# taz.de -- Atlético Madrid in der Champions League: Der Sohn ohne Namen
       
       > Der kampfstarke Giuliano ist aus dem Team von Atlético Madrid nicht
       > wegzudenken. Sein Vater und Trainer Diego Simeone hat es ihm nicht leicht
       > gemacht.
       
 (IMG) Bild: „Eine Plage für den Gegner“: Auch Trainer-Sprössling Giuliano Simeone hat sich reichlich Respekt verschafft
       
       Vor dem Stadion von Atlético Madrid gibt es einen Walk of Fame. Für alle
       Spieler mit mehr als 100 Einsätzen ist dort eine Gedenktafel in den Boden
       eingelassen. Zu den Geehrten gehört etwa der heutige Trainer, [1][Diego
       Pablo Simeone,] der einst schon für den Klub kickte. Seit dem letzten
       Wochenende hat nun auch sein Sohn einen Stein, Giuliano. Und damit war an
       sich wirklich nicht zu rechnen.
       
       Denn wenn es nach dem Vater gegangen wäre, dann hätte der Jüngste seiner
       drei fußballspielenden Söhne gar nie bei Atlético angefangen. So erzählt er
       es jedenfalls selbst, und so verbreiten sie es auch im Verein. Danach hatte
       Diego, seit 2011 im Amt, nichts damit zu tun, dass Giuliano der
       Klubakademie beitrat. Gratis natürlich, und ohne Vitamin B. Simeone senior
       hat schließlich eine ganze Trainerkarriere auf dem Ruf aufgebaut,
       unbestechlich nach Meritokratie zu verfahren. Wenn Atlético am
       Mittwochabend im Champions-League-Halbfinale [2][auf Arsenal] trifft, dann
       gibt es allseits wenig Zweifel, dass sich Giuliano, 23, seinen Platz auf
       Rechtsaußen verdient hat. Er ist inzwischen auch argentinischer
       Nationalspieler mit elf Einsätzen. Und so hat sich auch bei seinem Vater
       die Paranoia gelegt, die ihn noch bei den ersten Einsätzen des Sohnes
       verfolgte. „Er hat keinen Namen“, proklamierte Diego da, wie um sich selbst
       zu überzeugen: „Ein Fußballer wie jeder andere.“
       
       Beobachter von außen hatten mit der Familienbande von Beginn an weniger
       Probleme. Zu offensichtlich war, wie gut die Energie des Youngsters einer
       Mannschaft tat, die im Herbst 2024 in die schwerste Lähmung der Ära Simeone
       verfallen war. Es regten sich damals sogar Kritiker, die infrage stellten,
       ob nicht selbst die messianische Überfigur des zweiten Madrider Großklubs
       mal ausgedient habe. Auftritt Giuliano, zunächst als Ersatzspieler, und
       plötzlich gewann Atlético im Schlussspurt wieder enge Partien. Beförderung
       Giuliano in die Stammelf, und auf einmal war da ein Klubrekord mit 15
       Siegen am Stück [3][und dem ersten Erfolg des Vaters beim FC Barcelona.]
       
       Giuliano ist schnell und explosiv, kampfstark und einsatzfreudig, ein
       prädestinierter Publikumsliebling. Mit manchen Attributen erinnert er fast
       an – seinen Vater, der allerdings im zentralen Mittelfeld spielte. „Wir
       ähneln uns sehr in der Intensität“, sagt der Junior über sich und seinen
       notorisch fußballverrückten Senior. „Der haut richtig rein“, sagte
       Alavés-Trainer Luis García Plaza über Giuliano: „Der kann 90 Minuten
       rennen, ohne stehenzubleiben, der ist eine Plage für den Gegner.“
       
       ## Erzählungen der Strenge
       
       Zu Abstiegskandidat Alavés war Giuliano in der Saison 2023/24 ausgeliehen
       worden, wie vorher schon zum Zweitligisten Saragossa. Mit starken
       Leistungen dort zwang er seinen Vater praktisch dazu, ihm einen Kaderplatz
       zu geben. Giuliano ist das Gegenteil eines verzogenen Sohnes, an dieser
       Erzählung stricken beide Simeones. „Ich darf nicht bei meinem Vater leben“,
       erzählte der Junior kürzlich. „Als ich volljährig wurde, sagte er mir: ‚So
       du bist jetzt 18, verlass’ mein Haus und werd’ ein Mann.‘“
       
       Natürlich gibt es auch andere Momente in der Fußballerfamilie Simeone, die
       das kickende Weltgeschehen in einer gemeinsamen Whatsapp-Gruppe
       kommentiert. Der älteste Sohn Giovanni, 30, stürmt für Torino in Italien,
       der mittlere Gianluca, 27, hat eine Profikarriere in unteren Ligen
       mittlerweile beendet und arbeitet als Spielerberater. Außerhalb des
       beruflichen Kontextes sei Diego ein liebender, lustiger Vater, so Giuliano
       – wenn er nicht schon morgens beim Frühstück manisch mit Besteck, Saftglas
       und ipad hantiere, um neue taktische Formationen zu entwerfen.
       
       Giuliano wurde in Rom geboren, als Diego dort für Lazio kickte, und begann
       selbst in der Jugendabteilung von River Plate in Buenos Aires. Als der
       Vater an Weihnachten 2011 wieder nach Europa zu Atlético ging, weinten
       beide. Giuliano war neun Jahre alt, logischerweise wurde er zum Fan des
       Vereins, bei dem sein Vater arbeitete. Und schwor sich, alles dafür zu tun,
       um auch mal für diesen Klub zu spielen. Das tat er jetzt also schon
       hundertmal, allerdings nur mit seinem Vornamen auf dem Trikot. Bloß nicht
       den falschen Eindruck erwecken.
       
       29 Apr 2026
       
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