# taz.de -- Stadtbäume unter Druck: Zwischen Klimakrise und Beton
> Bäume tragen dazu bei, dass Städte auch in Zeiten der Klimakrise
> lebenswert bleiben. Es wird allerdings schwerer, den Bestand zu erhalten.
(IMG) Bild: Jeder Baum macht glücklich
epd | Freiwillig würden sich Bäume den Standort zwischen hohen Häusern und
Straßen wohl nie aussuchen: verdichteter Boden, Feinstaub, Versiegelung,
Baustellen und Autos, die auf ihren Wurzeln parken. Hinzu kommen
[1][steigende Temperaturen durch die Klimakrise]. Straßenbäume in
Großstädten stehen zunehmend unter Druck. „Es wird schwerer, unseren
Bestand weiterhin so zu erhalten“, sagt Torsten Melzer, Straßenbaum-Manager
der Stadt Hamburg. Dieser Frühling beispielsweise sei bisher viel zu
trocken. „Zum Glück hatten wir im Winter viel Schnee und das Grundwasser
befindet sich aktuell auf unbedenklichem Niveau“, sagt der Biogeograph.
Das Grün sorgt dafür, dass [2][Städte in Zeiten des Klimawandels]
lebenswert bleiben. [3][Städte heizten sich besonders auf], aber unter
Bäumen herrsche ein angenehmes Mikroklima, erklärt Melzer. „Das
Zusammenspiel aus Schatten und Verdunstungskälte wirkt wie eine grüne
Klimaanlage.“ Eine Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH)
Zürich ergab, dass Bäume eine Stadt im Sommer um durchschnittlich zehn Grad
Celsius herunterkühlen können. Das könnte [4][Leben retten], denn
geschwächte und alte Menschen leiden besonders unter der Hitze.
## Kostenlose Ökosystemleistung
Außerdem produzieren Straßenbäume Sauerstoff, filtern Schadstoffe und
verbessern die Luftqualität, wie der Naturschutzbund (Nabu) Hamburg
informiert. Sie bieten Schatten, schützen vor Wind, halten Lärm ab und sind
Lebensraum für Tiere. „Bäume liefern all diese Ökosystemleistungen
kostenlos“, sagt Katharina Schmidt, Referentin für Stadtnatur.
Welche Vorteile zusätzliches Grün für die Stadtbevölkerung haben kann,
zeigt das Online-Tool „Stadtgrün wertschätzen“ des Instituts für
ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW). Für 23 große deutsche Städte lässt
sich die Leistung des Grüns berechnen. Was wäre etwa, wenn eine Stadt wie
Hamburg die Zahl der Straßenbäume von aktuell sechs auf zwölf pro 100 Meter
verdoppeln würde? Durch Luftreinhaltung oder Kohlenstoffregulation summiert
sich nach den Berechnungen des IÖW die zusätzliche Ökosystemleistung der
Bäume auf mehr als 42 Millionen Euro pro Jahr.
## Alte Bäume sind praktisch nicht ersetzbar
In Hamburg kontrollieren Straßenbaum-Manager Melzer und sein Team die
Stadtbäume regelmäßig: „Wie bei einer Krankenakte dokumentieren wir jeden
einzelnen Baum in einem Baumkataster“, erläutert Melzer. Seit 2018 steigt
ihre Zahl, aktuell gibt es rund 230.000 Straßenbäume in [5][Hamburg], der
älteste ist eine 305 Jahre alte Stiel-Eiche in Othmarschen. Für sein
Stadtbaum-Management wurde Hamburg 2025 vom Europäischen Baumpflegerat mit
dem Preis „Europäische Stadt der Bäume“ geehrt.
„Altbäume sind praktisch nicht ersetzbar“, sagt Melzer. Sie hätten es
geschafft, ihr Wurzelsystem weit auszubreiten und könnten Trockenperioden
für eine gewisse Zeit gut überstehen. Wassermangel schade vor allem
Jungbäumen, die noch ein Wurzelgeflecht ausbilden müssten.
„Je älter ein Baum, desto mehr leistet er“, erklärt Biologin Schmidt. Eine
80 Jahre alte Linde bilde jährlich 89.000 Liter Sauerstoff und binde 160
Kilogramm CO2 – eine 20 Jahre alte Linde bilde dagegen nur 10.000 Liter
Sauerstoff und binde 18 Kilogramm CO2. Für einen gefällten Altbaum mit
einer 20 Meter großen Krone brauche es etwa 400 neue Jungbäume, um den
Verlust auszugleichen, heißt es in einer Studie der Technischen Universität
Dresden.
## Mehr Artenvielfalt
Die meisten Straßenbäume wie Linden, Ahorne oder Eichen sind vor
Jahrzehnten in großen Zahlen gepflanzt worden. Melzer: „Sie galten damals
als ideale Stadtbäume.“ Ob das in Zukunft so bleibt, sei angesichts immer
neuer Schädlinge oder Krankheiten ungewiss. Die rotblühende Rosskastanie
habe sich bereits vom Hoffnungsträger zum Problembaum gewandelt: Wurde sie
vor Jahren wegen ihrer Widerstandskraft gegen Miniermotten als Zukunftsbaum
gefeiert, ist die Euphorie längst vorbei: „Durch ein eingeschlepptes
Bakterium stirbt bei dieser Kastanienart die Rinde ab“, erklärt Melzer.
„Viele verschiedene Arten zu pflanzen, macht Bäume widerstandsfähiger gegen
Krankheiten und Schädlinge“, sagt er. Aktuell wachsen an Hamburgs Straßen
320 Baumarten. Neben den bekannten Arten wie [6][Eiche], Ahorn, Hainbuche
und Platane setzt die Stadt auf klimaresistente Gattungen wie Amberbaum
oder Zelkove. Dabei appellieren Naturschützer, nicht zu exotisch zu werden.
„Es sollten [7][Baumarten aus Europa] sein, die auch auf natürlichem Wege
einwandern könnten“, sagt Schmidt. Bei Arten aus Übersee sei das Risiko
größer, dass diese keine ökologischen Funktionen wie Lebensraum und Nahrung
für heimische Tiere böten.
Menschen sind da weniger wählerisch: [8][Jeder Baum macht glücklich]. Laut
Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung sind Menschen weniger
depressiv, wenn sie Bäume vor der Tür haben. Und viele setzen sich für
„ihre“ Bäume ein. In Hamburg beispielsweise demonstrieren viele Leute gegen
Abholzungen, gießen Jungpflanzen und spenden, wie Melzer erzählt: „Im
vergangenen Jahr waren es rund 70.000 Euro für neue Bäume.“ Damit die
Zukunft grüner wird.
11 May 2026
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