# taz.de -- Letzte Chance auf den Verbleib in Liga 1: „Das kann schnell in die Hose gehen“
       
       > Vorm letzten Spiel gehen beim FC St. Pauli Abstiegsangst und
       > Magen-Darm-Virus um. Wie übel die Lage ist, erklärt Gastroenterologe
       > Julian Holzhüter.
       
 (IMG) Bild: Ein Virusinfekt geht relativ schnell durch die ganzeMannschaft: Beim FC St. Paulie drohen am Samstag vier Spieler auszufallen
       
       taz: Herr Holzhüter, dem FC St. Pauli droht am Wochenende der Abstieg aus
       der Ersten Fußballbundesliga. Haben Sie schon die Hosen voll? 
       
       Julian Holzhüter: Ich bin noch im Urlaub in Paris mit meiner Tochter. Den
       haben wir extra so gelegt, dass wir zum letzten Heimspiel wieder im Stadion
       sind. Aber ganz ehrlich: Ich habe mich mit dem Abstieg leider schon
       abgefunden.
       
       taz: Sie gehen seit über 30 Jahren ins Stadion am Millerntor. 
       
       Holzhüter: Bis ich 14 war, bin ich immer zum HSV gegangen. Als dann
       Schwarze Spieler mit Bananen beworfen wurden und [1][Skinheads in der
       Ostkurve] den Hitlergruß gemacht haben, wollte ich gar nicht mehr zum
       Fußball. Freunde von mir meinten dann, [2][komm mal mit zu St. Pauli], da
       stehen die ganzen Punks. Das gefiel mir gut, da bin ich geblieben. Meine
       beiden Töchter habe ich mittlerweile auch infiziert.
       
       taz: Stichwort infiziert – in der Mannschaft geht gerade nicht nur die
       Abstiegsangst um, sondern auch ein Magen-Darm-Virus. Gibt es einen
       beschisseneren Zeitpunkt? 
       
       Holzhüter: Nein, natürlich nicht. Als ich in den Medien davon gehört habe,
       dass jetzt schon wieder Spieler ausfallen, dachte ich mir: Och nee, das
       muss doch nicht sein.
       
       taz: Mindestens vier Spieler drohen wegen des Infekts auszufallen. Das muss
       man erstmal verdauen. 
       
       Holzhüter: Das Thema Magen-Darm-Virus beschäftigt die Mannschaft schon seit
       etwas längerer Zeit. Dabei geht ein Virusinfekt eigentlich relativ schnell
       einmal durch die ganze Mannschaft. Und der typische Zeitpunkt ist das
       gerade auch nicht. Tröpfcheninfektionen sind eher was für die Wintermonate.
       
       taz: Warum also gerade jetzt? 
       
       Holzhüter: Wenn es ein Virusinfekt ist, könnte das mit Stress
       zusammenhängen. In Phasen von erhöhtem Stress geht die Abwehr in die Knie –
       das sehen wir beim FC St. Pauli schon die ganze Saison lang.
       
       taz: Die Mannschaft muss gegen den VfL Wolfsburg gewinnen, um sich noch in
       die Relegationsspiele zu retten. So ein Druck schlägt doch auf den Magen. 
       
       Holzhüter: Ja, Durchfall lässt sich auch mit reiner Nervosität erklären.
       Das ist sicherlich nicht förderlich. Aber da will ich nichts unterstellen.
       Ich bin mir nur gar nicht sicher, inwieweit das mit dem Magen-Darm-Virus
       stimmt oder vielleicht eine Ausrede ist, um die mangelnden Leistungen der
       letzten Wochen irgendwie zu kaschieren.
       
       taz: Gehen wir mal davon aus, dass es stimmt. Wie könnte man jetzt dafür
       sorgen, dass die Spieler am Samstag weniger, nun ja, verkrampft auftreten? 
       
       Holzhüter: Wenn man starke Durchfälle oder auch Erbrechen hat, gehen da
       natürlich viele Elektrolyte verloren. Die müssen gerade Sportler dann
       adäquat substituieren. Infusionen von Elektrolytlösungen sollten die
       Spieler relativ schnell wieder auf die Beine bringen.
       
       taz: Was wäre aus gastroenterologischer Sicht das perfekte
       Klassenerhalts-Menü? 
       
       Holzhüter: Kampf und Leistungsbereitschaft, das fehlt am meisten. Und ein
       bisschen Zucker, da gibt es Rehydrationslösungen. Aber Elektrolyte sind
       wichtiger. Ansonsten möglichst leichte Kost, Kartoffelbrei und Gemüse sind
       ideal. Hausmannstipps wie Salzstangen und Cola ohne Kohlensäure sind
       Quatsch. Zu viel Zucker würde noch mehr Flüssigkeit in den Magen-Darm-Trakt
       zurückziehen und die Spieler zusätzlich schwächen.
       
       taz: Abgesehen von der richtigen Ernährung, was hilft der Mannschaft noch
       aus der Scheiße? 
       
       Holzhüter: Man muss natürlich verhindern, dass sich andere infizieren. Die
       Betroffenen gehören ins Bett, von der Mannschaft getrennt. Und wichtig:
       Viele der gängigen Desinfektionsmittel sind für Viruserkrankungen
       ungeeignet, weil sie etwa ein Rotavirus oder Norovirus gar nicht abtöten.
       Man muss ein viruzides nehmen.
       
       taz: Nehmen wir an, die Spieler fühlen sich am Samstag besser. Würden Sie
       ihnen raten, dann auch zu spielen? 
       
       Holzhüter: Das kann schnell in die Hose gehen. Wäre aber der beste Beweis
       dafür, dass Hamburg braun-weiß ist.
       
       taz: Aber bleibende Schäden können sie nicht davontragen? 
       
       Holzhüter: Nein. Wenn ein Spieler irgendwann geschwächt ist, dann nimmt der
       Trainer ihn halt raus. Wenn sie nicht in die Relegation müssen, haben sie
       ja auch viel Zeit, um sich zu erholen.
       
       taz: Ist hohes Pressing bei akutem Durchfall eine gute Idee? 
       
       Holzhüter: Meinen Sie das jetzt fußballtaktisch – oder auf der Toilette?
       
       taz: Wie Sie die Frage beantworten, ist völlig Ihnen überlassen. 
       
       Holzhüter: Das Pressing wäre aus Sicht eines Fans absolut zu fordern und zu
       erwarten. Aber das setzen sie schon die ganze Zeit nicht um. Die sollen
       sich den Arsch aufreißen. Und wenn es nicht mehr geht, müssen sie eben
       wechseln. Nur sind die Alternativen beim FC St. Pauli leider insgesamt
       nicht so zahlreich.
       
       taz: Die Liste der verletzten Spieler ist lang. Wären Sie als Arzt bereit,
       die gesamte Mannschaft krankzuschreiben? Vielleicht kann das Spiel dann
       noch verlegt werden. 
       
       Holzhüter: Wenn sie krank sind, gehören sie krankgeschrieben. Als Fan des
       FC St. Pauli habe ich aber wirklich genug und bin nur froh, wenn die Saison
       vorbei ist. Die Spieler zeichnen sich seit Wochen durch eine verbale
       Diarrhö aus. Da werden ständig Parolen abgerufen, aktuell auch mit
       Kriegsmetaphern.
       
       taz: Verteidiger Louis Oppie bezeichnete das kommende [3][Spiel gegen den
       VfL Wolfsburg] als „Krieg“ und „Schlacht“, und so müsse man das auch
       angehen. 
       
       Holzhüter: Aus meiner Sicht sollte man sich sowas grundsätzlich verkneifen.
       Aber wenn man das raushaut, muss man Taten folgen lassen. Jetzt ist sowieso
       zu spät.
       
       taz: Sie glauben also, dass die Spieler es am Samstag verkacken? 
       
       Holzhüter: Ganz ehrlich, ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr. Nach dem
       Spiel gehe ich mit meiner Tochter noch zum Ballett in die Staatsoper. Da
       werden wir wohl größere sportliche Höchstleistungen sehen.
       
       14 May 2026
       
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