# taz.de -- Anstieg von Hinrichtungen: Neue barbarische Gegenwart
       
       > Laut Amnesty International gab es 2025 so viele Hinrichtungen wie seit 44
       > Jahren nicht mehr. Diese Trendumkehr ist bezeichnend für die neue
       > Gegenwart.
       
 (IMG) Bild: Porträts von Hinrichtungsopfern während einer Demonstration für einen freien Iran in Berlin am 21. Juni 2025
       
       Die Todesstrafe wirkte lange Zeit wie eine kulturelle Scheidelinie, die
       heute Aufklärung und Universalismus markiert. Dass auch [1][Staaten wie die
       USA und Singapur exekutieren], galt dabei als eine Art Anomalie. Sie
       änderte nichts an einer Fortschrittsvorstellung, in der die Abschaffung der
       Todesstrafe in einer Reihe mit anderen zivilisatorischen Schüben – etwa dem
       Ende von Sklaverei oder Kolonialismus oder der Einführung des
       Frauenwahlrechts – steht.
       
       Wo sie noch auf sich warten lassen, wirken demnach nur die Reste eines
       prinzipiell überkommenen Gestern weiter. Dass immer mehr Staaten die
       Todesstrafe abschafften, wirkte wie der Marker für eine Entwicklung, deren
       Vollendung nur als eine Frage der Zeit erschien. Das prägte auch das
       westliche Selbstbild: Wo wir sind, ist vorn und die anderen ziehen früher
       oder später nach.
       
       Die [2][Zahlen, die Amnesty International am Montag vorlegte], mögen nicht
       dazu passen: Im vergangenen Jahr wurden mindestens 2.707 Menschen in 17
       Ländern hingerichtet – 78 Prozent mehr als im Vorjahr und so viele wie seit
       1981 nicht mehr. Der Anstieg geht vor allem auf einige wenige Staaten wie
       Iran zurück. Doch auch [3][Israel gab sich erst kürzlich das Recht, als
       Strafe zu töten].
       
       Diese Trendumkehr passt zur Zeit: Regeln werden von vielen Mächtigen heute
       offen verachtet, der Westen ist da keine Ausnahme mehr. Gewalt, ob
       verregelt oder willkürlich, wird normalisiert. Und jene, die sich über
       [4][zivilisatorische Standards, Völkerrecht, Menschenrechte, Kriegsrecht
       hinwegsetzen], stehen dafür immer weniger unter Rechtfertigungsdruck,
       sondern inszenieren dies erfolgreich als Selbstermächtigung.
       
       Die einen töten nun mehr als vorher, die anderen legen ihre Scheu ab und
       entscheiden sich dafür, mit dem Töten wieder ganz offiziell anzufangen. Sie
       bringen so die hochansteckende Idee zurück, dass Staaten ihre Macht durch
       die demonstrative Missachtung zivilisatorischer Grenzen beweisen. Die
       Rückkehr der Todesstrafe ist so nicht mehr das Residuum vergangener Zeiten,
       sondern Marker einer neuen Gegenwart.
       
       18 May 2026
       
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