# taz.de -- Organisierte Kriminalität in Südamerika: Wer den Kokainhandel bekämpfen will, muss global denken
> Deutschland braucht eine außen- und entwicklungspolitische Strategie
> gegen organisierte Kriminalität. Die Zivilgesellschaft ist dabei
> entscheidend.
(IMG) Bild: Mitglieder der salvadorianischen Marine bewachen beschlagnahmte Drogenpakete an der Küste El Salvadors im Februar 2026
Kokain ist ein globales Geschäftsmodell mit lokalen Folgen an beiden Enden
der Lieferkette. Das Bundeskriminalamt bestätigt, dass Deutschland aktuell
eine Kokainschwemme erlebt, Drogenkriminalität weiterhin das zentrale
Betätigungsfeld organisierter Kriminalität in Deutschland ist und über 70
Prozent der einschlägigen Verfahren eine transnationale Dimension
aufweisen. Wer Kriminalität wirksam bekämpfen will, muss daher global
denken.
Das in Deutschland dominierende Rauschgift Kokain wird in Lateinamerika
produziert. Kaum eine Region verdeutlicht die enge [1][Verflechtung von
organisierter Kriminalität, sozialer Ungleichheit und Konsumverhalten im
globalen Norden stärker]. In den vergangenen Jahren haben sich diese
kriminellen Geschäftsbeziehungen grundlegend verändert: Aus einer reinen
Lieferantenbeziehung ist eine strukturelle Verflechtung mit europäischen
Netzwerken entstanden.
Die hohe Nachfrage in Europa macht den Handel extrem profitabel, schafft
Anreize für den Ausbau krimineller Strukturen und stellt für viele arme
Menschen eine der wenigen verfügbaren Einkommensquellen dar. Um ihre
Profite abzusichern, korrumpieren Kartelle Polizei, Justiz und Politik und
setzen in ganzen Regionen eigene Gewalt- und Ordnungssysteme durch. [2][In
Ländern wie Mexiko] pflegen einige Bürgermeister und Gouverneure enge
Beziehungen mit kriminellen Netzwerken.
Die sozialen, ökonomischen und politischen Folgekosten dieser
Verflechtungen bleiben jedoch weitgehend unsichtbar. Zwar zeigte der erste
deutsche Mafia-Untersuchungsausschuss 2024 in Erfurt, dass organisierte
Kriminalität auch in Deutschland längst legale Sektoren wie die
Gastronomie, Bauwesen, Logistik oder Sicherheitsdienste durchdrungen hat.
Das Bundeslagebild Organisierte Kriminalität 2024 belegt zudem die
zunehmende Rekrutierung deutscher Jugendlicher für kriminelle
Online-Aktivitäten.
Milliardenverluste für den Staat
Die offiziell erfassten Schäden von 2,7 Milliarden Euro und die
festgestellte gewaschene Geldsumme von 230,5 Millionen Euro bilden jedoch
nur einen Bruchteil der Realität ab. Bereits 2016 schätzte [3][eine
Dunkelfeldstudie des Bundesfinanzministeriums] das jährliche
Geldwäschevolumen auf 100 Milliarden Euro.
Da große Teile der Wirtschafts- und Finanzkriminalität nicht erfasst
werden, bleiben die umfassenden gesellschaftlichen Schäden – vom
Vertrauensverlust in den Rechtsstaat über steigende Immobilienpreise bis
hin zu Gesundheitsrisiken durch Medikamentenfälschung – weitgehend
ausgeblendet. Besonders problematisch ist zudem, dass [4][laut Europol]
rund 98 Prozent der kriminell erzielten Vermögenswerte in Europa im Besitz
der Täter verbleiben.
Erschwerend kommt die politische Instrumentalisierung der Sicherheitsagenda
hinzu. Rechte und rechtsextreme Akteure stilisieren organisierte
Kriminalität häufig zum „Ausländerproblem“ und propagieren Abschiebungen
oder eine Politik der „harten Hand“ als vermeintliche Lösungen. Solche
Ansätze verfehlen jedoch die Ursachen des Problems.
Die Einstufung krimineller Organisationen als militärischen Gegner beruht
auf der irrigen Annahme, man könne Netzwerke zerschlagen, indem man
geografische Knotenpunkte zerstört und ihre Anführer tötet. Man kann
jedoch, wie die brasilianischen Experten Matias Spektor und Oto Montagner
in der [5][New York Times] treffend schreiben, „keine Drogenlieferkette
bombardieren, die sich von Kalifornien bis Guangdong erstreckt“.
## Nach russischem Vorbild
Auch das Beispiel El Salvador [6][zeigt die Schattenseiten repressiver
Hardliner-Politik]: Dort regiert der Freund des US-Präsidenten Nayib
Bukele, der seine politische Karriere Deals mit den Köpfen krimineller
Banden verdankt. Zwar ging die sichtbare Straßengewalt durch Bukeles
Masseninhaftierungen zurück, doch nur zum Preis von
Menschenrechtsverletzungen, die juristische Expert*innen inzwischen als
„Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ einstufen.
Nicht nur dort, sondern weltweit werden nach dem Vorbild Russlands und
unter dem Vorwand der Geldwäsche- und Terrorismusbekämpfung Gesetze
verabschiedet, die die Zivilgesellschaft und unabhängigen Journalismus
kriminalisieren – also genau jene Akteure, die für die Verhinderung und
Verfolgung von Geldwäsche unverzichtbar sind.
Die Prävention gegen organisierte Kriminalität und deren Bekämpfung darf
nicht als Vorwand dafür dienen, demokratische Prozesse und Garantien
auszuhebeln, sondern muss Menschenrechte ausdrücklich stärken. Orientierung
bieten neben der Palermo-Konvention auch die kürzlich verabschiedete
[7][Resolution der Interamerikanischen Menschenrechtskommission zu
organisierter Kriminalität und Menschenrechten.]
Trotz wachsender Kosten verfügt das Geldwäscheparadies Deutschland bislang
über keine ressortübergreifende Strategie zur Prävention gegen organisierte
Kriminalität und deren Bekämpfung, die Außen-, Innen-, Entwicklungs- und
Finanzpolitik zusammendenkt und Zivilgesellschaft systematisch in
Sicherheitskooperationen und Strategien einbezieht.
## Das Wissen liegt bei den NGOs
Dabei verfügen Basisorganisationen und spezialisierte NGOs über fundiertes
Wissen zu kriminellen Strukturen und haben innovative Lösungsansätze
entwickelt. Das argentinische Projekt „Bien Restituido“ etwa setzt sich
nach dem Vorbild Italiens für die soziale Wiederverwendung beschlagnahmter
Vermögenswerte ein – ein Ansatz, der auch in Deutschland ein starkes Signal
für gesellschaftliche Resilienz setzen könnte.
Innere Sicherheit ist nicht allein Aufgabe der Polizei. Sie wächst dort, wo
Korruption eingedämmt wird, soziale und ökonomische Perspektiven entstehen
und eine handlungsfähige Zivilgesellschaft gestärkt wird.
Entwicklungszusammenarbeit leistet hierzu einen zentralen präventiven
Beitrag, indem sie Alternativen zu illegalen Märkten schafft. Der
gegenwärtige Frontalangriff auf die deutsche Entwicklungszusammenarbeit ist
deshalb ebenso kurzsichtig wie gefährlich: Diese Investitionen im Ausland
sind kein Luxus, sondern eine notwendige Investition in die eigene
Sicherheit.
13 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Gewalt-in-Mexiko/!6157979
(DIR) [2] /Kaempfe-nach-Tod-von-Drogenboss/!6157277
(DIR) [3] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.tagesspiegel.de/politik/geldwascheparadies-deutschland-ist-ein-neues-bundesamt-die-losung-gegen-finanzkriminalitat-11331757.html&ved=2ahUKEwjKoJnPkLGUAxX0VPEDHULiK-UQFnoECBYQAQ&usg=AOvVaw1BIG6HCf6SjGP5OPqZ5ADn
(DIR) [4] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.blick.ch/wirtschaft/europol-bericht-zu-geldwaescherei-zeigt-darum-werden-98-prozent-der-kriminellen-gelder-nicht-entdeckt-id18934526.html&ved=2ahUKEwj799_bkbGUAxUvSPEDHQuGAB8QFnoECBgQAQ&usg=AOvVaw0kNhCtGoHY4dmBgUhIrZaU
(DIR) [5] https://www.nytimes.com/2026/01/12/opinion/trump-venezuela-organized-crime-cartels.html
(DIR) [6] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://taz.de/Menschenrechtler-aus-El-Savador/!6114818/&ved=2ahUKEwiYmaKHkrGUAxUbRPEDHeg2PD0QFnoECB4QAQ&usg=AOvVaw0UGdGIspdGUlsebUdiuH0z
(DIR) [7] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://www.oas.org/en/iachr/decisions/pdf/2026/res-1-26-en.pdf&ved=2ahUKEwjQpNGekrGUAxV9S_EDHYhqMPQQFnoECB4QAQ&usg=AOvVaw2WkWKKvcb_ludPBqT-6lZn
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(DIR) Ingrid Wehr
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