# taz.de -- Drogenhandel von Syrien nach Jordanien: Mit Luftangriffen gegen den Captagon-Schmuggel
> Jordanien geht gegen mutmaßliche Drogenbarone im syrischen Suweida vor.
> Im Machtvakuum nach dem Sturz Assads konzententriert sich dort die
> Produktion.
(IMG) Bild: Nach dem jordanischen Luftangriff in Suweida: Ein Mann läuft am 3. Mai an einem schwer beschädigten Haus vorbei
Kampfjets der jordanischen Luftwaffe haben am vergangenen Wochenende Ziele
in der südsyrischen Provinz Suweida angegriffen. Sie trafen Lagerhäuser und
Gebäude, in denen regionale Drogenbarone mutmaßlich ihre Geschäfte
abwickeln. In Suweida, das an Jordanien grenzt, leben hauptsächlich
Drus*innen. „Die Armee wird weiterhin proaktiv und entschlossen auf
jegliche Bedrohung für Jordaniens Sicherheit und Souveränität reagieren“,
teilten die Streitkräfte dazu mit.
Laut dem syrischen Nachrichtenportal Suweyda24 galt einer der Angriffe der
Garage einer Luxusvilla eines mutmaßlichen Drogenbosses im Dorf Orman. Der
soll kurze Zeit später unversehrt in Videos aufgetaucht sein und jegliche
Verwicklung in Drogengeschäfte bestritten haben.
Es ist nicht das erste Mal, dass Jordanien im Nachbarland Syrien
bombardiert. Immer wieder hat die Luftwaffe des Königreichs in den letzten
Jahren in der syrischen Grenzregion aus der Luft angegriffen und dabei auf
den internationalen Drogenschmuggel gezielt.
Das nun getroffene Dorf Orman wurde bereits im Januar 2024 – also noch vor
dem Sturz des Regimes von Diktator Baschar al-Assad – angegriffen. Damals
starben zehn Menschen, unter ihnen zwei Kinder. [1][Wie die taz damals
berichtete], übte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW)
starke Kritik am Vorgehen des Militärs.
## Billig herzustellen, teuer zu kaufen
Die Luftangriffe sind der Höhepunkt eines „unausgesprochenen Kriegs“, der
sich seit Jahren an der jordanischen Grenze abspielt. Der reicht lange
zurück: [2][Unter dem Regime des Ex-Autokraten Baschar al-Assad hatte sich
die Produktion von Captagon in Syrien zu einem florierenden Geschäft
entwickelt.] Captagon ist eine synthetische Droge; in den kleinen runden
Pillen ist vornehmlich Amphetamin drin. Es ist billig herzustellen und
relativ teuer in der Golfregion zu kaufen. [3][Das „Kokain des armen
Mannes“] nennt man es in der Region.
Für das Regime war Captagon eine wichtige Einnahmequelle: Seine Mitglieder,
Einheiten des Militärs, selbst Assad-Bruder Maher sollen involviert gewesen
sein. Die Vorwürfe wurden stets bestritten. Die Pillen aus Syrien landeten
oft über die nördliche Grenze in Jordanien, versteckt in Lastkraftwagen,
Obstlieferungen, Karosserien oder mithilfe von Drohne durch die Luft. Nach
Recherchen der taz vor zwei Jahren – vor dem Sturz Assads – profitierten in
Jordanien lokale Stämme, korrupte Beamte und kleinere Dealer davon.
Das Königreich war zunehmend besorgt, der Handel wurde zum Politikum.
Jordanische Beamte und Forscher beschuldigten irgendwann die Islamische
Republik Iran öffentlich, durch verbündete Milizen den Schmuggel zu
unterstützen. Iran hatte Assad massiv unterstützt. Das jordanische Militär
verschärfte dann seine Einsatzregeln. Seit 2022 gilt an der Grenze in
solchen Fällen shoot-to-kill: schießen, um zu töten.
## Der Schmuggel hält nach dem Sturz Assads an
Nach dem Fall des Assad-Regimes hatten die neuen syrischen Machthaber
Lagerhäuser sowie Produktionsstätten der Droge im ganzen Land aufgedeckt.
Pillenhaufen wurden medienwirksam verbrannt. Mit Jordanien stimmten die
neuen Politiker Berichten zufolge eine gemeinsame Strategie ab.
Doch der Schmuggel war damit nicht zu Ende. Expert*innen zufolge hat
sich die Produktion in die Grenzregionen verlagert, Suweida soll zu einem
wichtigen Knotenpunkt geworden sein. „Der Schmuggel läuft oft über mit
Helium gefüllte Drogenballons oder mit Drogendrohnen“, so Syrienexperte
André Bank.
Über Teile des Gebiets haben weiter drusische Milizen die Kontrolle. Laut
dem katarischen Sender Al Jazeera galten einige der aktuellen Luftschläge
Orten, die mit der National Guard verbunden sind – einer drusischen Miliz
unter Leitung des einflussreichen Scheichs Hikmat al-Hijri. Die Gruppe
wirft hingegen der Zentralregierung vor, die Produktionsstätten befänden
sich in deren Gebiet. Sie fordert eine Untersuchung und Entschädigungen für
betroffene Zivilist*innen.
Seit einem Jahr gibt es Spannungen zwischen der neuen syrischen
Zentralregierung und den Drus*innen, die sich immer wieder in Gewalt
entladen haben. Laut Al Jazeera sind die aktuellen jordanischen Luftschläge
in „völliger Koordination“ mit der syrischen Regierung erfolgt. Eine
entsprechende Anfrage der taz an die syrischen Behörden blieb bislang
unbeantwortet.
## Drogenbosse, Jordanien, Syrien und Israel
Jordanien blickt offenbar mit großer Sorge auf das Machtvakuum in der
Region und die Entwicklung des illegalen Drogenhandels. Gleichzeitig bemüht
es sich um bessere Beziehungen zum Nachbarland. Im April besuchten
hochrangige syrische Politiker*innen Amman – ein Treffen, das
Außenminister Ayman Safadi „historisch“ nannte.
Der Geopolitikexperte Amer al-Sabaileh bestätigt, die Beziehungen zwischen
beiden Ländern seien tendenziell gut. Im Schmuggel seien jedoch viele
verschiedene Interessen und Akteure involviert. Die Luftangriffe sendeten
vor allem den Schmugglern selbst eine klare Botschaft.
Komplizierter ist die Beziehung zwischen Syrien und Israel. [4][Letzteres
hat syrische Gebiete besetzt] und immer wieder Ziele im Land bombardiert.
Drusen-Anführer al-Hijri wird eine gewisse Nähe zu Israel nachgesagt, er
selbst rief „internationale Mächte“ zur Hilfe, [5][als im vergangenen Jahr
Kämpfe zwischen Drusen und Sunniten begannen]. Israel bombardierte dann
Stellungen der neuen syrischen Regierung.
Insofern dürfte es der syrischen Regierung genehmer sein, dass Jordanien
die Luftangriffe durchführt. Ein syrischer Angriff im drusischen Gebiet
könnte Israel auf den Plan rufen. [6][Jordanien hingegen hat schon lange
Frieden mit Israel geschlossen] – und immer wieder betont, es dulde keinen
Drogenschmuggel mehr über seine Grenzen.
Ob die Luftangriffe den Handel stoppen können, ist indes fraglich. Die
Verlierer*innen dieser angespannten Lage sind die Bewohner*innen
der südsyrischen Gebiete. Suweyda24 berichtet: Die lebten in ständiger
Angst, im Kampf zwischen Kriminellen und religiösen wie politischen Mächten
als Kollateralschaden zu enden.
7 May 2026
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