# taz.de -- Patriarchat und Antifeminismus: In der Mannosphäre
> Udo Knapp beschreibt einen langen Emanzipationsprozess seit 1968, in dem
> Frauen Rechte und Möglichkeiten erkämpften. Aber der Kampf von Männern
> gegen die feministische Bewegung nimmt wieder Fahrt auf.
(IMG) Bild: Ein Plakat gegen die reaktionäre „Manosphere“. Auch gegen den Backlash gibt es Widerstand
[1][taz FUTURZWEI] | Im September [2][1968] hielt Hans-Jürgen Krahl auf der
23. Delegiertenkonferenz des SDS eine seiner herausfordernden Reden, die
ihn als einen Vor-Denker der 68er auswiesen. Die Versammlung hatte sich
zuvor geweigert, eine Rede von Helge Sander zu diskutieren, in der sie den
SDS-Männern vorwarf, wie alle übrigen in der Gesellschaft, die
Diskriminierung der Frauen zu ignorieren. Wenig später wurde die Tür
aufgerissen, hereinkamen die SDS-Frauen, deren Verschwinden wir zuvor gar
nicht bemerkt hatten.
An ihrer Spitze, hochschwanger, Sigrid Rüger. Sie marschierten durch den
Saal, skandierten Parolen, Rüger bewarf Krahl mit Tomaten, dann
verschwanden sie wieder. Im Saal irritierte Stille - bis Krahl, unbeirrt,
seine Rede fortsetzte.
Das war das Signal für ein neue [3][Frauenbewegung]. An den Universitäten
entstanden Weiberräte. 1971 folgte mit der Selbstbezichtigung von 374
Frauen - „Ich habe abgetrieben“ - im Stern die Kampagne gegen den
Paragraphen 218. Sie endete im Juni 1976 mit dem Inkrafttreten des
Indikationenmodells, nach dem Abtreibungen unter bestimmten Voraussetzungen
straffrei waren.
Das war kein voller Erfolg, aber der selbst erkämpfte Beleg, dass
grundsätzliche Veränderungen im Verhältnis der Geschlechter möglich sind.
Frauengruppen, neue Frauenmedien wie Emma, Frauenpolitik wirkten mit Erfolg
tief in die Gesellschaft hinein. Mit einem Frauenministerium und [4][Rita
Süssmuth] ([5][CDU]) an seiner Spitze wurde ab 1986 dafür gesorgt, dass in
allen gesellschaftlichen Bereichen an der Vorherrschaft der Männer
gerüttelt und neue Entfaltungschancen für Frauen geschaffen werden konnten.
Eine Erfolgsgeschichte mit tiefen, erst über viele Generationen hin wirksam
werdenden Folgen.
## Die Ängste der Männer vor dem Verlust ihrer Macht
Frauen können heute ihre Selbstbestimmung in allen Sphären des privaten und
gesellschaftlichen Lebens nutzen. Wo zuvor nur Männer das Sagen hatten,
müssen die sich heute in harte Konkurrenz auch mit Frauen, um die bessere
Idee, um ihre Aufstiegschancen an die Spitze begeben.
Männer müssen sich daran gewöhnen, zu Gunsten von Frauen an die Seite zu
treten und die zuvor ignorierte Kraft und Kompetenz von Frauen zu
respektieren.
Eine echte Zumutung für Männer. „Sobald die Weiber uns gleichgestellt sind,
sind sie uns über“, so hat schon der ältere Cato im Senat von Rom die
Ängste der Männer vor dem Verlust ihrer Macht über die Frauen auf den
Begriff gebracht. Das war um 200 vor Christus, und Cato war ein echter
Reaktionär.
[6][Heute sagt Aurel Merz (in der taz)]: „Männer müssen lernen, glücklich
zu sein, ohne im Lamborghini zu hocken.“ Leicht gesagt – ist doch „das alte
Männlichkeitsbild noch nicht verschwunden, für die neuen Verhältnisse gibt
es bis jetzt keine plausibel funktionierenden Bilder“, wie [7][Aladin El
Mafaalani] auch in der taz sagte.
In der Öffentlichkeit sind wieder Figuren, wie [8][Trump], [9][Putin],
[10][Merz] und Co. orientierend für die Selbstwahrnehmung einer Mehrheit
der Männer.
## Der wachsende Vorsprung der Mädchen
Hier einige Tatsachen, von denen die Männer sich aber durchaus
herausgefordert fühlen dürfen. In einer Studie der Bertelsmann Stiftung
wurde jüngst festgestellt, dass in allen Sekundarstufen in der
Bundesrepublik 43,5 Prozent Mädchen und nur 36,9 Prozent Jungen sind.
Die Mädchen verfügen, in allen Altersstufen, über eine höhere
Lesekompetenz, eine höhere intrinsische Motivation und eine höhere
Arbeitsbereitschaft. Die Mädchen stellten in 2025 58 Prozent aller
Einser-Abiturienten. Im Wintersemester 23/24 waren im Fach Jura 59 Prozent
Studentinnen. Im gleichen Zeitraum waren 65 Prozent der Erstsemester im
Fach Medizin weiblich.
Bei den bereits praktizierenden Ärzten sind Frauen seit 2024 in der
Mehrheit. Auch in den Mint-Fächern steigen die weiblichen Studentenzahlen
von Jahr zu Jahr. In 2024 waren es 39 Prozent. Müßig festzustellen, dass
die große Mehrheit in allen Schultypen Lehrerinnen sind.
In einer aktuellen Studie des WZB Berlin (Quelle: FAZ) wird festgestellt:
„Der wachsende Vorsprung der Mädchen wird in allen untersuchten Subgruppen
sichtbar – unabhängig von den Schulformen, dem Bildungsniveau der Eltern
und dem elterlichen Berufsstatus. Mädchen erreichen heute nicht nur die
besseren Schulabschlüsse als Jungen, auch ihre Berufsziele sind deutlich
ambitionierter.“ Doch die Normalisierung einer Vormachtstellung von Frauen,
die die öffentlichen Angelegenheiten und unser aller Leben einfach
unkomplizierter steuern würde, ist nicht absehbar. Stattdessen erleben wir
einen Backlash.
## Kampf gegen die „drohende Weibervorherrschaft“
Männer haben mit der Erfindung der sogenannten „Manosphere“ den Kampf gegen
eine aus ihrer Sicht drohende Weibervorherrschaft aufgenommen. In den
sozialen Medien toben sich unbehindert [11][Misogynie] und sexualisierter
Frauenhass aus.
Die Gewalt von Männern gegen Frauen nimmt zu. Die Männer und die Jungs
werden von den „verständnisvolleren“ Fraktionen unter den Männern zu Opfern
stilisiert, die vermehrte Aufmerksamkeit verlangen. Weiter wird verlangt,
dass zum Ausgleich des wachsenden Bildungsrückstandes der Jungen mehr
männliches Erziehungspersonal eingesetzt wird.
Es wird gefordert, die heutige Präferenz von Selbststudium und
Gruppenarbeit – Lernmethoden, die Mädchen bevorzugen, den Jungen aber nicht
gerecht werden – durch die autoritäre Ansage im Frontalunterricht zu
ersetzen. Nur so ließe sich das Stereotyp brechen, „dass Jungen
Anstrengungen im Lernen als unmännlich empfinden“.
Das sind alles Hinweise darauf, dass es zwar einen fortschreitenden
Emanzipationsprozess gibt, die Männer ihre weiterhin bestehende
gesellschaftliche Vormachtstellung aber nicht freiwillig zugunsten einer
kreativen Geschlechtergenossenschaft mit den Frauen aufgeben werden. Es ist
und bleibt eine Machtfrage, aber die Chancen der Frauen sind besser als je
zuvor.
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18 May 2026
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## AUTOREN
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