# taz.de -- Vor dem Finale von GNTM: Auch als Feministin kann man „Germany’s Next Topmodel“ lieben
> Die Show bietet vor allem Frauen, trans Menschen und Gays eine Chance,
> der Durchschnittsmann spielt nur eine Nebenrolle. Gut so, sagt unsere
> Autorin.
Einmal im Jahr wird bei „Germany’s Next Topmodel“ blondiert, bis die
Kopfhaut brennt, geschnitten, bis die Tränen kullern, die Haarverlängerung
verklebt, bis die Augen strahlen. Beim legendären Umstyling nötigt Heidi
Klum „ihre Models“ zu – mal mehr, mal weniger grausamen – Frisuren. Jahr
für Jahr ist diese Folge ein Highlight der Sendung. Für die
Teilnehmer:innen, für das Internet, für mich. Die Kandidat:innen bekommen
einen neuen Look. Und ich ein Höchstmaß an Unterhaltung.
[1][„Germany’s Next Topmodel“, kurz: GNTM], ist mein guilty pleasure. Die
Sendung, die verhasst ist, weil sie Generationen von jungen Menschen unter
Druck gesetzt hat, genauso glatt und schlank zu sein wie ein Victoria’s
Secret Angel. Dass Frauen seit jeher in unrealistische Körperbilder
gepresst werden, macht mich wütend. Trotzdem will ich mich nicht schämen,
dass ich seit fast 21 Staffeln jeden Donnerstag einschalte. Im Gegenteil.
Ich finde: Auch als Feministin kann man die Show guten Gewissens lieben.
Ja, GNTM kapitalisiert Menschen und ihr Aussehen. Dass Frauen lange Zeit
dünn, weiß und normschön sein sollten, ist aber kein GNTM-Problem, sondern
ein gesamtgesellschaftliches. Ich finde es unfair, Heidi Klum ständig einen
chronischen Schönheitswahn vorzuwerfen, während der Rest der (Medien-)Welt
lange Zeit keinen Schritt weiter war.
Was GNTM der Reality-Konkurrenz aber mittlerweile voraus hat: Die Sendung
handelt Ideale zumindest aus, statt sie stillschweigend zu reproduzieren.
Heute sehe ich auch Teilnehmer:innen mit Bierbauch, Haarausfall, ohne
Gehör, fernab einer vermeintlichen Perfektion. Im Mittelpunkt stehen bei
GNTM vor allem Frauen, Gays, trans Menschen, die reisen, Geld verdienen,
Karriere machen. Der Durchschnittsmann spielt hier endlich mal nur die
Nebenrolle. Klar, Diversity ist auch eine Vermarktungsstrategie. Aber für
mich gibt es Schlimmeres als Sichtbarkeit aus kommerziellem Kalkül –
nämlich gar keine.
## Die Möglichmacherin
Und dann ist da auch noch [2][Heidi Klum selbst]. Eine Frau, die einst „zu
dick“ für den Modelmarkt in Deutschland war und sich über Umwege zu einer
globalen Marke gemacht hat – in einer Branche, in der Frauen traditionell
vermarktet werden, statt selber zu vermarkten. Man muss Klum nicht mögen.
Man kann sie albern finden, ihre Moderationsweise übergriffig, ihr Lächeln
aufgesetzt. Aber man kann nicht verkennen, dass sie seit zwanzig Jahren die
Öffentlichkeit prägt. Und Möglichkeiten eröffnet.
Längst ist GNTM kein Model-Wettbewerb mehr, sondern eine
Influencer:innen-Akademie. Die Kunden dieser Staffel: Ebay und McDonald’s
statt Vogue und Versace. Das finde ich zwar cringe, aber wenigstens
ehrlich. Die Sendung will keine Supermodels hervorbringen, sondern
Werbegesichter. Spätestens als die Teilnehmer:innen dieser Staffel sich bei
einer Pressekonferenz einer Reihe von Boulevardmedien stellen mussten, war
klar: Wer die krasseste Story erzählt, hat gewonnen – zumindest einen
Zeitungsartikel.
Es geht offensichtlich um das Kapital medial tauglicher Persönlichkeiten.
Und von denen hat GNTM einige hervorgebracht. [3][Stefanie Giesinger] führt
mehrere Unternehmen und arbeitet als internationales Model. Rebecca Mir ist
als Moderatorin der Sendung „taff“ durchgestartet. Und Lena Gercke war als
Model und Unternehmerin auf dem Cover des Wirtschaftsmagazins Forbes.
Viele ehemalige Kandidat:innen sind heute erfolgreiche Influencer:innen.
Dabei handelt es sich überwiegend um Frauen, trans Menschen, Gays, die die
Chancen genutzt haben, die GNTM bietet: Aufmerksamkeit, Reichweite,
Erfahrungen mit Öffentlichkeit.
## Von Heidi zu Harpers
Dass die Sendung vor allem ein Vermarktungs-Sprungbrett ist, zeigt diese
Staffel unverblümt. Am 28. Mai wird das Finale nicht in Köln, Mannheim oder
Berlin ausgetragen, sondern in Hollywood itself. Zwei Teilnehmer:innen
werden zu Gewinner:innen gekürt und gewinnen jeweils 100.000 Euro sowie ein
Coverfoto auf der deutschen Ausgabe von Harper’s Bazaar.
Ich werde zuschauen, wie die Finalist:innen in überdrehten Kostümen über
den Laufsteg schweben und Heidi Klum Wangenküsschen an ihre prominenten
Gäste verteilt. Und mich dabei guten Gewissens verdammt entertaint fühlen.
24 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Sheila Dierks
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