# taz.de -- Netflix-Doku über Americas Next Topmodel: Ein wahr gewordener Albtraum
       
       > Eine Doku möchte herausfinden, wie schlimm es hinter den Kulissen der
       > US-Castingshow wirklich war. Die Antwort: Sehr schlimm!
       
 (IMG) Bild: Tyra Banks, Supermodel und Host von Americas Next Topmodel im Jahr 2004
       
       Am Make-over kam bei „Americas Next Topmodel“ keine vorbei. Wer die ersten
       Wochen [1][der Model-Castingshow], die zwischen 2003 und 2018 beim
       US-Sender UPN lief, überstanden hatte, musste sich in die Hände der
       Stylisten begeben. Es wurden Haare geschnitten, gefärbt oder angeklebt.
       Doch damit nicht genug. Neben Brazilian Waxing vor laufender Kamera
       gehörten auch irreversible Zahneingriffe zur Typveränderung.
       
       Als eine Teilnehmerin sich weigerte, ihre Zahnlücke schließen zu lassen,
       schmiss Supermodel und Host der Show Tyra Banks sie aus der Sendung. Nur
       wenige Jahre später überzeugte sie eine andere Teilnehmerin, ihre Zahnlücke
       künstlich vergrößern zu lassen. Ein anderes Model musste sich vier Zähne
       ziehen lassen, weswegen sie bis heute Schmerzen beim Kauen hat.
       
       Sie ist nur eine von vielen Teilnehmerinnen, die ihre Erfahrungen von
       damals in der aktuellen Netflix-Doku „Reality-Check: Inside Americas Next
       Topmodel“ teilt. Sie erzählen von harten Kommentaren durch die Juror_innen
       („Du siehst aus wie ein Kinderpornostar“), körperlichen Zusammenbrüche und
       problematischen Fotoshootings bis hin zu sexuellen Übergriffen. Diese
       Erfahrungen lassen die Filmemacher Daniel Sivan und Mor Loushy dann von den
       Juror_innen Tyra Banks, Jay Manuel, J. Alexander und Nigel Barker
       kommentieren.
       
       ## Zwischen Blackfacing und Kakerlaken
       
       Ein Teil widmet sich den Fotoshootings, die über die Jahre immer extremer
       geworden sind. In einer Staffel mussten sich die Models als Obdachlose
       verkleidet auf der Straße zwischen Müll rekeln, ein anderes Mal eine
       Unterhose aus rohem Fleisch tragen oder mit Tauben und Kakerlaken posieren.
       Ein Extremfall ist das „Race-Swap“-Shooting. Ganz so als wären es
       Faschingskostüme verteilt die Jury die Rollen an die Kandidatin: Eine
       Schwarze Frau wird eine Südostasiatin, [2][eine weiße Frau African
       American] oder eine „traditionelle afrikanische Frau“.
       
       Und obwohl schon damals nach der Ausstrahlung Kritik an dem Fotoshooting
       laut wurde, wiederholten sie es vier Jahre später noch einmal. Banks sagt
       dazu heute, sie hätte einfach zeigen wollen, wie schön braune und schwarze
       Haut sei.
       
       Doch es sind nicht nur Fotoshootings, mit denen die Produzenten dramatische
       Bilder produzieren wollten. Ein besonders schlimmer Fall hat sich in der
       zweiten Staffel ereignet. Eines der Models berichtet, dass sie wegen
       Alkohol das Bewusstsein verlor und von einem Mann penetriert wurde. Anstatt
       sie aus der Situation zu befreien, hielten die Produzenten die Kamera
       darauf und filmten sie auch dabei, wie sie am nächsten Tag unter Tränen
       zusammenbrach, als sie ihrem Freund erzählte, sie habe mit einem anderen
       Mann geschlafen. Es wurde also eine Frau vor laufender Kamera vergewaltigt.
       
       Eine andere Frau erzählt, wie sie bei einem Shooting von einem männlichen
       Model belästigt wurde, und im Nachhinein von Banks zurechtgewiesen wurde,
       weil sie sich wehren wollte.
       
       ## Keine_r übernimmt Verantwortung
       
       Es ist hart, eine Szene dieser Art nach der anderen zu sehen – auch für die
       ehemaligen Kandidatinnen. Man sieht ihnen an, wie sie noch immer mit den
       Erfahrungen von damals zu kämpfen haben. Und auch Banks und Co sehen ein,
       dass nicht alles richtig gelaufen ist. Doch so richtig Verantwortung
       übernehmen möchten weder sie noch die ehemalige UBN-Senderchefin oder der
       Produzent Ken Mok. Egal womit sie konfrontiert werden, sie haben stets drei
       Ausreden parat. Erstens: Die Modebranche an sich sei schuld. Zweitens: Das
       war eine andere Zeit. Drittens: Die Zuschauer wollten das so.
       
       Doch warum haben sich die Verantwortlichen dann überhaupt bereit erklärt,
       bei so einer Doku mitzumachen? Aus dem Interview mit Tyra Banks lässt sich
       lesen, dass sie sich selbst als eine Pionierin und Retterin inszenieren
       möchte. Eine, die das Fernsehen und die Modebranche revolutioniert hat.
       Eine, die die Träume der jungen Frauen Wirklichkeit werden lässt. Eine, die
       „verschiedene Formen von Schönheit“ zeigt.
       
       Und ja, vielleicht hatte sie gute Intentionen. Doch wer die Kandidatinnen
       von damals heute sprechen hört, weiß, dass ihr Plan nach hinten losgegangen
       ist. [3][Statt Körpervielfalt gab es Bodyshaming], statt Frauen zu
       empowern, wurden sie kleingehalten.
       
       So bleibt einem nach drei Stunden der Mund offen stehen, wenn Tyra Banks in
       den Raum stellt, ob die Show vielleicht mit einer 25. Staffel zurückkehren
       könnte. Wer nach diesen Bildern an ein Comeback denkt, der hat sicherlich
       nicht im Sinn, die Träume junger Frauen zu erfüllen.
       
       24 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Germanys-Next-Topmodel/!t5008310
 (DIR) [2] /Blackfacing-im-Hamburger-Schauspielhaus/!6134385
 (DIR) [3] /Fatshaming-trifft-vor-allem-Frauen/!5668334
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Carolina Schwarz
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Fernsehen
 (DIR) Serien-Guide
 (DIR) Castingshow
 (DIR) Reality-Show
 (DIR) Netflix
 (DIR) USA
 (DIR) Germany’s Next Topmodel
 (DIR) Fashionmodel
 (DIR) Model
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Schwerpunkt Rassismus
 (DIR) Germany’s Next Topmodel
 (DIR) Luft und Liebe
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) „Jail Walk“ bei Germany's Next Topmodel: Gefangen im sexistischen Narrativ
       
       GNTM ist schlimm. Das muss nicht nochmal gesagt werden. Die neueste Folge
       der Casting-Show offenbart aber eine neue Form der Perversion.
       
 (DIR) Essstörung auch wegen Klum-Sendung: „GNTM schon mehrfach geprüft“
       
       „Germany’s Next Topmodel“ trage zu Essstörungen bei, geht aus einer Studie
       hervor. Was sagt die Kommission für Jugendmedienschutz dazu?
       
 (DIR) Kolumne Luft und Liebe: Ein Laster voller Mädchenkotze
       
       Früher guckten sich Leute Hinrichtungen an, heute Castingshows. Warum
       „Germany’s Next Topmodel“ weg muss.