# taz.de -- Herbstmeister in der 2. Bundesliga: Pogo statt Ballett
       
       > Schalke 04 steht zum Vorrundenabschluss doch tatsächlich auf dem ersten
       > Platz der Zweiten Liga. Dabei ist die Spielweise alles andere als
       > erstklassig.
       
 (IMG) Bild: Wieder der Stolz der Stadt: Schalker Jubellauf nach dem Sieg gegen den 1. FC Nürnberg
       
       Es gab schon Anlass zu Kritik und vielleicht sogar Gründe für eine Portion
       Zorn nach diesem fußballerisch schaurig schwachen Jahresabschluss in
       Braunschweig. Mit 1:2 hat Schalke 04 bei einem Abstiegskandidaten verloren,
       durch Treffer der früheren, aber irgendwann aussortierten Gelsenkirchener
       Mehmet Aydin und Sidi Sané. In vielen Momenten der jüngeren Vergangenheit
       hätte der Verlauf dieses Nachmittags den Stoff für eine krachende
       Krisenerzählung geliefert.
       
       Nicht aber in diesem herrlichen Fußballwinter, in dem alle Schalker
       resistent sind gegen Dynamiken dieser Art. „Wir sind enttäuscht über die
       Niederlage“, sagte [1][Trainer Miron Muslić], um seinen Kummer im
       anschließenden Nebensatz umgehend zu revidieren. Mehr noch als enttäuscht
       über den Moment sei er „sehr, sehr stolz auf den Weg, den wir gemeinsam
       gehen. 37 Punkte sind die Konsequenz dieses Weges.“
       
       Schalke ist auf geradezu wundersame Art und Weise auferstanden in den
       vergangenen Monaten und erfüllt von einer kraftvollen Energie der
       Zuversicht, die viele Defizite überdeckt. An vielen Tagen kracht es
       mächtig, wenn der FC Schalke 04 den Rasen betritt und spielt wie eine
       Punkband: extrem laut, mit eher schlichten Mitteln zwar und ohne filigrane
       Melodien, dafür aber mit einer mitreißenden Intensität. Es wird gerannt und
       geackert, der Lautstärkeregler am Anschlag, und Muslić bejubelt Grätschen
       wie Fallrückziehertore. Das Team tanzt Pogo statt Ballett und [2][die
       Statistiken untermalen diese Neigung zum Extrem].
       
       Der Tabellenführer der Zweiten Liga steht auf dem letzten Platz der
       Statistik, die den Ballbesitz anzeigt. Ebenfalls Achtzehnter ist Schalke 04
       im Ranking der Passquoten, keiner spielt ungenauer als der Tabellenführer.
       Zugleich steht die Mannschaft bei der Anzahl der absolvierten Sprints auf
       Platz eins, es geht um Emotionen, die Muslić virtuos zu steuern vermag.
       
       Gespenstische Stimmung 
       
       Bevor der in Österreich aufgewachsene Bosnier im Ruhrpott auftauchte,
       versuchte der Klub zwei Jahre lang, seiner durch den großen Namen
       evozierten Favoritenrolle mit fußballerischer Dominanz gerecht zu werden.
       Und kämpfte zweimal gegen den Abstieg. Platz 14 in der Abschlusstabelle der
       Vorsaison war das schlechteste Ergebnis des FC Schalke 04 in den 121 Jahren
       seines Bestehens. Mit demonstrativer Abneigung verabschiedeten die Fans das
       Team im Mai: „Schöne Sommerpause, ihr Versager!“ Die Stimmung war
       gespenstisch.
       
       Doch dann hat am Ende der Vorsaison der neu eingestellte Sportvorstand
       Frank Baumann Muslić beim englischen Zweitligaabsteiger [3][Plymouth
       Argyle] aufgespürt, er hat die schlecht passende Konstellation in der
       sportlichen Leitung geordnet, und er hat fast ohne Geld, dafür aber mit
       Auge und Sachverstand einen unstimmigen Kader sortiert.
       
       Auf dieser Grundlage haben Muslić und Baumann einen klug durchdachten
       Prozess der Selbstfindung eingeleitet. „Der Trainer lebt unsere Art vor“,
       sagt der Mittelfeldspieler Ron Schallenberg. „Am Seitenrand jubelt er nach
       Grätschen und gelungenen Verteidigungssituationen.“ Das fast immer
       ausverkaufte Stadion brüllt mit und singt die Lieder von der gloriosen
       Vergangenheit, die nicht mehr nur ein Trostspender, sondern ein
       Referenzpunkt sind.
       
       Minimalistische Tradition 
       
       Schalke war schließlich in vielen Phasen seiner Geschichte genau dann am
       besten, wenn ein eher schlichter Fußball gespielt wurde. Mit Huub Stevens’
       „Die Null muss stehen“-Credo gewann der Klub den Uefa-Cup, unter
       [4][Domenico Tedesco] erreichte das Team mit einer Art Minimalistenstil
       2018 zuletzt die Champions League. Jetzt hat Schalke als Herbstmeister
       weniger Tore geschossen als Fürth und Dresden, die auf den letzten Plätzen
       der Tabelle stehen. Dafür hat kein Klub aus den ersten drei Ligen weniger
       Treffer zugelassen.
       
       Im Vordergrund stehen zudem nicht mehr irgendwelche Talente, deren
       theoretisch vorhandene Fähigkeiten Fantasien wecken, sondern Spieler, die
       funktionieren. „Statt fünfzehn externer Neuzugänge – wie im Jahr zuvor –
       waren es sechs. Und alle passen“, sagte der lange Zeit sehr umstrittene
       Vorstandsvorsitzende Matthias Tillmann jüngst. In der Zusammenarbeit mit
       Baumann hat auch er seine Rolle gefunden, und sogar wirtschaftlich gelingen
       Fortschritte.
       
       Sollte am Ende dieser Saison tatsächlich die Rückkehr in die Bundesliga
       gelingen, wäre die Grundlage für eine nachhaltige Stabilisierung bestens.
       Der Schuldenberg ist zwar weiter riesig, aber im Frühjahr 2028 läuft der
       teure Corona-Kredit aus. Zudem wurde gerade ein Umschuldungsprojekt
       abgeschlossen, das günstiger verlief als angenommen. Dann hat auch noch der
       Namensgeber des Stadions sein Sponsoring gerade zu verbesserten Konditionen
       verlängert.
       
       Und selbst die Niederlage in Braunschweig kann helfen, denn nach dieser
       gruseligen Partie stehen die Chancen gut, dass die königsblauen Überflieger
       zufrieden, aber doch sehr geerdet Weihnachten feiern.
       
       22 Dec 2025
       
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