# taz.de -- Bericht über Fischfangaktivitäten: Alles eine Frage der Flagge
> Zum Schutz der Bestände hat Brüssel entschieden, den Thunfisch-Fang durch
> europäische Unternehmen zu reduzieren. Aber die kennen einen Trick.
(IMG) Bild: Weil Thunfisch immer noch gut zu verkaufen ist, nutzen die Fischer alle Möglichkeiten, ihren Fang zu verbessern
ap | Die Fischereiflotte der EU-Länder zählt beim Fang von Thunfisch zu den
wichtigsten der Welt. Sie sind mit sogenannten Ringwadenfängern unterwegs,
Schiffen mit gigantischen Netzen, von denen einige fast 2.000 Tonnen Fisch
auf einmal aufnehmen können. Dutzende solcher Schiffe sind auch fern von
Europa im Indischen Ozean im Einsatz – auf der Jagd nach Gelbflossenthun,
Großaugenthun und Echtem Bonito, die [1][am Ende überwiegend in Dosen
verpackt in Supermarktregalen] landen.
Als Jess Rattle im Indischen Ozean immer öfter Ringwadenfänger unter der
Flagge von Ländern wie Mauritius, Tansania oder Oman arbeiten sah, wurde
sie misstrauisch. „Wir wollten verstehen, wem diese Schiffe tatsächlich
gehörten“, sagt die Expertin von der Organisation Blue Marine Foundation.
„Gehörten sie den Küstenstaaten, deren Quoten sie jetzt nutzten, oder
gehörten sie doch der EU?“
Ein neuer Bericht, der am Donnerstag gemeinsam von der [2][Blue Marine
Foundation] und dem Beratungsunternehmen Kroll veröffentlicht wurde, zeigt
das Ausmaß der Aktivitäten von Thunfisch-Fangschiffen aus der EU im
Indischen Ozean. Demnach geht etwa ein Drittel der dortigen Fänge von
Thunfischarten, deren Bestände sich nach einer Zeit der massiven
Überfischung gerade erst langsam wieder erholen, auf europäische
Unternehmen zurück.
Ermöglicht wird dies laut Rattle unter anderem dadurch, dass immer mehr
Schiffe in Staaten vor Ort registriert werden, um Zugang zu höheren
Fangquoten zu erhalten. Auf diese Art sei die von Europa kontrollierte
Flotte auf mehr als 50 Ringwadenfänger und Versorgungsschiffe gewachsen und
der Fang von tropischem Thunfisch habe zugenommen, obwohl die Europäische
Union sich eigentlich zu einer Reduzierung verpflichtet habe.
## Umflaggen behindert Transparenz
Die Veröffentlichung des Berichts erfolgte wenige Tage vor Beginn des
Jahrestreffens der [3][Indian Ocean Tuna Commission] auf den Malediven, bei
dem Vertreter der EU und von 28 Staaten mit Bezug zur Thunfisch-Fischerei
erwartet werden. Das Umflaggen von Schiffen ist nicht verboten und in der
Branche schon länger üblich. Durch mehrschichtige Briefkastenfirmen- und
Register-Konstrukte lässt sich aber eben auch verschleiern, wer wirklich
hinter bestimmten Aktivitäten auf den Meeren steht. „Die Möglichkeiten
Europas, zu einem Ende der Überfischung beizutragen, sind größer, als es
zunächst erscheinen mag“, sagt der Kroll-Manager Benedict Hamilton.
Tierschutzaktivistin Rattle sagt, während europäische Unternehmen auch
zuvor schon unter der Flagge der Seychellen gefischt hätten, sei die
Registrierung von Schiffen im Oman und in Kenia eine neue Entwicklung. Die
Europeche Tuna Group, die die Interessen der europäischen
Thunfisch-Industrie vertritt, erklärt in einer Stellungnahme, die
Beziehungen der Branche zu örtlichen Küstenstaaten seien ein Ausdruck
langfristiger Investitionen in der Region. Die Staaten würden durch
Steuereinnahmen, Lizenzgebühren, den Aufbau von Infrastruktur und die
Nutzung örtlicher Häfen profitieren, sagt Anne-France Mattlet, eine
Sprecherin des Verbands.
## EU sieht sich nicht zuständig
EU-Kommissionssprecher Maciej Berestecki betont, dass es sich bei
„Umflaggungen“ von Schiffen um private geschäftliche Entscheidungen handle,
die nicht von öffentlichen Behörden beeinflusst würden – und dass die EU
für Schiffe unter fremden Flaggen nicht zuständig sei. „Die EU hat ihr
Äußerstes getan, und tut dies weiterhin, um Fangquoten zu fördern und
einzuhalten“, sagt Berestecki.
Trotz der großen Entfernung sind die europäischen Fangflotten im Indischen
Ozean dominierend. Spanische und französische Thunfisch-Unternehmen
begannen dort in den 1980er Jahren mit dem Einsatz von Ringwadenfängern.
Diese arbeiten mit riesigen Netzen, die ringförmig um Schwärme von Fischen
ausgebracht und dann zusammengezogen werden – ähnlich wie bei einer Tasche
oder einem Sack mit Zugband.
Immer wieder gab es angesichts der Aktivitäten auch Streit zwischen der EU
und Staaten vor Ort. Vor fünf Jahren, als die Gelbflossenthun-Bestände
stark zurückgingen, warfen die Malediven den Europäern vor, keine
ernsthaften Vorschläge zur Senkung der Fangquoten vorzulegen. Im Jahr 2023
lehnte die EU einen Vorstoß Indonesiens für ein Ringwadennetzverbot ab.
Um eine Erholung der Bestände zu ermöglichen, führte die Indian Ocean Tuna
Commission zuletzt neue Regelungen ein, die allmählich Wirkung zeigen.
Brüssel erklärte sich bereit, den Fang von Gelbflossenthun durch Schiffe
mit EU-Flagge um 21 Prozent zu reduzieren.
Genau das habe aber offenbar viele europäische Unternehmen dazu gebracht,
nach den Quoten anderer Staaten zu schielen, um die eigenen Fangmengen
stabil halten zu können, sagt Glen Holmes von der Organisation Pew
Charitable Trusts, die sich gemeinsam mit Global Fishing Watch und weiteren
Umweltverbänden für mehr Transparenz bezüglich der Fangflotten im Indischen
Ozean einsetzt.
## Mehr Transparenz gefordert
Ähnlich wie aktuell die [4][Tanker der sogenannten Schattenflotte] nutzen
auch viele Fischereischiffe die Flaggen von Staaten, die für einen sehr
lockeren Umgang mit internationalen Regeln bekannt sind – oder deren
Regierungen einfach nicht die Ressourcen haben, um eine Einhaltung von
Regeln auf hoher See durchzusetzen. In [5][einem Bericht zeigte die
Umweltorganisation Oceana] zuletzt, dass auch europäische
Fischerei-Unternehmen regelmäßig auf solche Billigflaggen setzen.
Oceana-Expertin Vanya Vulperhors fordert, die EU-Staaten müssten deswegen
anfangen, Daten zu den Besitzern der Schiffe der eigenen Flotten zu sammeln
und zu veröffentlichen, um europäische Gesetze besser durchsetzen zu
können. Das würde dann auch ein Licht auf „die wahre Flotte der EU“ werfen,
fügt sie hinzu. Ihre Organisation habe im vergangenen Jahr herausgefunden,
dass die europäische Flotte doppelt so groß wäre, wenn man die unter
Nicht-EU-Flagge fahrenden Schiffe Europas hinzurechne.
10 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] /14-Fischarten-fuers-Festessen/!6135433&s=thunfisch/
(DIR) [2] https://www.bluemarinefoundation.com/
(DIR) [3] https://iotc.org/
(DIR) [4] /Havarierter-russischer-LNG-Tanker/!6164828
(DIR) [5] https://oceana.org/reports/behind-the-fleet-mapping-global-network-of-service-providers/
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