# taz.de -- Eine queerfeministische Tech-Perspektive: „Du bist nicht zu blöd für Technik“
> FLINTA* sind in der IT-Welt oft unsichtbar. Carla Gröschel und Kathe
> Tiemann wollen das ändern – mit einem Barcamp im Wald und Kritik an Big
> Tech.
(IMG) Bild: Bei einem Local-IT-Barcamp wie diesem können FLINTA* in diesem Juli mehr über digitale Unabhängigkeit lernen
taz: Frau Tiemann, Frau Gröschel, in Ihrem neuen Podcast [1][„Queere FeTe“]
sprechen Sie unter anderem über die Geschichte von Frauen und Informatik.
Was steckt dahinter?
Kathe Tiemann: Die Mathematikerin Ada Lovelace hat die Informatik und
Algorithmen mitbegründet. Früher waren es oft Frauen, die in den großen
Rechenzentren die eigentliche Arbeit gemacht haben.
Carla Gröschel: Weil der Beruf weder gut angesehen noch bezahlt war, wurden
dort Frauen angestellt. Sobald man aber entdeckt hatte, dass sich damit
Geld, Einfluss und Ansehen verbinden lassen, wurden Frauen systematisch
herausgedrängt.
taz: Was sind die heutigen Folgen dieser Verdrängung?
Gröschel: In der klassischen IT-Welt sind FLINTA*-Personen in der
Entwicklung immer noch extrem unterrepräsentiert. Wenn es Initiativen für
„Frauen in Tech“ gibt, geht es oft nur darum, mehr Arbeitskräfte für den
Markt zu mobilisieren. Uns fehlt ein Ort für Themen, wie digitale
Unabhängigkeit, der eben nicht männerdominiert ist. Wo nicht sofort der
Fokus darauf liegt, coden zu lernen, um einen Job in der IT-Welt zu
bekommen. Der Kampf gegen Big Tech ist ein zutiefst feministisches Thema.
Tiemann: Es geht auch um Aufklärung über digitale Sicherheit. [2][Vor allem
FLINTA*-Personen sind von digitaler Gewalt betroffen.]
taz: Sind digitale Tools immer antifeministisch?
Tiemann: Große Techkonzerne können durch ihre Monopolstellung tatsächlich
die Meinungsbildung durch eine Lenkung von Informationen beeinflussen. Sind
die antifeministisch, prägt das auch das vorherrschende Wissen, das
produziert wird.
taz: Und wie sieht ein feministischer Blick auf Tech aus?
Gröschel: Für uns bedeutet das die Frage: Wer profitiert und wer wird
ausgeschlossen? Bei Big Tech konzentriert sich die Macht bei ganz wenigen,
die sich teilweise explizit hinter Personen wie Donald Trump stellen. Ihr
Geschäftsmodell beruht auf der Ausbeutung unserer Daten für Profit. Diese
Firmen haben gar kein Interesse daran, Nutzer:innen wirklich zu
schützen, weil Datenschutz ihr Werbemodell untergraben würde. Das ist für
mich antifeministisch.
taz: Im Juli veranstalten Sie das [3][„Tech Utopia Barcamp“] auf einem
Campingplatz, in dem Einsteiger:innen mehr über digitale Unabhängigkeit
lernen sollen. Warum sollen sie dazu in die Natur fahren?
Tiemann: Ein Barcamp ist eine „Unkonferenz“. Es gibt dort kein festes
Programm. Stattdessen wird morgens gemeinsam entschieden, welche Themen und
Fragen im Zentrum stehen. Wir haben gemerkt, dass ein Setting auf einer
Wiese oder einem Zeltplatz einen besonderen sozialen Charme hat. Es
entsteht ein Gemeinschaftsgefühl, in dem man sich eher traut, Fragen zu
stellen. Wir wollen Open Source wirklich kollektiv denken und FLINTA* mit
einschließen.
taz: Sie beschreiben das „Tech Utopia Barcamp“ als „FLINTA*-only space“.
Ist das eine bewusste Abschottung?
Gröschel: Es gibt genug Räume für Technik, die für alle offen sind. Wir
haben die Erfahrung gemacht, dass manche Personen nicht kommen würden, wenn
auch Männer anwesend sind. Wir sehen dieses Barcamp als Sprungbrett für
unsere anderen Angebote. Bei Einsteiger:innen ist die Hürde,
vermeintlich „dumme“ Fragen zu stellen, sonst oft zu hoch.
Tiemann: Die Vision ist nicht, zwei getrennte Felder zu etablieren, sondern
einen Zugang zu schaffen. Wir wollen FLINTA* helfen, Selbstbewusstsein
aufzubauen, um später auch an anderen Orten in der Tech-Szene präsent zu
sein.
taz: Das Camp findet auf dem [4][„Campelse“], einem Frauen-Campingplatz im
Hohen Fläming in Brandenburg statt. Wieso haben Sie sich für diesen Ort
entschieden?
Tiemann: Das „Campelse“ hat eine ganz besondere Geschichte, die tief im
Gewaltschutz verwurzelt ist. Einerseits sollte ein Ort geschaffen werden,
um Kindern aus Kreuzberger Schulen schöne Ferien zu ermöglichen. Es wurde
aber auch als ein Ort gegründet, an dem Frauen, die Gewalt erfahren haben,
sicher Urlaub mit ihren Kindern machen können – ohne Angst vor männlichen
Tätern.
taz: Führt diese Historie zu Konflikten, wenn Sie diesen Raum im Sommer für
alle FLINTA*-Personen öffnen, die teilweise vielleicht nicht weiblich
gelesen werden?
Tiemann: Das ist ein aktuelles Spannungsfeld, das wir abgesprochen haben
und sensibel auffangen wollen. Wir respektieren die Geschichte als
Schutzraum gegen männliche Gewalt, wollen aber gleichzeitig inklusiv für
alle FLINTA* sein, die dieses Angebot nutzen wollen.
taz: Sie verzichten für das Projekt und auch privat auf Instagram und
Whatsapp. Genügt es nicht, dass Letzteres mittlerweile eine
Ende-zu-Ende-Verschlüsselung hat?
Gröschel: Selbst wenn die Inhalte deiner Nachricht verschlüsselt sind,
fallen massenhaft Metadaten an. [5][Meta weiß ganz genau, wer wann, wie oft
und wie lange mit wem kommuniziert.] Diese Daten sind für den
Überwachungskapitalismus fast wertvoller als der Text der Nachricht selbst,
weil sie Verhaltensmuster offenlegen. Messenger wie Signal gehen einen
anderen Weg und verschlüsseln diese Metadaten, sodass der Betreiber gar
nicht erst erfährt, wie das soziale Umfeld aussieht.
Tiemann: [6][Meta hat übrigens ein Bezahlmodell eingeführt:] Für 5,99 Euro
im Monat kann man darauf verzichten, dass eigene Daten vollständig
kommerziell verwertet werden können. Das ist digitale Erpressung. Digitale
Privatsphäre wird zu einem Luxusgut, das man sich leisten können muss.
taz: Viele Menschen nutzen diese Dienste trotz der Kritik am Datenschutz
weiter. Aus Ignoranz oder Unwissenheit?
Gröschel: Es ist keine Ignoranz! Man kämpft täglich gegen
Milliardenunternehmen, deren einzige Strategie es ist, dass man auf der
Plattform bleibt. Der Prozess war schleichend: Erst war alles umsonst und
geil, dann wird einem plötzlich klar, dass man alles freiwillig abgibt und
das Teil des Geschäftsmodells ist. Es fehlt an Aufklärung über
Alternativen.
Tiemann: Kleine Vereine können oft nichts dafür, dass sie auf Instagram
angewiesen sind, weil sie keine Ressourcen für eine eigene Website haben.
Oft sind es solche kleinen Hürden. Wir wollen die Leute da abholen und
zeigen: Du bist nicht zu blöd für die Technik. Oft sind es sogenannte
[7][„Dark Patterns“ im Design von Websites und Apps], die zum Beispiel
absichtlich verhindern, dass man den Logout-Button findet. Es liegt nicht
an dir.
19 May 2026
## LINKS
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(DIR) [2] /Projekt-gegen-digitale-Gewalt-gestartet/!6172677
(DIR) [3] https://local-it.org/barcamp2026/#techutopia
(DIR) [4] https://campelse-frauencamping.de/
(DIR) [5] /Meta-vor-Gericht/!6119188
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Ungleichheiten gibt es nicht nur dort, wo das Internet genutzt wird.
Sondern auch dort, wo die Inhalte fürs Netz entstehen.