# taz.de -- Haus der Statistik: Die Stadt, die auf dem Schild begann
> Mit einer Schlüsselübergabe schafft das Berliner Modellprojekt Haus der
> Statistik einen Meilenstein: mehr als 13.000 Quadratmeter für Kunst und
> Gemeinwohl.
(IMG) Bild: Harry Sachs sitzt auf dem Dach des Hauses der Statistik
Als Harry Sachs den Blick über die Stadt schweifen lässt – direkt hinter
dem riesigen Schriftzug „Allesandersplatz“, der auch vom Alexanderplatz aus
zu lesen ist –, schleicht sich ein Hauch von Triumph in seine sonst
zurückhaltende Miene. Berlin liegt an diesem Wochenende der
[1][Schlüsselübergabe im Haus der Statistik] unter einem perfekten Himmel.
Auf der Dachterrasse von Haus A des Hauses der Statistik geben sich
Besuchergruppen die Türklinke in die Hand, unten zieht der Flohmarkt, der
hier Ko-Markt heißt, Menschen über das Gelände, irgendwo läuft Musik. Nach
Jahren des Stillstands nun wieder Möglichkeiten.
Elf Jahre ist es her, dass Sachs gemeinsam mit der Allianz bedrohter
Atelierhäuser ein simples Manöver startete, das heute wie ein Märchen
wirkt. 2015 hing am leerstehenden Komplex ein Schild: „Hier entstehen Räume
für Kunst, Kultur und Soziales.“ Typografie und Tonfall wirkten offiziell,
nicht ironisch. Genau deshalb funktionierte es so gut. [2][Das in der DDR
gebaute und dann lang leer stehende Haus der Statistik,] das für den Abriss
markiert war, erschien als Ort für etwas anderes.
Heute führen Sachs und seine Mitstreiter*innen Besucher*innen durch
ein Projekt, auf das weltweit viele Künstler*innen, Sozialarbeiter*innen,
Stadtplaner*innen und Politiker*innen mit Neid blicken. Mitten in
Berlin ist ein Modellprojekt kooperativer Stadtentwicklung entstanden: das
Haus der Statistik als riesige Bestandsimmobilie für gemeinwohlorientierte
Nutzungen.
Sachs gehört inzwischen zum Vorstand der Genossenschaft ZUsammenKUNFT
Berlin, die gemeinsam mit der landeseigenen Berliner Immobilienmanagement
GmbH (BIM), dem Bezirk Mitte, der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und
der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM) [3][eine in Berlin einmalige
Kooperation] entwickelt hat.
## Einige sind schon eingezogen
Die Bilanz ist beeindruckend: Das Finanzamt und weitere Verwaltungsbereiche
sind Anfang des Jahres eingezogen. Hinter dem sanierten Bestand wird die
WBM ab 2027 ganze 287 Wohnungen bauen. Dazwischen entsteht ein autofreier
Stadtgarten mit drei Experimentierhäusern für „nachhaltiges Wirtschaften
und gesellschaftliches Lernen“. Dort entstehen Werkstätten, Repaircafés und
offene Angebote für die Nachbarschaft; die Erbbaurechtsverträge sind
bereits unterschrieben.
Vor allem aber wird ein Fünftel der gesamten Flächen inklusive Neubau
dauerhaft von zivilgesellschaftlichen Gruppen genutzt. Insgesamt geht es um
mehr als 13.000 Quadratmeter – ungefähr der Fläche von zehn kleinen
Berliner Miethäusern aus der Gründerzeit. In Zeiten explodierender
Gewerbemieten und [4][zusammengestrichener Kulturbudgets] ist das unfassbar
viel.
Natürlich, berichtet Sachs auf seiner Führung, musste man dafür viele
Kröten schlucken. Die Idee, große Teile des Komplexes für Geflüchtete zu
nutzen, zerrieb sich im politischen Alltag. Auch vom Plan, wenigstens Haus
A vollständig gemeinwohlorientiert zu bespielen, blieb am Ende nur etwas
mehr als die Hälfte übrig.
## „Wir sagen dazu einkalten“
Andrea Hofmann aus dem Vorstand der ZUsammenKUNFT nennt das später auf
einem Podium trotzdem einen Erfolg. Kultur und Soziokultur seien nun im
ganzen Quartier verteilt. „Wir sagen dazu, dass wir uns überall einkalten“,
grinst sie. Der Begriff stammt aus der klimaresilienten Stadtplanung und
meint, Orte kühler und lebenswerter zu machen.
Die nächsten Schritte stehen bereits fest: Das Erdgeschoss im flacheren
Riegel hinter Haus A soll noch diesen Sommer ein Ort für das Haus der
Materialisierung werden, wo es ums Sammeln, Weitergeben und Upcycling
ausrangierter Möbel und anderer Materialien geht. Es war das einzige
Gebäude im Bestand, das abgerissen werden musste, damit hier ab Sommer 2030
ein neues Rathaus für den Bezirk gebaut werden kann. In der Zwischenzeit
musste die Initiative in einen Container umziehen, nun geht es endlich im
großen Stil weiter. Gemeinsam mit der Stadtmission planen sie außerdem
wieder einen Mittagstisch für die Nachbarschaft, in Erinnerung an die
frühere „Café-Tasse“.
Während Sachs mit seinem Zugangschip gegen den Fahrstuhl kämpft, berichtet
er von den zukünftigen Bewohner*innen des Hauses. 50 Initiativen ziehen
ab Sommer 2027 in die Geschosse eins bis sechs ein. So bringt die [5][Bühne
für Menschenrechte] dokumentarisches Theater über
Menschenrechtsverletzungen ins Haus, [6][Berlin Mondiale] vernetzt
Künstler*innen und urbane Praktiker*innen zu Exil und Migration.
„Man wird auch alte Bekannte wieder treffen“, sagt Sachs. Gemeint sind
viele der Pioniernutzer*innen, die sich seit Beginn der Sanierung ab 2023
in provisorische Ersatzorte zurückziehen mussten, oft mit weniger Platz und
Sichtbarkeit: zum Beispiel die belarusische [7][Gemeinschaft Razam], die
künftig wieder Konzerte, Ausstellungen und Lesungen organisieren wird. Oder
auch die Mitkunstzentrale, die ihre Arbeit an nachhaltigen künstlerischen
Praktiken weitertreiben wird.
Passend dazu übernimmt nach dem Podium Lukas Rosier die Führung über das
Gelände. Rosier arbeitet bei der [8][Mitkunstzentrale] und gehört zugleich
zum Team des Hauses der Materialisierung. Gemeinsam mit Johanna Claus zeigt
er jene Räume, in denen künftig gemeinwohlorientiert und künstlerisch
gearbeitet wird. Während wir über das weitläufige Gelände laufen, begegnen
uns ständig Besucher*innen. Menschen strömen zum Ko-Markt, zu Panels, zu
Führungen.
## Das Knirschen unter den Sohlen
Es ist leicht, sich vorzustellen, wie hier bald ein lebendiges
Stadtquartier entsteht – und trotzdem wirkt es kurz so, als würden Claus
und Rosier etwas vermissen. Vielleicht das Knirschen unter den Sohlen aus
den Tagen der Pioniernutzung, als das Haus noch eine halbe Ruine war.
Vielleicht die Freiheit, einfach irgendwo Dinge auszuprobieren. Aber dann
kommen wir in den Räumen an, die sie jetzt ausbauen – und die Nostalgie
verfliegt.
Denn hier soll möglichst alles aus gebrauchten Materialien entstehen, so
verbaut, dass es jederzeit wiederverwendet werden kann. Sie suchen nach
einem Bodenbelag, der ohne Estrich funktioniert. Und sie diskutieren
begeistert, ob die schwarzen MDF-Platten aus einem Ausstellungsbau besser
seien oder doch die gepressten Strohplatten mit Karton. Sie freuen sich
darauf, dem Haus wieder kreatives Chaos einzuschreiben.
11 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Susanne Messmer
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