Dabei würde ohne sie ein großer Teil der Inhalte unserer Medien fehlen.“
Man habe einen Raum für Vernetzung, progressive Themen und Medienschaffende
mit starken Meinungen schaffen wollen, so Müller-Mahn. In diesem Raum des
Veranstaltungsorts „B-Part“ sind die Wände mit hellem Holz vertäfelt, durch
die Fenster ist der Gleisdreieckpark zu sehen. In ihrem Vortrag „Bitte
nicht mehr fragen: Ist das Völkerrecht tot?“, plädiert [1][Sham Jaff für
einen antifaschistischen Journalismus].
## Das Völkerrecht war nie neutral
Sie wirft darin die Frage auf, wessen Leben Talkshows mit dieser Frage zur
Verhandlungsmasse erklären. Die Journalistin fordert: Medien sollten den
Widerspruch anerkennen, dass das Völkerrecht noch nie neutral war, es etwa
mit dem Kolonialismus koexistierte und zugleich trotzdem real Menschenleben
schützt.
In einem der beiden Workshops spricht die freie Journalistin Laura Vorsatz
über unabhängigen Audio-Journalismus und dessen finanzielle Realität.
Zeitgleich stellen Linh Tran und Lisa Pham die Ergebnisse einer Recherche
über Rassismus in deutschen Medienhäusern vor. Durchgeführt hatte diese das
feministische [2][Kitt-Kollektiv], deren Mitglieder Tran und Pham sind.
Die Ergebnisse, die im Medium Magazin veröffentlicht werden sollen, sind
besorgniserregend: 80 Prozent gaben an, am Arbeitsplatz schon
Mikroaggressionen wie rassistische Witze oder abwertende Sprache erlebt zu
haben. 13 Prozent erlebten gar rassistische Beschimpfungen. Fast 50 Prozent
haben das Gefühl, aufgrund ihrer Herkunft berufliche Nachteile zu erleben.
Als das Kollektiv den Fragebogen an Medienhäuser schickte, erhielt es
vereinzelt die Antwort: Bei ihnen gebe es keine People of Colour, an die
man den Fragebogen weitergeben könne. Im Workshop betonten Betroffene, wie
wichtig es ist, dass weiße Menschen widersprechen oder sich solidarisch
verhalten, wenn sie rassistische Äußerungen mitbekommen.
Tran und Pham präsentierten Vorschläge, wie Medienhäuser Rassismus
entgegenwirken können. Zum Beispiel mit einer Fehlerkultur, die Kritik
ernst nimmt, und regelmäßig antirassistischen Schulungen für die gesamte
Belegschaft.
Beim Abschluss-Panel am Abend sind alle 60 Stühle besetzt. Nur zwei
Personen heben ihre Hand, als die Moderatorin, Mareice Kaiser, fragt, wer
fest angestellt ist. Eine der vielen freien Journalist*innen hier ist
Lisa.
## Hier sind keine Chefs
Ihr hat die kleine Konferenz sehr gut gefallen. „Dadurch, dass bei der
Re:claim Leute waren, die sich die Re:publica-Tickets nicht leisten
können oder wollen, konnte man hier besonders gut über prekäre
Arbeitsverhältnisse und Strategien dagegen sprechen“, sagt sie der taz.
„Es waren keine Chefpersonen im Raum, wo sich jede Unterhaltung wie ein
Bewerbungsgespräch anfühlt“, so die promovierte Sozialwissenschaftlerin,
die ihren Nachnamen nicht nennen möchte. Besonders ermutigend fand Lisa es,
sich darüber auszutauschen, wie sich Journalist*innen in faschistischen
Zeiten verbünden können.
Anders als die große Re:publica hat die Re:claim keine großen
Geldgeber hinter sich. Das feministische Missy Magazin übernahm die Kosten
für den Druck der Plakate, ansonsten seien gerade einmal 480 Euro gespendet
worden, sagen sie auf Nachfrage der taz. Zu spenden sei weiterhin möglich,
der [3][Link] auf ihrem Instagram-Account zu finden.
20 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Journalistin-ueber-den-Blick-auf-die-Welt/!6052965
(DIR) [2] https://www.instagram.com/kittkollektiv/
(DIR) [3] https://www.startnext.com/medien-selber-machen-reclaim-m
## AUTOREN
(DIR) Marlene Thaler
(DIR) Lotte Laloire
(DIR) Mitsuo Iwamoto
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