# taz.de -- Erfahrung einer Journalistin vom ESC: Wie mich der Eurovision Song Contest kaufen wollte
> Die Presse beim ESC in Wien ist halb Berichterstatter, halb Fan.
> Objektiven Journalismus gibt es hier nicht. Dafür Sachertorte und andere
> Geschenke.
(IMG) Bild: Kein Gruß an Sarah Engels, dafür ans Ressort. Im Hotel Sacher konnten Journalist:innen eine Torte dekorieren
Draußen prasselt der Regen gegen die Glasfront, die Stoffbezüge der
pink-lila Eurovision Strandstühle im Garten färben sich dunkel ein. Drinnen
schwitze ich unter einem goldenen Kronleuchter und schaue raus, um mich vom
Schmerz abzulenken. Es ist neun Uhr morgens, am Freitag, dem Tag vor dem
ESC-Finale und ich hocke auf allen vieren im Foyer des Wiener Möbelmuseums.
Im Pyjama.
„Hebt das Bein noch höher, noch drei, noch zwei, noch eins und Pause“, ruft
die Pilatestrainerin. Eine Pappversion des ESC-Maskottchens Auri, Typ Sams
auf LSD, schaut mir bei meinen mickrigen Versuchen, mein Bein lang genug in
die Luft zu strecken, zu. Die ukrainische Journalistin und das italienische
Delegationsmitglied neben mir scheinen weniger Probleme dabei zu haben. Im
Hintergrund feuert uns ESC-Siegerin Loreen durch die Musikbox an.
Als ich um kurz vor neun in grauer Jogginghose und Top ankam, rechnete ich
mit dem Schlimmsten. Vier Reihen schwarzer Gummimatten hatten die beiden
netten Herren des Museums bereitgelegt. Zum [1][ESC Pilates] kamen statt
zwanzig Teilnehmer*innen nur drei. Also setzten wir uns brav in die
erste Reihe und ließen uns 45 Minuten lang quälen. Ob es Unwissen oder eine
bewusste Geschmacksentscheidung der Trainerin war, dass wir in der
kompletten ESC-thematischen Sporteinheit keinen einzigen Song aus diesem
Jahr hören sollten, blieb unklar.
## Museum, Riesenrad, Hop-on-Hop-off-Bus – umsonst
Was mache ich hier eigentlich? Bin ich nicht eigentlich in Wien, um Sarah
Engels hinterherzulaufen? Als akkreditiertes Pressemitglied oder als Teil
der Delegation eines Teilnehmerlandes bietet die Stadt Wien ein
Rahmenprogramm an, um uns eine Pause vom stickigen Pressezentrum, eine
umgebaute Turnhalle, zu gönnen. Mehr als eine Woche lang könnte man sich
theoretisch von morgens bis abends mit exklusivem ESC-Programm und dem
normalen Sightseeing (alle Museumseintritte, Riesenrad fahren und
Hop-on-Hop-off-Bus) kostenlos beschäftigen.
Da wir aber trotzdem arbeiten müssen, es jeden Tag Pressekonferenzen und
Proben gibt, muss ich auf die „exklusive Foto-Tour“ durch das
österreichische Parlament, die Schlumberger Sektkellerei und das
Knabenchorkonzert verzichten. Schade!
Während die ukrainische Journalistin direkt nach dem Pilates eine
Liveschalte im nun wieder trockenen Garten des Museums abhält und der
italienische Delegationsmann ins Hotel joggt (er verlässt vor dem Finale
Wien, um in Salzburg einen Marathon zu laufen), begebe ich mich zum zweiten
Programmpunkt.
Im Hotel Sacher wartet ein Mann im Frack auf die anderen Gäste und mich.
Nachdem wir das pompöse Foyer – dunkle Holztäfelung, rote Polstermöbel,
goldener Schnickschnack – durchquert haben, landen wir in einem
Konferenzsaal. Vor uns stehen Holzboxen umringt von Spritzbeuteln mit
Zuckerguss, weißen, lila und pinken Perlen, goldenen und bunten Streuseln
und essbaren Schmetterlingen.
## Hyperfokus auf die Sachertorte
Wir sollen eine Sachertorte dekorieren. Voller Konzentration fangen die
Kolleg*innen aus Griechenland, Italien, der Ukraine und Österreich an,
die Torte mit der glatten, dunklen Oberfläche (Kaufwert 80 Euro) zu
verzieren. Während ich lila und weiße Punkte spritze, Schmetterlinge klebe
und Blumen male, schaue ich kaum zu meinen Kolleg*innen. Hyperfokus auf die
Sachertorte.
Erst am Schluss, als wir unsere Torten gegenseitig loben, „oh, how pretty“
und „that's so lovely“ rufen, fällt mir auf, dass ich als Einzige keine
ESC-Torte verziert hatte. Auf allen anderen ist wenigstens der Künstlername
oder der Name des Beitrags mit Zuckerguss auf der Sachertorte gelandet.
Sorry Sarah!
„Oh, ich dachte da steht Tanzschein“, sagt der ukrainische Kollege ein
wenig enttäuscht als ich ihm für sein Instagramvideo erkläre, wie ich meine
Torte dekoriert habe. „Tanzschein“ ist der Titel des diesjährigen Beitrags
aus Österreich. „Nein, da steht Taz Zwei“, antworte ich leise. (Anm. d.
Red.: Die Torte schmeckte trotzdem köstlich)
Zurück im Pressezentrum mache ich mir einen Tee und esse die Mannertafel
aus meiner pinken Goodiebag. Jede Person erhält mit dem Presseausweis für
die Tage einen ESC-Jutebeutel mit was Süßem, zwei Brillenputztüchern, einem
Hochglanzkatalog aller Beiträge, Kugelschreiber, einer Waterdrop
Wasserflasche in ESC Pink und – warum auch immer – einem aufblasbaren
Pinguin.
## Das ESC-Fieber steckt die Presse an
Am Freitagabend lädt eine neue Social-App die Delegationen und die Presse
ein, um die Juryshow am Freitagabend bei Häppchen und Sekt zu schauen. Denn
wer dachte, ESC ist nur an einem Abend im Jahr, liegt falsch.
Es gibt neben beiden Halbfinalen und dem großen Finale, Bühnenproben, Shows
für die Jury und Nachmittagsproben. Für die „normale“ Presse ist nur eine
Probe jeweils vor den Halbfinalen und dem Finale in der Halle zugänglich.
Wer zur großen Show will, braucht ein Ticket.
Nun stehen wir alle bei einer kleinen Portion Kaiserschmarrn und
Pulled-Chicken-Mini-Burgern um die Leinwände herum. Viel sehen kann man
trotzdem nicht. Das Wasserzeichen „Es ist verboten zu filmen“ bedeckt die
Hälfte des Bildes. Für viele der Anwesenden ist das egal, sie tanzen und
singen bei ihren Songs mit.
Überhaupt steckt das ESC-Fieber auch die Presse an. Polen, Italien oder
Serbienflaggen liegen auf den Arbeitsplätzen, läuft der Beitrag des eigenen
Landes über die Leinwände, wird gejubelt. In einem extra Bereich mit Sofas
und Barhockern sitzt die „spezialisierte Presse“, ESC-Blogger*innen,
Youtuber*innen, Influencer*innen, eine Dragqueen. Einige von ihnen reisen
seit Jahren zum ESC, haben große Expertise und Insiderwissen, andere, so
scheint es mir, sind nur hier, um den Trubel mitzuerleben und Werbung für
ihr Land zu machen. Wie viele Akkreditierungen es für „spezialisierte
Presse“ gab, beantwortet die EBU auf Nachfrage nicht.
## Journalist*innen applaudieren dem ESC-Chef
Versuche, die Presse für sich zu überzeugen, gibt es auch: Die griechische
Delegation verteilt „Ferto“-Mützen, der Italiener Sal da Vinci kommt
spontan vorbei und singt extra für uns.
Vor jeder Pressekonferenz gibt es Applaus für die Bühnendesigner,
Moderator*innen, ORF-Sprecherin und auch für den kontrovers diskutierten
ESC-Chef Martin Green. Man stelle sich vor, die Journalist*innen würden
auf einem Nato-Gipfel für US-Präsident Trump applaudieren, beim
CDU-Parteitag für Kanzler Merz oder bei der WM für [2][Fifa-Chef Infantio].
Um kurz vor eins in der Nacht auf Sonntag schauen alle gespannt auf die
Leinwand, vor ihnen der israelische Kandidat Noam Bettan und die Bulgarin
Dara. Stühle werden gerückt, Leute halten sich vor Spannung aneinander
fest, dann eine Welle des Jubelns, [3][als Dara siegt]. Das Pressezentrum
bebt.
Um drei Uhr nach der Pressekonferenz mit der Gewinnerin schließt das
Pressezentrum. „Bis zum nächsten Jahr, wir sehen uns in Sofia“, rufen sich
die Journalist*innen zum Abschied zu und verlassen die Halle.
20 May 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Anastasia Zejneli
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