# taz.de -- Traditionshandwerk Buchbinden: Vom Beutelbuch zum Re-binding
       
       > Seit 100 Jahren gibt es die Buchbinderei Klünder in Moabit. Das Handwerk
       > zu erhalten erfordert Leidenschaft und Kooperation mit Gleichgesinnten.
       
 (IMG) Bild: Der Buchbinder Christian Klünder in seiner Werkstatt
       
       Wer die „Buchbinderei Klünder“ in der Moabiter Rathenower Straße 60
       betritt, spürt den Charme dieses seit 100 Jahren gewachsenen Ortes: Auf dem
       großen Arbeitstisch in der Mitte des Raumes türmen sich Bücher, zum
       Trocknen teils mit alten Bügeleisen beschwert. Die wichtigsten Werkzeuge
       liegen griffbereit neben Papier- und Zeitungsstapeln: Eimer voller
       Kleister, Pinsel, Bleistifte, Lineale, Bienenwachs, Fadengarn, eine Ahle
       zum Durchlöchern der Papierlagen.
       
       Der Stolz der Werkstatt ist die Karl-Krause-Papierschneidemaschine, „die in
       hundert Jahren nie kaputt war“, schwärmt [1][Buchbindemeister] Christian
       Klünder. Kund:innen hingegen, verrät dessen Tochter und heutige Inhaberin
       Alexandra Klünder, bekämen vor allem bei der „Prägnant“ und dem
       dazugehörigen Sammelsurium an Prägeschriften im hinteren Teil der Werkstatt
       große Augen: einer Titel- und Vergoldepresse, mit der Wörter, Namen oder
       Verzierungen ganz klassisch mit Lettern aus Schriftkästen auf die
       Buchdeckel geprägt werden.
       
       „Wir prägen damit individualisierte Notiz-, Skizzen- oder
       (Reise-)Tagebücher und auch Speisekarten“, erklärt Alexandra Klünder – und
       weist dann noch auf das Falzbein, ihren aus ihrer Sicht größten Schatz.
       Dieses 12 bis 20 Zentimeter lange, flache Multitalent mit abgerundeter
       Spitze, früher aus Rinderbein- oder Walknochen, heute meist [2][aus Teflon]
       hergestellt, benutzen Buchbinder:innen zum Plattdrücken der
       Papierfasern: „Ein Buch, das nicht richtig gefalzt oder gegen die
       Papierlaufrichtung gebunden ist, klafft auf“, erklärt die Expertin. Bei
       industriell gebundenen Zeitschriften und Magazinen sei dies häufig zu
       beobachten – „manchmal auch bei gebundenen Büchern.“
       
       Wie groß der Unterschied zwischen handwerklicher und industrieller
       Buchbinderei ist, zeigt sich nicht allein im Ergebnis, sondern schon in der
       Arbeitsweise. Die Arbeit in einer der riesigen automatisierten
       maschinengetriebenen Buchstraßen industrieller Buchbindereien hat laut
       Klünder mit der in einer Handwerksbuchbinderei nicht mehr als die
       theoretische Ausbildung in der Berufsschule gemein: „Dort regieren die
       Maschinen. Die Arbeit ist laut und körperlich. Ein handwerklicher
       Buchbinder hingegen braucht geschickte Hände, gute Augen,
       Experimentierfreude und einen unendlichen Geduldsfaden“, sagt er.
       
       ## Marmoriertes Papier und koptische Bindung
       
       Diese Unterschiede prägen auch das Geschäft der Buchbinderei Klünder. Bis
       in die 80er Jahre – als er die Buchbinderei in dritter Generation von
       seinem Lehrmeister übernahm – war das Binden von Periodika für Bibliotheken
       und Universitätsinstituten das Alltagsgeschäft. Neben Reparaturen alter
       Kinder-, Koch- oder Gottesbücher mit eingerissenen, zerlesenen Seiten oder
       sich aus der klassischen Fadenheftung lösenden Einbänden, vor allem Einzel-
       und Sonderanfertigungen.
       
       Dazu gehören Bucheinbände aus marmoriertem Papier oder mit der bereits im
       2. Jahrhundert in Ägypten entwickelten „koptischen Bindung“ mit dekorativ
       freiem Buchrücken und sichtbaren Kettenstichen. Hinzu kommen
       Studienarbeiten mit Klebebindung, Fotoalben mit Buchschraubenbindung,
       Hochzeitsalben aus Samtstoff, geprägte Stammbücher oder Zickzackleporellos
       in Ziehharmonikaform bei Schulworkshops.
       
       Ein zweiter wichtiger Bereich ist der Schachtel-, Schuber-, Kassetten- und
       Kastenbau – einige sehen auf den ersten Blick wie Bücher aus. Zu den
       Auftraggeber:innen gehören Galerien, Museen, Architekturbüros und
       Privatkünstler:innen. Das Repertoire reicht von Sammler:innen antiker
       Atlanten oder „Baedeker“-Reiseführern über Omis-Kochbuch-Nostalgiker:innen
       hin zu auf Goldfolienprägung fixierte Gastronom:innen oder Menschen mit
       abstrusen Materialwünschen wie Froschlederhaut.
       
       Auch für die Berlinale, die Serie „Babylon Berlin“, den Berliner „Tatort“
       und den Film „Der Phönizinische Meisterstreich“ [3][des US-amerikanischen
       Regisseurs Wes Andersons] hat die Buchbinderei bereits gearbeitet. Viele
       Kund:innen seien „Freaks“, sagt Alexandra Klünder. Doch gerade die
       aufwendigen Einzelstücke, ungewöhnlichen Materialien und künstlerisch
       anspruchsvollen Sonderanfertigungen haben eine Kehrseite: Sie erfordern
       viel Zeit und lassen sich nicht immer kostendeckend herstellen.
       
       ## Brot und Pralinen
       
       Wie schwierig es ist, die wirtschaftliche Seite des Handwerks mit dem
       künstlerischen Anspruch in Einklang zu bringen, weiß Christian Klünder aus
       jahrzehntelanger Erfahrung. Fünf Auszubildende und 80 Praktikant:innen
       hat Christian Klünder in 40 Jahren Selbstständigkeit betreut. Seine Lehre
       begann er 1969, seine Meisterprüfung legte er 1978 ab. Sein Arbeitsethos
       „Brot und Pralinen“ war im Westberlin der 70er und 80er Jahre – als es
       „allein in Moabit noch sechs Buchbindereien gab“ – leichter durchzuhalten.
       Mit „Brot“ aus der sicheren Bibliotheksarbeit und „Pralinen“ zum Vergnügen:
       ausgefallenere, künstlerisch anspruchsvolle Arbeiten mit großem Zeitaufwand
       und geringem Verdienst.
       
       Heute sei das Geschäft dagegen schwierig, sagt Klünder: Es gebe kaum mehr
       günstige Werkräume, Bibliotheken wie Universitäten seien ins Digitale
       abgewandert und bei der Vergabe öffentlicher Restaurierungsaufträge wie für
       die Berliner Staatsbibliothek werde immer nach dem günstigsten und nicht
       nach dem besten Buchbinder geschaut, kritisiert Christian Klünder. Seit
       seine Tochter 2020 die Buchbinderei übernommen hat, hätten sechs Berliner
       Buchbindereien aus Alters- oder Insolvenzgründen ohne Nachfolge
       geschlossen.
       
       Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten betreffen nicht nur einzelne Betriebe.
       Sie werfen auch die Frage auf, wer das Wissen um traditionelle
       Bindetechniken künftig weitergeben soll. Denn das Buchbinderhandwerk ist
       nicht nur ein Beruf, sondern auch ein Wissensbestand, der sich über
       Generationen entwickelt hat und dessen Erhalt auf qualifizierte Ausbildung
       angewiesen ist.
       
       Für den Beruf brauche man Idealismus, sagt auch Ria Tiemeyer vom „Atelier
       Tiemeyer für Einbandkunst und Restaurierung“ in Charlottenburg-Wilmersdorf,
       wo sich die selbständige Buchbinderin nach wie vor energisch und engagiert
       für Handwerkerinnen-Nachwuchs einsetzt. Aber ihr Bestreben, in ihrem
       Atelier mit sechs Interessentinnen eine Meisterinnen-Ausbildung
       durchzuführen, wurde von der Handelskammer Berlin mit „kein Bedarf“
       abgelehnt, erzählt sie.
       
       ## Das Beutelbuch zum Beispiel
       
       Die 68-Jährige ärgert der Schwund des Qualitätsmaßes: Das
       Buchbinderhandwerk sei „nationales immaterielles Kulturerbe“. Daher treffe
       die Handwerkskammer eine kurzsichtige Entscheidung, die sowohl die
       Möglichkeit zur Nachwuchssicherung als auch die Weitergabe und Bewahrung
       von Wissen gefährde.
       
       Was auf dem Spiel steht, lässt sich an Techniken ablesen, die heute nur
       noch wenige beherrschen. „Irgendwann werden die teils jahrhundertealten
       Binde- und Restaurierungstechniken und heute fast vergessene Buchformen von
       niemandem mehr beherrscht“, befürchtet auch Buchbinderin Frauke Schröder
       von der Friedenauer „BuchWerkstatt“ und führt das Beutelbuch als Beispiel
       an, ein kleines Buch, das man im Mittelalter gern in einem Beutel oder am
       Gürtel mit sich trug.
       
       Die gebürtige Moabiterin hat das Kunsthandwerk Mitte der 80er Jahre bei
       Christian Klünder erlernt und bereits 1993 fachgerechte Buchbinderkurse für
       sozial benachteiligte Jugendliche an ihrer eigenen ehemaligen Schule, der
       „Menzel Oberschule“ im Hansaviertel, angeboten. 2004 weitete sie das
       Angebot in ihrer eigenen Werkstatt in fortlaufender Kursen auf Erwachsene
       aus. Die Weitergabe des Handwerks ist für sie damit nicht nur eine Frage
       der Ausbildung, sondern auch der praktischen Vermittlung und der Begegnung
       mit Menschen, die sich das Buchbinden neu erschließen wollen.
       
       Auch Alexandra Klünder sieht die Zukunft des Handwerks unter schwierigen
       Vorzeichen. Sie könne längst nicht mehr alle Techniken, sagt sie. Ihre
       Vision von der Zukunft: Die zwei, drei Berliner Buchbindereien, die am Ende
       übrigbleiben werden, werden noch stärker zusammenarbeiten und „Wissen,
       Räume, Geräte und Materialien teilen“ müssen.
       
       ## Softcover zu Buchcover
       
       Dass eine solche Zusammenarbeit bereits heute möglich ist, zeigt
       Buchbinderin Theresa Ippen von „bausatzbuch“. Sie arbeitet gemeinsam mit
       einer Schneiderin, Goldschmiedin, Illustratorin und Kunstgrafikerin im
       Neuköllner Gemeinschaftsladen-„Atelier am Weichselplatz“. Dort gibt Ippen
       Workshops zu Leporello-, klassischem Buch mit Fadenheftung oder dem
       momentanen Renner Re-binding, bei dem altes Softcover zu neuem Hardcover
       verwandelt wird. So gibt sie ihre Begeisterung für das traditionsreiche
       Handwerk auch an eine jüngere Zielgruppe von „New Adult-Leser:innen mit
       Vorliebe für Farbschnitt“ weiter.
       
       Wie viel Erfindungsgeist in dem alten Handwerk steckt, zeigt ein Buch, von
       dem Christian Klünder bis heute schwärmt: „Fischefangen“, ein
       zweisprachiges schwedisch-deutsches Fischrezeptebuch, das er gemeinsam mit
       der Illustratorin Julia Fabricius entworfen hat. Es ist auf 30 Exemplare
       limitiert – und mit Fischleder eingebunden. Eine jener „Pralinen“, die viel
       Zeit kosten und sich kaum rechnen. Altmodisch? Vielleicht. Aber in Zeiten,
       in denen selbst New-Adult-Leser:innen ihre zerfledderten Taschenbücher
       aufwerten möchten, könnte ein solches Buch genau den Nerv treffen: eines,
       das nicht wischt, sondern zum Blättern verführt – und dazu, sich Zeit zu
       lassen.
       
       13 Oct 2026
       
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