# taz.de -- Männer mit Behinderung berichten: Wie inklusiv ist Männlichkeit?
       
       > Mit Behinderungen sind viele Ideen von Männlichkeit kaum kompatibel. Drei
       > Männer von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben (ISL) teilen
       > ihre Erfahrungen.
       
 (IMG) Bild: Fast so exklusiv wie starre Vorstellungen von Männlichkeit: die deutsche Infrastruktur
       
       ## „Wichtiger ist, wie menschlich man ist“
       
       Groß, stark, sportlich: Mit diesen Bildern von Männlichkeit bin ich in den
       neunziger und nuller Jahren aufgewachsen. Körperlich konnte ich das nicht
       erfüllen. Ich habe Glasknochen, sitze im Rollstuhl und bin „nur“ 1,06 Meter
       groß. Zudem habe ich eine recht starke Skoliose. Für meinen Körper besteht
       Bruchgefahr, die kann lebensbedrohlich sein. Deshalb kann ich
       beispielsweise nicht schwer heben.
       
       Auch das, was viele Menschen für einen männlichen Charakter halten, ist
       nicht so meins. Ich bin nicht der starke Typ Alleinverdiener und habe das
       schon früher abgelehnt. Zum Glück lockert sich diese Wertevorstellung
       gerade ein wenig auf. Wenn man sich eine Beziehung suchen möchte, kann es
       als nicht der Norm entsprechender Mann dennoch schwierig sein. Hinzu kommt
       – und vermutlich wiegt das schwerer: Für nicht behinderte Menschen ist es
       nicht so üblich, wie es sein sollte, mit einem Menschen mit Behinderung
       zusammen zu sein.
       
       Ganz allgemein finde ich Männlichkeit als Konzept heutzutage überholt. Für
       mich ist es wichtiger, wie menschlich man ist – egal, ob man sich dann als
       männlich, weiblich oder trans definiert. Ich war im Kindes- und Jugendalter
       viel mit der 1. Männerhandball-Mannschaft des VfL Fredenbeck unterwegs. Die
       haben damals in der zweiten Bundesliga gespielt. Mitspielen konnte ich
       nicht, war aber neben dem Platz viel dabei. Dass das trotz meiner
       Behinderung möglich war, resultierte auch nicht aus männlicher Solidarität,
       sondern aus Menschlichkeit.
       
       Gerade im Umgang mit Behinderungen braucht es mehr davon. Und das von klein
       auf. Wenn Kinder geboren werden, heißt es ja unabhängig vom Geschlecht
       gern: „Hauptsache, gesund.“ Meine Eltern haben das früher auch oft gesagt,
       bis ich ihnen gesagt habe, dass ich das ziemlich ungünstig finde – um es
       freundlich zu formulieren. Das suggeriert nämlich, [1][dass ein Leben mit
       Behinderung weder gut noch lebenswert ist]. Doch auch in einer Behinderung
       kann sehr viel Gutes passieren und ein glückliches Leben geschehen. Mensch
       ist gleich Mensch: Das sollten wir als Gesellschaft verinnerlichen, dann
       wäre für alle was gewonnen.
       
       Max Prigge, 32 Jahre alt, lebt im Landkreis Stade bei Hamburg. 
       
       ## „Für Männer gilt, sie sollen sich durchbeißen“
       
       Wie oft ich mir anhören musste, was eigentlich mit mir los sei, dass ich
       Teilzeit arbeite, als Mann ohne Kind und Frau. Viele denken noch, als Mann
       müsse man 40 Stunden arbeiten, Karriere machen, die Kohle reinholen. Ich
       kann das nicht. Mir fällt es schwer, zu lesen, wie Leute mich finden.
       Manchmal fühle ich mich erbärmlich, habe Depressionen.
       
       Zu den üblichen Männlichkeitsbildern von Stärke, Dominanz,
       Dinge-in-die-Hand-Nehmen passt das nicht. Auch weil in der Vergangenheit
       sehr viel Aufwand betrieben wurde, um den Mythos zu schützen, Männer hätten
       mit psychischen Beeinträchtigungen nichts zu tun. Dank der Diagnose
       Burn-out [2][müssen Männer nicht sagen, dass sie Depressionen haben].
       
       Auch das Behindertenrecht war anfangs rein auf körperliche
       Beeinträchtigungen bezogen. Es wurde zunächst nur für Männer entwickelt.
       Für jene, die mit offensichtlichen Verletzungen aus dem Krieg zurückkamen.
       Dass sie alle auch mit einer posttraumatischen Belastungsstörung kamen,
       wurde ignoriert, die Psyche lange nicht ernst genommen. Gerade für Männer
       gilt heute noch immer, sie sollen sich durchbeißen, die Pobacken
       zusammenkneifen, keine Hilfe brauchen.
       
       Es ist überraschend, wie es dadurch selbst in emanzipatorisch gedachten
       Kontexten manchmal für Menschen wie mich knirscht. Bei der Arbeit wird man
       schnell überholt, wenn man etwas zu lange zögert, weil das Kopfkino gerade
       noch läuft. Und auch beim Dating scheint häufig noch unterschwellig
       erwartet zu werden, der Mann müsse den Plan haben, den ersten Schritt
       machen. Ich komme damit nicht klar.
       
       Das hat aber auch was Gutes. Ich finde das Patriarchat und männliche
       Dominanz zum Kotzen. Eigentlich ganz schön, da gar nicht mitspielen zu
       können. Eine inklusivere Männlichkeit kann ich mir nicht vorstellen. Eine
       diverse Gesellschaft lässt sich nicht vereinbaren mit der Vorstellung,
       Männer würden zu Recht in der ersten Reihe starten. So, wie Männer Frauen
       objektivieren, stellen Politiker*innen – ja auch Frauen – mit
       unreflektierten männlichen Privilegien Menschen mit Behinderung und
       rassifizierte Menschen als Kostenproblem dar. Wollen wir mehr Inklusion,
       müssen wir Männlichkeit überwinden.
       
       Florian ist 44 Jahre alt und lebt in Berlin. 
       
       ## „Zuerst hatte ich Verlustängste“
       
       Ich bin mit 27 Jahren sehr schwer an Blasenkrebs erkrankt. Nach einigen
       Untersuchungen war klar: Wenn ich das überleben will, müssen meine Blase,
       meine Prostata, also alles, was man als Mann da unten dran- und drinhat,
       operativ entfernt werden. Da habe ich erst mal geschluckt. Manche gehen
       nach solchen Diagnosen zur Samenbank, um sich noch die Möglichkeit zu
       bewahren, Kinder zeugen zu können. Ich hätte das in dieser Situation nicht
       gekonnt. Angst hatte ich um diesen Teil meiner Männlichkeit zwar auch. Was
       aber überwog, [3][war das Wissen um die Krebserkrankung und dass ich sie
       überleben wollte].
       
       So ein Eingriff und die Zeit danach sind ein krasser Einschnitt. Ich habe
       Maler und Lackierer gelernt, darf in dem Beruf seither aber nicht mehr
       arbeiten. Zuerst hatte ich deswegen Verlustängste. Auch wegen der Idee,
       Männer sollten das Geld nach Hause bringen.
       
       Meine Frau hat mich damals wie heute aber sehr unterstützt, war für mich
       da, hat mir die Ängste genommen. Unser Geld hatten wir davor auch schon
       länger geteilt. Mein Geld, ihr Geld und umgekehrt.
       
       Neben meiner Frau habe ich auch mit meinen Eltern und einem Cousin viel
       über meine Erkrankung geredet. Sonst bin ich damit damals nicht so offen
       umgegangen. Nicht aus Scham, sondern weil ich damit manchmal nicht ernst
       genommen wurde. Ich war schon früher etwas kräftiger, bin eine Ostberliner
       Type, auch jemand, der gerne lacht, nach vorne geht und Spaß hat. Dass ich
       mittlerweile eine künstliche Blase und eine Penisprothese habe, kann man
       sich kaum vorstellen.
       
       Personen mit nicht sichtbaren Behinderungen oder chronischen Erkrankungen
       müssen sich oft unnötig lange rechtfertigen, gerade auch bei Behörden. Mit
       meinem Auftreten ist das zusätzlich kompliziert. Ich musste schon beim
       Jobcenter, der Rentenkasse oder zum Beantragen der Reha ein ärztliches
       Attest bringen, um nachzuweisen, dass meine fehlende Gliedmaße wirklich
       fehlt und nicht nachgewachsen ist.
       
       Apropos Reha: Meine erste psychotherapeutische Behandlung hatte ich dort.
       Ich wollte das eigentlich nicht – vielleicht auch so ein Männerding –, aber
       ich habe dann festgestellt, dass das richtig gut und befreiend ist.
       
       Karsten Sanner ist 55 Jahre alt und lebt in Berlin.
       
       14 May 2026
       
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