# taz.de -- Theater gegen die Abhängigkeit: Eintrittskarte Sucht
       
       > Bei der Wilden Bühne Bremen spielen Menschen Theater, die eine
       > Suchterkrankung haben. Die Voraussetzung ist, dass sie clean leben. Ein
       > Besuch.
       
 (IMG) Bild: Wer in der Wilden Bühne mitspielt, gibt viel von sich preis – und findet nahezu eine Familie
       
       Für Paul Rosenmöller begann alles mit dem Zocken. Als Achtjähriger stand er
       um fünf Uhr auf, um vor der Schule am Familien-PC zu spielen. In seiner
       „klassisch gutbürgerlichen Familie“, sagt er, habe ihm Halt gefehlt.
       Trennung der Eltern, daraufhin pendeln, zwei ältere Schwestern früh aus dem
       Haus. „Ich hatte kein schlechten Eltern, sie waren einfach beschäftigt. Ich
       war früh viel alleine.“ Als Jugendlicher kamen zum Zocken [1][Kiffen] und
       Alkohol dazu, später chemische Drogen.
       
       Rosenmöller ist 32 und spielt seit zweieinhalb Jahren bei der [2][Wilden
       Bühne Bremen] Theater. 24 Spieler:innen hat das Ensemble derzeit.
       Voraussetzung, um mitzumachen: eine Suchterkrankung – und die Entscheidung,
       clean zu leben. Es geht nicht nur um Alkohol, Cannabis und [3][illegale
       Drogen], sondern auch um Glücksspiel, Ess-, Medikamenten- oder Spielsucht.
       Michaela Uhlemann-Lantow und Jana Köckeritz, Kunsttherapeutinnen und
       Theaterpädagoginnen, haben die Wilde Bühne vor 23 Jahren gegründet.
       Gemeinsam mit dem Schauspieler Pablo Keller leiten sie die Gruppe.
       
       An einem Montagvormittag sind fünf neunte Klassen aus dem niedersächsischen
       Augustfehn zu Gast. Es läuft „Dein Spiel am Limit“, ein interaktives Stück
       aus mehreren Szenen. Darin geht es um Gruppenzwang, Regelverstöße und die
       Konsequenzen in Schule und Elternhaus. In der ersten Geschichte sollen drei
       Jugendliche eine Stadtrallye machen. Eine von ihnen kifft stattdessen. Ein
       anderer macht mit. Dennis, der Dritte von ihnen, nicht. Bestraft wird er am
       Ende trotzdem.
       
       Die zweite Szene ist eine Hausparty nach der Zeugnisvergabe. Einer hat
       sturmfrei und initiiert, andere laufen mit. „Ich will mich heute so richtig
       wegbeamen“, sagt Alice mit drei Fünfen in den Hauptfächern. Zu „Mama
       Laudaaa“ wird getrichtert. Am Ende ist Alice bewusstlos.
       
       ## „Gar nicht erst so harten Alkohol mitbringen“
       
       Nach jeder Szene sind die Jugendlichen dran. Sind die Geschichten
       realistisch? Welches Verhalten würde die Situationen verändern? „Dennis
       hätte sagen sollen, dass er nicht gekifft hat.“ „Die beiden anderen hätten
       Dennis schützen sollen.“ „Gar nicht erst so harten Alkohol mitbringen.“ Im
       zweiten Durchlauf übernehmen die Jugendlichen selbst eine Rolle, um die
       Vorschläge umzusetzen.
       
       Nach jedem Stück kommen Schauspieler:innen auf die Bühne: „Ich bin …
       und ich bin clean und trocken seit …“, sagen sie. Ihre Geschichte zu
       teilen, ist Überwindung und Privileg zugleich. „Ich darf mir damit selber
       eine Stimme geben, die ich nicht hatte“, sagt Kerstin, die Alice gespielt
       hat. Kerstin ist 51 und seit 14 Jahre bei der Wilden Bühne. Sie möchte
       nicht fotografiert werden und ihren Nachnamen nicht nennen. „Ich weiß zwar
       nicht, ob mein Vater noch lebt, aber ich möchte nicht mit ihm in Kontakt
       kommen.“ Angst vor Stigmatisierung habe sie hingegen nicht: „Ich kennen eh
       nur Leute, die süchtig sind und abstinent leben.“
       
       Sich immer wieder zeigen wie hier vor den Jugendlichen – für Rosenmöller
       ist das wie ein Training. „Ich neige dazu, dicht zu machen. Ich kannte das
       nicht, so offen zu reden. Hier fällt mir immer wieder auf, dass es was
       bringt. Es reicht ja, wenn nur ein Schüler den Fehler nicht macht, den ich
       gemacht habe.“ Wenn er von seiner [4][Spielsucht] erzählt, bewege sich
       etwas in den Gesichtern. „Ich weiß, dass sie gerade an ihr stundenlanges
       Scrollen oder Zocken denken.“
       
       Die Spieler:innen sind sehr nahe dran an den Geschichten, die sie
       spielen. Der Schauspieler, der den Schüler mit der sturmfreien Bude
       gespielt hat, erzählt: „Ich erinnere mich an eine Party mit 80 oder 100
       Leuten, bei der ich aufgelegt habe. Morgens beim Aufräumen habe ich einen
       gefunden, der an seinem Erbrochenen erstickt ist.“
       
       ## Prävention für die einen, Stabilisierung für die anderen
       
       Prävention sei ein Ziel der Wilden Bühne, sagt Uhlemann-Lantow. „Wenn
       unsere Spieler mit den Jugendlichen interagieren, ist das etwas anderes,
       als wenn Lehrer oder Eltern sagen, sie sollen nicht konsumieren.“ Die
       Gruppe ist im Bremer Theater im Volkshaus zuhause, tourt auch durch
       Niedersachsen und den Rest des Bundesgebiets. Kein Wunder, ein Theater in
       dieser Form gibt es sonst nur in Stuttgart.
       
       Das „Herzstück“ der Wilden Bühne sei die Arbeit mit den Schauspieler:innen,
       so Uhlemann-Lantow. „Wer herkommt, hat die Möglichkeit, sich in einem
       cleanen Umfeld zu stabilisieren.“ Wegen ihrer Suchterkrankung würden die
       Menschen in der Regel stigmatisiert. „Hier können sie offen damit umgehen –
       und bekommen dafür sogar Applaus.“
       
       Beim Thema Abstinenz gibt es einen Vertrauensvorschuss. Aber was passiert,
       wenn jemand rückfällig wird? „Wir reden über so intime Sachen – langfristig
       kann man das nicht verbergen“, sagt Rosenmöller. Es gebe dann ein festes
       Prozedere: Die Leitung werde informiert, die Person müsse sich
       stabilisieren, sich der Gruppe mitteilen und eine Auftrittspause einlegen.
       
       Zu Sucht gehört auch lügen. So hat Rosenmöller als Jugendlicher zunehmend
       seine Eltern angelogen. „Ich war pfiffig, hatte gute Noten, war
       Schulsprecher.“ Er habe nie erzählt, wie es ihm eigentlich ging. Der Rausch
       sei seine Art gewesen, sich zu regulieren. Mit 18 dann der erste
       Zusammenbruch vor seinen Eltern. „Wir sind in die Psychiatrie gefahren. Ich
       habe aufgehört zu kiffen. Dafür habe ich noch mehr gespielt und getrunken.
       Die Suchtverlagerung habe ich nicht bemerkt.“
       
       ## Krankenpfleger und ein Schrank voller Medikamente
       
       Das „Fatale“, wie Rosenmöller es nennt, sei dann die Ausbildung zum
       Krankenpfleger gewesen. „Diesen Medikamentenschrank zu sehen und zu wissen,
       wofür oder wogegen ich was nehmen musste. Ich habe gedacht, ich kann
       ausrechnen, was gut geht – aber der Konsum wurde immer riskanter.“
       Besonders schlimm sei es auf der Intensivstation während der Coronapandemie
       gewesen.„Mit 14 dachte ich noch, ich kann in die Politik gehen. Mit Mitte
       20 dachte ich: Das ist jetzt mein Leben.“
       
       Als seine Partnerin nach Bremen zog, habe er die Möglichkeit für einen
       Neustart genutzt. „Ich habe alleine entzogen. Ein halbes Jahr später war
       ich komplett clean und habe eine Therapie angefangen.“ Das Spielen sei
       derweil weitergegangen – bis vor einem halben Jahr. „Der Mechanismus war
       immer noch der gleiche: Mir geht es schlecht, also zocke ich. Ich habe den
       PC dann abgebaut.“
       
       ## Legale Drogen als Einstieg
       
       Kerstins Sucht begann mit 11 und endete mit 35. In Geschichten wie ihrer
       wird deutlich, dass legale Drogen wie Nikotin und Alkohol der Einsteig sein
       können. „Dann kamen andere illegale Drogen und Kriminalität.“ Sie komme aus
       einer gewalttätigen Suchtfamilie. „Als Jugendliche fühlte ich mich so, als
       wäre ich auf einem fremden Planeten ausgesetzt worden. Ich gehörte
       nirgendwo dazu.“ Die Drogen seien ihre Strategie gewesen, mit Gefühlen
       umzugehen. „Anfangs wollte ich Spaß haben. Angezogen vom Rausch. Geblieben
       bin ich, weil es etwas in mir ruhig gemacht hat.“
       
       Irgendwann war klar: „Wenn ich jetzt nicht aufhöre, sterbe ich bald. Oder
       schlimmer: Ich werde ein Pflegefall.“ Mit dieser Aussicht habe sie sich
       endlich ihrer Scham stellen können. Ein Jahr habe es gedauert, auf Null
       runter zu dosieren. Sie habe sich dann eingestehen müssen, dass sie im
       Alltag Hilfe brauche – und sich fürs betreute Wohnen angemeldet. „Mein
       Arbeitstherapeut hat mir jeden Freitag Flyer von der Wilden Bühne gezeigt.
       Ich wollte alles, nur nicht Theater spielen. Irgendwann habe ich aufgegeben
       und bin hingegangen.“
       
       Was die Wilde Bühne Kerstin bedeutet, „ist schwer in Worte zu fassen“.
       Viele würden sich hier stabilisieren und dann weiterziehen. „Für mich ist
       es eine Dauergeschichte. Ich bin in der Erwerbsminderungsrente, aber kann
       ja nicht den ganzen Tag herumsitzen.“ Die Wilde Bühne gebe ihr Struktur.
       „Und es kommt dem, was in meiner Vorstellung Familie sein könnte, am
       nächsten. Hier kann ich auch sein, wenn ich mich schäme oder einen Fehler
       gemacht habe.“
       
       Das Ensemble spielt viel vor Jugendlichem, aber nicht nur. Auch Erwachsene
       könne man berühren, sagt Kerstin. „Sie erkennen sich oft in uns wieder.“
       Die schönste Rückmeldung hat Kerstin von drei Jugendlichen erhalten. „Sie
       haben mich in der Bahn angesprochen und erzählt, dass sie nicht mehr
       kiffen. Und dass sie den Dritten in die Gruppe geholt haben, weil er
       gemobbt wurde. Die haben sich gemerkt, was ich gesagt habe: ‚Das Leben ist
       scheiße genug, unterstützt euch gegenseitig‘.“
       
       5 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Alina Götz
       
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