# taz.de -- Regierungskrise in Rumänien: Kopflos in Bukarest
       
       > Die Koalition von Ilie Bolojan, Chef der liberalkonservativen PNL, stürzt
       > über ein Misstrauensvotum. Die rechtsextreme Partei AUR triumphiert.
       
 (IMG) Bild: Da hilft auch Telefonieren nichts mehr: Ilie Bolojan ist abgewählt
       
       Noch nicht einmal ein Jahr im Amt, ist die rumänische Regierung schon
       wieder Geschichte. Bei einem Misstrauensvotum am Dienstag stimmten 281
       Abgeordnete für die Absetzung der Regierungskoalition unter Führung von
       Ilie Bolojan – 48 mehr als erforderlich. Bolojan gehört der
       Nationalliberalen Partei (PNL) an.
       
       Während einer Debatte, die der Abstimmung vorausgegangen war, hatte Bolojan
       das Misstrauensvotum als „zynisch und künstlich“ bezeichnet. „Es scheint
       von Leuten geschrieben worden zu sein, die nicht täglich in der Regierung
       tätig und nicht an allen Entscheidungen beteiligt waren. Es ist zynisch,
       weil es den Kontext, in dem wir uns befinden, nicht berücksichtigt. Ich
       habe das Amt des Premierministers übernommen, wohl wissend, dass es mit
       einem enormen Druck verbunden ist und ich nicht den Beifall der Bürger
       ernten würde. Aber ich habe mich entschieden, das zu tun, was für unser
       Land dringend und notwendig war“, sagte Bolojan.
       
       Für den Erfolg des Misstrauensvotums maßgeblich mitverantwortlich ist die
       Sozialdemokratische Partei (PSD), die der Koalition angehört hatte. Laut
       des ausgehandelten Koalitionsvertrages hätte sie den Posten des
       Ministerpräsidenten im Zuge eines Rotationsverfahrens 2027 besetzen sollen.
       
       Aber bereits im vergangenen Monat hatte die PSD versucht, Ilie Bolojan zu
       Fall zu bringen und schließlich die Koalition verlassen. Die Regierung
       hatte im vergangenen Juni die Reduzierung des Haushaltsdefizits zu einer
       ihrer Hauptaufgaben erklärt.
       
       ## Eigentlicher Drahtzieher
       
       In der Folgezeit waren die PSD und Bolojan des Öfteren wegen Sparmaßnahmen
       aneinander geraten – darunter Steuererhöhungen, das Einfrieren von Löhnen
       und Renten im öffentlichen Dienst sowie Kürzungen von öffentlichen Ausgaben
       und Stellen in der öffentlichen Verwaltung. Die PSD erklärte, Bolojan habe
       in seinen zehn Monaten als Regierungschef „keine wirkliche Reform
       umgesetzt“. Rumänien brauche einen Anführer, der „zur Zusammenarbeit fähig“
       sei.
       
       Das US-Magazin Politico sieht als eigentlichen Drahtzieher hinter dem Sturz
       von Bolojan den MAGA-Fan, Mitbegründer und Vorsitzenden der rechtsextremen
       Partei Allianz für die Vereinigung der Rumänen (AUR), George Simion.
       
       Die AUR hatte bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit der PSD Ende April
       angekündigt, einen gemeinsamen Antrag für ein Misstrauensvotum
       einzureichen. B[1][ei der Präsidentenwahl 2024, die später annulliert
       wurde], verpasste Simion den Einzug in die Stichwahl. Bei der Wiederholung
       des Votums im Mai vergangenen Jahres erreichte er mit 41 Prozent das beste
       Ergebnis aller Kandidaten, [2][unterlag in der Stichwahl jedoch dem
       Ex-Oberbürgermeister von Bukarest, Nicușor Dan].
       
       Laut einer Umfrage vom vergangenen April verbucht die AUR mit 35 Prozent
       derzeit die höchsten Zustimmungswerte. Die Wähler hätten sich „Wasser,
       Nahrung und Energie gewünscht“, stattdessen aber „Steuern, Krieg und Armut“
       erhalten, sagte Simion am Dienstag und forderte vorgezogene Neuwahlen. „Wir
       gestalten die Zukunft dieses Landes, bilden eine zukünftige Regierung und
       geben den Rumänen neue Hoffnung. Rumänien muss sich wieder dem Willen der
       Rumänen zuwenden“, so Simion.
       
       ## Versuche der Beruhigung
       
       Noch am Montag hatte Staatschef Dan versucht, sowohl die rumänische
       Bevölkerung als auch die europäischen Verbündeten zu beruhigen. Er wolle
       den Rumänen versichern, dass Rumänien, ungeachtet des Ausgangs des
       Misstrauensvotums, seinen westlichen Kurs beibehalten werde, sagte er auf
       einer Pressekonferenz. Es könne ein oder zwei Wochen der Unsicherheit
       geben. Aber das solle niemanden beunruhigen, denn man halte an den
       wichtigen Zielen fest.
       
       Cristian Anfrei, politischer Berater in Bukarest, ist da weniger
       optimistisch und spricht von einem Patt. Der Präsident werde Wochen
       brauchen, um eine Mehrheit zu finden. Für ein neues Kabinett gebe es zwei
       Optionen: eine umgebildete Koalition ohne Bolojan in der gleichen
       Konstellation oder ein Minderheitskabinett, das eher von der PSD und
       Satelliten populistischer Parteien geführt werde. Ein offizielles Kabinett
       aus PSD und AUR scheide aus, da der Präsident dieses nicht unterstützen
       werde.
       
       Eine längliche Hängepartie ist das Letzte, was Rumänien jetzt brauchen
       kann. Bukarest muss bis August wichtige Reformen zum Abschluss bringen,
       damit EU-Fördergelder in Höhe von rund 11 Milliarden Euro freigegeben
       werden. Gelingt es nicht, die öffentlichen Finanzen in Ordnung zu bringen,
       droht Rumänien möglicherweise auch eine Herabstufung seiner
       Kreditwürdigkeit.
       
       5 May 2026
       
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 (DIR) Barbara Oertel
       
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