# taz.de -- Wie verrückt sind Trump und Co?: Cäsarenwahn in Washington
       
       > Ist Donald Trump ein bösartiger Narzisst? Wer sein erratisches Handeln
       > analysiert, kann zu diesem Schluss kommen. Und es gibt mehr mächtige
       > Kandidaten.
       
 (IMG) Bild: Niemand darf sein grandioses Selbstbild infrage stellen: US-Präsident Donald Trump
       
       Es ist nicht schwer, den cäsaristischen Führerfiguren der Gegenwart
       psychiatrische Diagnosen zuzuordnen. Die Frage ist, ob es erlaubt und ob es
       hilfreich ist.
       
       Zu Beginn von Trumps erster Amtszeit veröffentlichten 27 der bekanntesten
       US-amerikanischen PsychiaterInnen und PsychologInnen einen Sammelband mit
       dem Titel [1][„Wie gefährlich ist Donald Trump?“ („The Dangerous Case of
       Donald Trump: 27 Psychiatrists and Mental Health Experts Assess a
       President“, deutsch 2017).] Bereits damals wiesen sie auf Trumps bösartigen
       Narzissmus mit einem Mangel an Schuldbewusstsein und einer Neigung zur
       „Wirklichkeitssabotage“ hin.
       
       Philip Zimbardo und Rosemary Sword bescheinigten in ihrem Beitrag zum Buch
       Trump einen „zügellosen oder extremen Gegenwartshedonismus“, welchen man
       mit Hilfe eines Time Perspective Inventory sogar messen könne. Eine
       geordnete Zeitperspektive zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sei
       in Trumps Fall außer Balance geraten oder zerbrochen. Emotional unreife
       Erwachsene bleiben in der für Kinder normalen Gegenwartsfixierung hängen
       und produzieren dadurch eine Fülle von Widersprüchen. „Entscheidungen
       werden aufgrund unmittelbarer Reize getroffen.“ Dazu gehört auch die
       Übernahme unüberprüfter Informationen und plötzlicher Einfälle.
       
       Wenn man sich heute über [2][das „erratische Element“ in Trumps Politik]
       wundert, dann muss man der über zehn Jahre alten Diagnose und Prognose der
       psychologischen ExpertInnen eine hohe Treffergenauigkeit zuerkennen. Damals
       gab es Proteste, weil man den AutorInnen vorwarf, die „[3][Goldwater Rule]“
       der American Psychiatric Association verletzt zu haben, welche
       psychologische Ferndiagnosen von Politikern als unethisch untersagt hatte.
       Solange man eine Person nicht persönlich aus der Praxis kenne, könne und
       dürfe man sich als Expertin oder Experte nicht äußern.
       
       ## Elon Musk und Putin einbezogen
       
       Aber was soll man machen, wenn man erstens klar eine Gefahr auf die
       Allgemeinheit zukommen sieht (dafür gibt es in den USA sogar die
       Meldepflicht der [4][„Tarasoff-Doktrin“]) und wenn einem zweitens die zu
       analysierenden Personen täglich persönliche Daten liefern, indem sie uns
       ohne Einladung im Wohnzimmer besuchen und auf der Nase herumtanzen?
       
       Der österreichische forensische Psychiater [5][Reinhard Haller] hat
       kürzlich die Trump-Diagnose eines extremen Narzissmus wiederholt und auch
       gleich Elon Musk und Putin einbezogen.
       
       Nach Hallers Überblick zeigen die Narzissten die fünf großen E: Egozentrik,
       extreme Eitelkeit, Entwertung anderer Menschen, persönliche Empfindlichkeit
       und schließlich einen Empathiemangel – wobei ich Letzteres eher
       „selektiv-instrumentalisierende Empathie“ nennen würde.
       
       Es ist wichtig, die Unterscheidung zwischen einem benignen (eher
       gutartigen) Narzissmus, wie er sich z.B. bei Künstlern findet, und einem
       malignen (bösartigen) Narzissmus vorzunehmen. Der bösartige Narzissmus
       eines Menschen ist eindeutig daran zu erkennen, dass er die Personen, die
       sein grandioses Selbstbild infrage stellen, konsequent und gnadenlos
       entwürdigt und sie geradezu suchtartig mit Schadenfreude überschüttet.
       
       ## Und dann die „Sekundärnarzissten“
       
       Denken Sie an die Liste der extremen Beschimpfungen von Menschen in der
       Rhetorik des FPÖ-Spitzenpolitikers Herbert Kickl und von Donald Trump.
       Beliebt sind neben Strafandrohungen (Fahndungslisten für die Gegner) auch
       extreme Vernichtungsfantasien, wie sie Trump Anfang April 2026 gegenüber
       der gesamten iranischen Zivilisation geäußert hat.
       
       Der Führer vermeidet jegliche Selbstkorrektur und wittert stattdessen
       überall Feinde. Die Berater und Höflinge, die „Sekundärnarzissten“ um den
       Führer haben Angst, fallen gelassen („gefeuert“) zu werden, und reden ihm
       nach dem Munde, was den Realitätssinn des Narzissten im Zentrum weiter
       unterminiert und dessen Tendenz zur „Wirklichkeitssabotage“ verstärkt.
       
       Die Befunde erinnern an den „Cäsarenwahn“, etwa des römischen Kaisers
       Caligula (12–41 nach Chr.), den zuerst Tacitus beschrieben und den dann
       1894 der [6][deutsche Historiker Ludwig Quidde zur Empörung seiner
       kaisertreuen Zeitgenossen untersucht hat.]
       
       Caligula war zu Beginn seiner Amtszeit durchaus beliebt. Er erließ Steuern,
       verbilligte die Getreideversorgung und sorgte nach dem Prinzip „Brot und
       Spiele“ für ausreichend Unterhaltung. Doch bald wollte Caligula als
       unfehlbar gesehen werden, erklärte sich zu einem verehrungswürdigen Gott,
       verspottete die verbliebenen republikanischen Institutionen und
       Würdenträger, indem er etwa sein Pferd zum Senator ernannte, zeigte Zeichen
       von extremer Paranoia und erschreckte seine Umwelt immer wieder durch
       plötzliche Einfälle und Strafaktionen.
       
       ## In göttlichem Auftrag
       
       Caligula inszenierte sich als Eroberer bei der Vergrößerung des Imperiums,
       aber auch als Schauspieler und großer Entertainer innerhalb und außerhalb
       der Zirkusarena. Auch andere römische Kaiser erlagen dem Cäsarenwahn, der
       nach dem Verlust der republikanischen Kontrollinstanzen als permanente
       Gefährdung in das mächtigste aller Ämter eingebaut war.
       
       Es scheint so zu sein, dass die Rolle des cäsaristischen Führers seit
       Caligula unbedingt auch den religiösen Heiligenschein und einen behaupteten
       göttlichen Auftrag braucht. Bei Trump ist ein solcher Anspruch derzeit
       offensichtlich. Er belehrt [7][den Papst] und verkündet, dass Gott und
       Jesus seine Berater und Auftraggeber seien.
       
       Dafür muss allerdings der Aspekt der christlichen Nächstenliebe etwas
       uminterpretiert werden. Trumps Kriegsminister betet, dass „Jesus jede
       amerikanische Kugel ihr Ziel finden lassen möge“. Die Abbildung von Trump
       zeigt ihn als Jesus mit Kriegsgerät im Hintergrund.
       
       In Österreich versprach Herbert Kickl den Menschen im Sinne von Apostel
       Paulus, dass er ihnen endlich „Glaube, Liebe und Hoffnung“ zurückbringen
       werde (Parteitag der FPÖ 2025), nachdem er sich im Herbst 2024 auf
       Wahlplakaten bereits mit dem Satz „Euer Wille geschehe!“ empfohlen hatte.
       Immerhin hatte sich bereits Kickls Vorbild Jörg Haider gelegentlich mit
       Jesus verglichen. Im Gefolge der Coronakrise war Kickl – ähnlich Trump –
       als ein großer Heilpraktiker und Erlöser aufgetreten, [8][der
       lebensgefährliche Empfehlungen gab.]
       
       Bei Orbán mit seinem Kult um das ungarische Christentum und den heiligen
       König Stefan liegt oder lag die religiöse Selbstbeweihräucherung und
       Selbsterhöhung auf der Hand. In Israel scheint Netanjahu zur Gänze von
       seinen ultraorthodoxen Koalitionspartnern und ihren expansiven Fantasien
       abhängig und sieht sich selbst in einer spirituellen Mission für ein
       biblisches Groß-Israel. In Russland bekommt Putin den umfassenden Segen vom
       orthodoxen Patriarchen Kyrill I., der den Krieg gegen die Ukrainer zu einem
       heiligen Krieg gegen den Westen erklärt hat.
       
       Man kann sagen, dass all die aufgezählten Führerfiguren mit geringfügigen
       Varianten eine Kombination von einem malignen Narzissmus mit einem religiös
       unterlegten gefährlichen Cäsarenwahn repräsentieren. Mit der Abwahl von
       Viktor Orbán in Ungarn ist ein erster Schritt zur demokratischen Demontage
       des internationalen Cäsarismus getan. Doch der nächste potenzielle
       europäische Bannerträger wartet schon in Österreich.
       
       9 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://psychosozial-verlag.de/pdfs/leseprobe/9783837927979.pdf
 (DIR) [2] /Trump-im-Irankrieg/!6172038
 (DIR) [3] /Putins-irrationales-Auftreten/!5838142
 (DIR) [4] https://en.wikipedia.org/wiki/Tarasoff_v._Regents_of_the_University_of_California
 (DIR) [5] https://www.youtube.com/watch?v=zKz4gluqKOY
 (DIR) [6] /Das-Imperium-schlaegt-zurueck/!1118856&s=Ludwig+Quidde+caligula/
 (DIR) [7] /Das-Evangelium-nach-Donald-Trump/!6168146
 (DIR) [8] https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/ivomectin-entwurmungsmittel-in-oesterreich-ausverkauft-weil-fpoe-chef-es-bei-corona-empfiehlt-a-42689153-8d8b-4e52-bab1-e86a293fd1b8
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Klaus Ottomeyer
       
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       Pandemie oder der Klimakrise in neurotisch-paranoide Ängste transformieren.
       
 (DIR) Narzissmus in der Politik: Gefährliche Liebschaften
       
       Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz und Ex-US-Präsident Donald Trump
       werden von Anhängern wie Geliebte behandelt. Eine psychoanalytische
       Diagnose.
       
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       Ottomeyer. Vom „besorgten Bürger“ dürfe man sich nicht kirre machen lassen.