# taz.de -- Garagepop-Album von White Fence: Melancholie ist blau, schmerzhaft und schön
> Der kalifornische Künstler White Fence inszeniert sich auf dem
> Garagepop-Album „Orange“ als zaudernder Liebender. Wo bitte ist die
> Widerspenstigkeit?
(IMG) Bild: Alles wird gut: Tim Presley mit Wachhund
Sanfte Missstimmung ist zu spüren, wenn der Vortragende eher verzagt „Live
with me / Are you free? I could take you miles away/ No one changes their
mind/ Like you do“ singt. Im dazugehörigen Video flattert ein Buch mit
seinen Deckeln, ein Herz pocht lila.
Der Song heißt „Unread Books“, es handelt sich dabei um die zweite
Singleauskopplung aus dem Album „Orange“ des US-Künstlers White Fence.
Bedeutungsschwanger soll die Musik „eine tranceartige Chronologie von
Unbewusstem in Songform sein, glitzernd wie ein Opal und in eiskalter
Klangtreue komponiert.“ Das kann ja alles sein, aber wird der Pressetext
Tim Presley, der „Orange“ als sein Alter Ego White Fence veröffentlicht,
überhaupt gerecht?
Immerhin, anders als heutzutage üblich, ist Presleys Musik nicht schon im
Vorfeld komplett zugänglich. Bei den Streaming-Plattformen waren nicht
einmal die Songtitel bekannt. Und das Label Drag City beschränkte sich auf
den mysteriös formulierten Waschzettel.
## Warten auf ein Lebenszeichen
Dabei ist ein neues Lebenszeichen von White Fence mehr als willkommen.
[1][Langersehnt, weil sich Tim Presley zuletzt rar gemacht hat.] Und
außerdem hat sein Buddy, der Künstler Ty Segall, „Orange“ produziert.
Zugegeben, Vorschusslorbeeren sind bei Segall unvermeidlich. Bisher waren
sie immer berechtigt. Wer noch „Joy“ kennt – das gemeinsame Album der
beiden Künstler von 2018 –, erinnert sich vermutlich an eine
Aneinanderreihung von Songs, die konsequent für Freude sorgten.
Presley steht allerdings nicht [2][im kreativen Schatten von Ty Segall.] Er
ist mindestens so geschickt und umtriebig wie Segall und hat bereits
während seinem Mitwirken bei der Psychedelic-Rockband Darker My Love in den
Zehnerjahren, mit LoFi-Instrumentierung als Singer-Songwriter White Fence
angefangen: Von Anfang an hat Presley folkloristischen Schlafzimmer-Pop mit
bewusstseinserweiternden Schattierungen erschaffen. Als Maler pointieren
seine Portraits eine Verstimmtheit, die ihm ständig zu begleiten scheint.
Folgerecht wird ihm das Genre Rock ‚n‘ Ballade zugeschrieben.
Man denkt beim Albumtitel „Orange“ auch sofort an Kalifornien und seinen
schlierigen Himmel, der wolkenverhangen durch Smog ist, an die sich langsam
durchdrückende Sonne und ihre milchig-orange Färbung. Der Auftaktsong
„That’s Where The Money Goes (Seen From The Celestial Realm)“ ist einfach
nur schön. Das Schlagzeug schubst wach, die Gitarre wiegt ins Wochenende,
die Stimme bleibt unsauber: Zigarette statt Zimtmüsli zum Frühstück.
## Sein Herz ausschütten
Für „Orange“ übernimmt [3][Ty Segall bei fast allen Songs das Schlagzeug].
Die studierte Jazz-Percussionistin Dylan Hadley füllt diese Rolle ebenfalls
aus. Anders als das Albumcover andeutet – Tim Presley im roten Pullover
(trägt sonst rote Socken), mit ausgestreckten Beinen auf einer Treppe
sitzend und etwas aufsässig schauend –, soll die Musik kein widerspenstiges
Verhalten spiegeln. Presley will nur sein Herz ausschütten und das
Alltagsleben besingen.
Der Lobgesang auf das Dasein lässt sich wahrnehmen. „Your Eyes“ etwa
beinhaltet eine ostentative Zylindertrommel, die von einer wolkenlosen,
jedoch noch nicht allzu heiteren Gitarre getätschelt wird. Trotz der
upliftenden Klänge verursacht der Song Schwermut, der von den Texten noch
bestärkt wird: „I’m a terror for your brains/ Now I’m sad to laugh at you/
Take the pattern of the moon/ Don’t pretend it’s not for you/ There’s a
sidewalk made of stars/ Balenciaga cocktail bar/ Realize that I’m waiting
for you/ A tear of sacred blue, sacred blue/ Blue“.
Blau steht als Farbe für Melancholie und vielleicht ist es ein Trugschluss
zu erwarten, wer das Leben besingt, komponiert fröhliche Popsongs. Es macht
nur Sinn, dass die elf Songs von La Luz' Alice Sandahl begleitet werden,
die mit ihrem Keyboard die verwaschene Gemütsstimmung in diffuse Sehnsucht
verwandelt. Genau diese Gefühlslage definiert treffend, was der Sound des
Albums evoziert: einen Bastard aus schmerzhaft und schön, Wehmut und
Sehnen. Zugleich bedeutet die Farbe Orange auch Vitalität.
Etwas mehr Widerspenstigkeit wäre dennoch wünschenswert gewesen. Die
ausgestellte Vitalität von White Fence neigt manchmal gefährlich zur
Rührseligkeit, klingt zwar okay, aber belanglos. „I Came Close, Orange For
Luck“ hallt dann gewohnt psychedelisch, ist aber beinahe so
hippiesk-fröhlich wie Julia Roberts in „Eat Pray Love“. Während die
Schmeicheleien zu ergrauen drohen, versöhnt „Blind Your Sun“ zum Abschluss
mit himmelhochjauchzender Johnny-Marr-Gitarren-Seligkeit.
14 May 2026
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## AUTOREN
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