# taz.de -- Die Fotos in der „männertaz“: Was ist Männlichkeit (heute) für dich?
> Wie können wir Männlichkeit in ihrer Vielfalt darstellen und
> unterschiedliche Perspektiven zeigen? 14 Antworten von Fotograf:innen.
Die Fotoarbeiten in der Männertaz basieren auf einer nur scheinbar simplen
Frage: Was ist Männlichkeit (heute) für dich? Das wollte unsere
Fotoredakteurin Elke Seeger von vielen taz-Fotograf:innen wissen, antworten
sollten sie mit visuellen Statements und einer kurzen Erklärung. Einige
hatten sich ohnehin schon mit dem Thema Männlichkeit beschäftigt, andere
schauten in ihren Archiven und auf ihren Rechnern, wo es in ihrem Werk um
Männlichkeit ging. Ihre gesammelten Antworten finden Sie hier in dieser
Bilderstrecke.
Männlichkeit in ihrer Vielfalt darzustellen und unterschiedliche
Perspektiven zu zeigen, war dabei unser Ziel. Vollständig können die Blicke
auf Männlichkeit natürlich nicht sein, manche Facetten konnten wir – genau
wie [1][in den Texten der männertaz] – nicht abbilden.
Ute Behrend
„Dass ein Teil unserer Gesellschaft Zuschreibungen wie ‚weiblich‘ und
‚männlich‘ aufbrechen und sich von männlicher Vorherrschaft befreien will,
macht viele Männer unsicher. Vor allem rechte Positionen zeigen, dass es
einen tiefen Wunsch gibt, Frauen zu besitzen, über sie zu bestimmen und sie
gegebenenfalls auch zu zerstören. Gleichzeitig leben viele Frauen und
Männer längst schon gleichberechtigt zusammen. Die Figur des Cowboys kommt
dem entgegen. Als romantisiertes männliches Ideal arbeitet er hart, feiert
wild, liebt Tiere und sieht gut aus. Das gefällt Frauen und Männern. Bei
Rodeos mit Bullen und Pferden kann er sich mit anderen Männern messen, er
darf aber auch leiden, wenn er sich verletzt, traurig sein, wenn er
verliert, und kann sich des Respekts und der Achtung anderer Männer sicher
sein, wenn er gewinnt.“
Ute Behrend ist Künstlerin, Verlegerin und Dozentin. Sie lebt und arbeitet
in Köln. Ihre Fotografien und Installationen wurden international
ausgestellt und mehrfach ausgezeichnet. Das Foto stammt aus dem Band
„Cowboys. After Barbed Wire“, das 2025 in ihrem Verlag Bummbumm Books
erschienen ist.
Nikita Teryoshin
„Drei Männer, drei Entscheidungen. Ist es männlich, Befehle zu befolgen
oder sich denen zu widersetzen?“
Nikita Teryoshin wurde 1986 in Leningrad, heute Sankt Petersburg, geboren.
Als er 13 Jahre alt war, zog er mit seiner Familie nach Dortmund und
studierte später Fotografie. Heute lebt und arbeitet er in Berlin. Seine
vielfach ausgezeichnete [2][Serie „Nothing Personal“] beschäftigt sich mit
dem globalen Waffenhandel. Das Foto stammt aus seinem Projekt „Zeitenwende
– Frieden in Schussweite“. Es zeigt, wie ein Aktivist während einer Rede
von Julia Klöckner am ersten Nationalen Veteranentag im Juni 2025 vor dem
Berliner Reichstag von Securitys abgeführt wird.
Brigitte Kraemer
„Der amerikanische Superschlitten ist für viele Männer der Gipfel aller
Träume. Stolz präsentieren sie das protzige Gefährt – und sich selbst.“
Brigitte Kraemer, Jahrgang 1954, ist freie Fotografin im Ruhrgebiet. In
ihrem Bildband „Mann und Auto“, erschienen 2007 im Klartext Verlag, spürt
sie der speziellen Symbiose mit weiblichem Blick nach. Das Foto hat sie auf
dem US-Car-Treffen auf einem stillgelegten Flugplatzgelände in Brandenburg
aufgenommen. Weitere Fotografien aus über 40 Jahren ihrer Arbeit sind in
der Ausstellung „Wie man lebt – wo man lebt“ noch bis zum 31. August 2026
im Ruhr Museum in Essen zu sehen.
Peter Wieler
„Es geht um den Vater. Und um den Sohn. Auch um den Großvater und den
Enkel. Vielleicht auch noch um den Bruder, den Onkel und den Neffen. Es
geht um Männer und Jungs in der Familie, in einer Familie.“
Peter Wieler ist seit 1993 als freier Fotograf tätig. Viele Jahre war er
für das Essener Stadtmarketing unterwegs, dann fotografierte er im Auftrag
des Deutschen Bundestags und für das Land Nordrhein-Westfalen. Für seine
Bildserien „Mütter & Töchter“ (2024) und „Väter & Söhne“ (2020/21) holte er
rund 600 Protagonist*innen vor seine Studioleinwand. Die Bilder geben
intime Einblicke in ihre zwischenmenschlichen Beziehungen. Hier zu sehen
sind drei Männergenerationen der Familie Loer.
Benedikt Burger
„Männlichkeit ist für mich kein fester Zustand. Sie ist ein soziales
Konstrukt – verhandelbar, individuell und massiv von äußeren Faktoren
geprägt. Mich interessiert, wie diese äußeren Faktoren das visuelle
Selbstverständnis von Jugendkulturen formen. Soziale Medien sind für mich
dabei der faszinierendste und beunruhigendste Faktor zugleich. Algorithmen
entscheiden, welche Bilder sichtbar werden, welche Körper, welche Posen,
welche Männer. Für junge Männer heute bedeutet das, die eigene Identität in
einem Raum zu verhandeln, der zwar offen, aber zutiefst normiert ist.“
Benedikt Burger, Jahrgang 1998, ist in Bayern aufgewachsen und lebt heute
als Fotograf in Berlin. In seinem Werk setzt er sich mit den Konstrukten
und Brüchen von Männlichkeit auseinander. In seiner aktuellen Serie
„Rhizom“ untersucht er, wie sich junge Männer eines Jugendclubs in Cottbus
in digitalen Räumen inszenieren. Die Arbeit wird erstmals Anfang Juni beim
Fotofestival Horizonte in Zingst gezeigt.
Hannes Jung
„Ich schätze es, wenn Männer es schaffen, über Schwierigkeiten in ihrem
Leben zu sprechen. Zihnija, der in den Bergen bei Kakanj,
Bosnien-Herzegowina, seine Kühe füttert, ist so ein Mann. 2017 habe ich
begonnen, Männer zu fotografieren, die sexualisierte Gewalt im Bosnienkrieg
überlebt hatten. Zihnija verbringt seine Zeit am liebsten mit Tieren.
‚Meine Kühe, so scheint es mir, verstehen mich, und ich verstehe sie‘,
schrieb er mir damals. ‚Niemand kann das verstehen außer denen, die in den
Lagern waren: wie Vieh behandelt, angekettet und misshandelt zu werden. Ich
halte die Tiere gerne draußen und behandle sie besser, als die Täter damals
mich und andere behandelt haben.‘ 21 Jahre nach dem Verbrechen ging Zihnija
mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit. Für mich ist er ein Vorbild,
auch wenn er sich vielleicht nicht als eines sieht.“
Hannes Jung, 1986 geboren, studierte Fotografie in München, Valencia und
Hannover. In seiner Arbeit setzt er sich mit der Verletzlichkeit des
menschlichen Lebens und sozialen Spannungen auseinander. Für die Fotoreihe
„Men don’t cry“ erhielt er 2025 den Lotto-Brandenburg-Kunstpreis
Fotografie. Sie ist noch bis Ende Juni im Haus am Kleistpark in Berlin zu
sehen.
Fred Hüning
„Der Schauspieler John Wayne war mein Kindheitsheld und mein Inbegriff von
Männlichkeit. Im US-amerikanischen Western ‚Red River‘ prügeln sich Wayne
und Montgomery Clift fast zu Tode, bis sie am Ende aus ihren Initialen ein
gemeinsames Brandzeichen für ihre Rinder kreieren (Funfact dazu: Macho
Wayne hasste den offen homosexuellen Clift abgrundtief). 50 Jahre später
traf ich im Rahmen eines Projekts auf Thomas aus Groß Fredenwalde:
Altlinker, Ex-Kreuzberger, Zopfträger, taz-Leser – der krasse Gegenentwurf
zum Marlboro-Mann. Seinen Apfelschimmel mit dem Namen Manolo Quilete kann
er nicht mehr reiten, weil das Pferd Rückenprobleme hat. Dafür gehen die
beiden regelmäßig durch die uckermärkische Westernlandschaft spazieren.“
Fred Hüning, 1966 in Norddeutschland geboren, hat Fotografie in Berlin
studiert und arbeitet seit 2007 als freier künstlerischer Fotograf. In
mehreren Reihen zeigt er seine künstlerischen Annäherungen an das Thema
Pferd. Das Bild stammt aus dem Projekt „Pferdemenschen“, das noch bis Mitte
Mai im Kunsthaus Erkrath bei Düsseldorf zu sehen ist.
Rainer Christian Kurzeder
„Männlichkeit zeigt sich für mich nicht in dem, was sichtbar ist, sondern
in dem, was unausgesprochen bleibt. Auch Vater und Sohn begegnen sich oft
ohne Worte, irgendwo zwischen Nähe und Distanz, Schutz und Unsicherheit. In
diesem Zwischenraum beginnen Erwartungen an Männlichkeit zu bröckeln. Dort
wird sie fragil.“
Rainer Christian Kurzeder lebt und arbeitet als Fotograf in Berlin. In
seinem Werk erforscht er Identitäten, Beziehungen und emotionale
Zwischenräume, in seinem aktuellen Projekt „Beyond the Silence“ geht es um
die Beziehung zwischen queeren Söhnen und ihren Vätern. Auf dem Foto ist
Kurzeder als kleiner Junge mit seinem Vater zu sehen, irgendwann in den
Neunzigern im Italienurlaub. Die Serie ist noch bis zum 21. Juni im Haus am
Kleistpark in Berlin ausgestellt.
Dennis Yenmez
„Vielleicht beginnt eine andere Form von Männlichkeit dort, wo Härte keine
Pflicht mehr ist.“
Dennis Yenmez, 1982 geboren, ist Fotograf und Fotoredakteur. Schon in
seiner frühen Schaffensphase mit Stationen in den USA, dem Ruhrgebiet und
Istanbul stand für ihn der Mensch im Kontext seiner Umgebung und Geschichte
im Vordergrund. Im Rahmen seiner Diplomarbeit an der Folkwang Universität
der Künste begleitete er trans Menschen in ihren privaten und sozialen
Räumen, den Nachtclubs, Bars und Bühnen Berlins. Entstanden ist die
Fotoserie „Das andere Ich“.
Jens Gyarmaty
„In der Kindheit waren die amerikanischen Wrestler unsere Helden. Ihre
Signature finishing Moves entschieden über Sieg und Niederlage. Die
Charaktere beeinflussten unsere Vorstellungen von Männlichkeit.“
Jens Gyarmaty lebt und arbeitet in Berlin. In seinen Fotografien untersucht
er den Raum zwischen Realität und Darstellung – zwischen dem, was wir
erleben, und dem, wie wir Erlebtes erinnern und weiterdenken. Das Foto
zeigt die Wrestler Cash Money Erkan und Georges Khoukaz in der
Umkleidekabine. In einer Turnhalle in Berlin-Neukölln fand 2018 ein von der
German Wrestling Federation organisiertes Training statt.
Johanna Maria Dietz
„Wie kann ich wissen, was ich begehre, wenn die Bilder von Begehren, mit
denen ich aufgewachsen bin, überwiegend von Männern gemacht wurden? John
Berger schrieb 1972 in ‚Ways of Seeing‘: ‚Men look at women. Women watch
themselves being looked at.‘ Er beschreibt damit eine Blickhierarchie, die
uns bis heute prägt. Es gibt nur wenige Bilder, in denen Männer aus einer
weiblichen Perspektive heraus begehrt werden.
Vielleicht war auch ich oft mehr damit beschäftigt, dem männlichen Blick zu
entsprechen, als mich zu fragen, was ich selbst an Männern begehrenswert
finde. In meiner Arbeit versuche ich, mich dem anzunähern – dem, was oft
als female gaze beschrieben wird und sich dennoch schwer greifen lässt.“
Johanna Maria Dietz, 1996 geboren, lebt und arbeitet als Fotografin in
Berlin. Sie studierte Soziologie und Philosophie in Münster sowie
Fotografie an der Ostkreuzschule für Fotografie in Berlin. Das Foto stammt
aus der Serie „Adonis“ (2024–2025).
Anja Weber
„In meinen Fotografien befrage ich Männlichkeit als variable Praxis, als
etwas, das immer wieder neu behauptet wird. Mich interessiert das Begehren,
das sich in der Inszenierung von Männlichkeit zeigt. Ich bewundere Menschen
dafür, dass sie ihre eigene Realität leben und sich als Personen zeigen.“
Anja Weber ist Fotografin und Professorin für Fotografie an der Merz
Akademie, Stuttgart. Seit 30 Jahren fotografiert sie queeres Leben. Zuletzt
realisierte sie eine Sichtbarkeitskampagne für Inter* Personen in Berlin.
Die Porträtserie „California Men“ aus dem Jahr 2008, aus der das Foto
stammt, untersucht Männlichkeit im Kontext einer Zeit, in der queere
Menschen sichtbarer wurden und gleiche Rechte erkämpften. Aktuell werden
sie dieser Rechte wieder beraubt und insbesondere Trans* Menschen gezielt
zur politischen und sozialen Spaltung angegriffen.
Bettina Flitner
„Über Männlichkeit sollten sich die Frauen nicht mehr den Kopf zerbrechen,
das haben sie lange genug gemacht. Das können die Männer heute gerne selber
tun“
Bettina Flitner, 64, ist Fotografin und Autorin, sie lebt in Berlin und
Köln. Sie schreibt und fotografiert unter anderem Porträts und
sozialkritische Reportagen. Das Foto einer sogenannten Verrichtungsbox in
Berlin stammt aus ihrem Band „Prostitution, Freier – Frauen – Orte“, der
2025 im Kehrer Verlag erschienen ist.
Sophie Kirchner
„Der ostdeutsche Mann, der in Kleinstädten oder auf dem Land lebt, wird oft
defizitär dargestellt. Als der, der zurückbleibt. Wie unterschiedlich diese
Männer sind, geht in der öffentlichen Wahrnehmung unter, mich aber
interessiert es als Fotografin. Ich habe meinen Fotografenkollegen Philipp
Baumgarten besucht. Er lebt nach Stationen in Dresden, Karlsruhe und Berlin
wieder in seiner Heimat Zeitz.
Wegzugehen sei für ihn wichtig gewesen, sagt er. Früher habe er das Bleiben
eher als Stillstand empfunden. Heute sehe er vieles differenzierter: ‚In
Zeitz ist vieles möglich, was anderswo nicht möglich ist.‘ Gleichzeitig
bleibe offen, ob die Stadt für ihn dauerhaft Lebensmittelpunkt sein werde:
‚Wer weiß schon, was kommt.‘‘“
Sophie Kirchner, 41, lebt als Porträt- und Dokumentarfotografin in Berlin.
Sie arbeitet für Zeitungen, Agenturen und Unternehmen. Das Foto ist aus
ihrer Serie „Bleiben“.
9 May 2026
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