# taz.de -- Ende des Metaverse: Abschied von der digitalen Utopie
       
       > Im Juni wird der Facebook- und Instagram-Konzern Meta seine
       > Virtual-Reality-Plattform „Horizon Worlds“ abschalten. Ein letzter
       > Rundgang.
       
 (IMG) Bild: Misogynie, Rammstein-Fans und viel Frust über Inflation – das alles gibt’s im Metaverse
       
       Das Metaverse teleportiert mich ins Urlaubsparadies. Mein Avatar –
       schwarzer Hoodie, kurze, graue Hose, weiße Sneakers – steht an einer
       palmengesäumten Plaza in „Horizon Central“, einer von vielen virtuellen
       Welten auf Metas VR-Plattform „Horizon Worlds“. In der Mitte: eine
       hellweiße Säule, die eine UFO-artige Dachkonstruktion stützt. Dahinter: ein
       futuristischer Betonbunker mit einer gigantischen Leinwand, auf der
       abwechselnd Videoschnipsel aus Computerspielen und Meta-Werbung laufen.
       
       Links: eine Shopping-Mall („Shop Central“), deren Fassade irisierend wie
       eine Seifenblase blau und lila leuchtet. Es fühlt sich an, als wäre ich im
       LSD-Rausch an einem Flughafen in der Südsee gelandet. Alles wirkt smooth
       und unbeschwerlich. Avatare mit Namen wie Super.Geisha und meme714 laufen
       umher, ein Avatar im Anzug macht einen Freudensprung. Willkommen im
       digitalen Utopia!
       
       Das Metaverse galt mal als die nächste große Sache im Silicon Valley.
       Facebook-Chef Mark Zuckerberg träumte von einem „embodied internet“, in dem
       man Freunde und Kollegen trifft. Marken wie Nike und Gucci eröffneten
       virtuelle Stores, Stars wie Travis Scott und Ariana Grande spielten
       Live-Konzerte vor Millionenpublikum. Doch dann rollte der KI-Zug an, und
       das Metaverse wurde zum Abstellgleis.
       
       Der Meta-Konzern, der sich eigens umbenannt hatte, verbrannte
       schätzungsweise 80 Milliarden Dollar. Am 15. Juni wird Meta „Horizon
       Worlds“ abschalten – die Plattform wird dann nur noch mobil auf Smartphones
       oder Tablets und nicht mehr auf dem Virtual-Reality-Headset Quest verfügbar
       sein. Also auf zu einem letzten Besuch – mit dem iPad, damit man schon mal
       üben kann.
       
       ## Nichts los hier
       
       Mit meinem Avatar taste ich mich zur Platzmitte vor. Von weitem höre ich
       eine Gruppe Franzosen, die sich lautstark vor ein paar Reklametafeln
       unterhält. Ich sage „Bonjour“ und versuche mich in die Konversation
       einzuklinken, aber die Franzosen wollen lieber unter sich bleiben. Also
       flaniere ich weiter über den Platz und schaue über die Brüstung. Ein
       kleiner Kanal trennt die Ankunftsplattform von der gegenüberliegenden
       Seite. Ich gehe über einen blau markierten Pfeil. Ein kurzes Zischen, dann
       spuckt mich der Computer vor dem virtuellen Monumentalbau aus.
       
       Das Gebäude wirkt riesig und überdimensioniert: Ein Treppenaufgang führt zu
       einem tempelartigen Eingang, der gigantische Bildschirm schaut auf einmal
       noch größer aus. Ich muss den Kopf meines Avatars ganz nach hinten
       strecken, um die Spitze des Baus zu sehen. Und komme mir plötzlich sehr
       klein vor. Die Architektur wirkt erdrückend.
       
       Wer designt solche Bauwerke? Ich trete ein paar Schritte zurück, um mir
       einen Überblick zu verschaffen. Der runde Vorplatz wird von einer Handvoll
       Geschäften flankiert: Pizza Kitchen, Pets Park, Disney+. Doch an diesem Tag
       will niemand shoppen. Auch die Bootsanlegestelle („Bobber Bay Fishing“) ist
       verwaist. Ein Avatar steht etwas ratlos vor dem virtuellen Schild und
       verschwindet kurz darauf. Nichts los hier. Ich gehe zurück zum Vorplatz.
       
       ## Ein babylonisches Sprachgewirr
       
       Dort treffe ich Silverstone726. Der afroamerikanische Avatar trägt
       schwarz-weiße Sneaker, eine olivgrüne Strickmütze und ein enganliegendes
       Kurzarmshirt über seinem muskulösen Oberkörper. Ich sage ihm, dass ich hier
       zum ersten Mal und noch etwas orientierungslos bin. „Willkommen im
       Metaverse“, sagt Silverstone726 und führt mich über den Platz. Der Avatar
       vom Format eines Türstehers ist jetzt mein Guide und Bodyguard.
       
       „Schau mal, dahinten, da kannst du einkaufen“, sagt Silverstone726 und
       zeigt mit dem Finger auf den „Central Shop“, die immersive
       Shopping-Destination in Horizon Central, wo Nutzer Avatar-Kleidung und
       Accessoires erstehen können. Ich kann nicht sehen, wer hinter der
       Datenbrille steckt, aber jedes Mal, wenn die echte Person sich streckt oder
       gähnt, tut es ihr der Avatar dank Body- und Motion-Tracking gleich. Ein
       wenig unheimlich ist das schon.
       
       Mittlerweile ist der Platz gut gefüllt, und in dem babylonischen
       Sprachgewirr aus Spanisch, Englisch und Indonesisch verstehe ich nicht
       alles, was mir Silverstone726 in das Mikrofon seines Headsets sagt. „Komm
       mit“, sagt er und führt mich zu einer Rotunde. Auf meinem Display erscheint
       ein kleines Icon für einen Stuhl. Ich klicke darauf, und mein Avatar setzt
       sich auf die ringförmige Bank. Jetzt sind wir unter uns, die störenden
       Hintergrundgespräche sind unterdrückt.
       
       Silverstone726 erzählt mir, dass er arbeitslos sei und an der Ostküste der
       USA lebt. Mehr will er nicht verraten. Es ist ein ungeschriebenes Gesetz im
       Metaverse, dass man nicht viel über sein Privatleben preisgibt. Der Sinn
       und Zweck virtueller Welten besteht darin, die reale Welt hinter sich zu
       lassen und neue Identitäten anzunehmen.
       
       ## Eine Art Realitätsflucht
       
       Trotzdem kann man die Realität auch im Metaverse nie ganz abschütteln.
       Silverstone726 berichtet, wie ihn die Inflation als Arbeitsloser besonders
       trifft. „Der Preis für eine Gallone Benzin ist jetzt auf 4,90 Dollar
       gestiegen“, sagt er empört. Das Metaverse ist für ihn eine Art
       Realitätsflucht: Er verbringt hier seine Freizeit und schließt
       Freundschaften.
       
       Wir steigen aus der Rotunde, dann trennen sich unsere Wege. Ich ziehe
       weiter und komme mit Gam3r.33499 in Gespräch, einem bunten
       Cyborg-Hasen-Hybrid. Dahinter verbirgt sich eine Frauenstimme aus
       Queensland. Sie komme öfter hier her, erzählt die Frau, sie treffe Menschen
       aus verschiedenen Nationen. „Du musst nicht fliegen, du kannst über den
       Globus hinweg reden“, sagt sie. Sie suche derzeit einen Job als
       Barkeeperin. Die Inflation zieht auch Down Under an, alles wird teurer. „Es
       ist sehr schwierig, sich ein Haus zu leisten“, klagt sie. Auch für
       Gam3r.33499 ist „Horizon Worlds“ Reduit.
       
       Doch das Metaverse ist eben nicht nur ein Zufluchtsort, sondern auch ein
       gefährlicher Ort, zumindest für Frauen. 2022 machte [1][der Fall einer
       virtuellen Vergewaltigung in „Horizon Worlds“] Schlagzeilen: Die
       Wissenschaftlerin Nina Jane Patel berichtete, wie ihr Avatar von einer
       Gruppe Männern bedrängt und sexuell angegriffen wurde.
       
       Meta reagierte mit neuen Sicherheitsstandards und [2][führte einen
       Mindestabstand („Personal Boundary“) ein], um Nutzer vor Belästigung im
       Metaverse schützen. Das Metaverse ist trotzdem immer noch [3][eine
       Macho-Veranstaltung]. Ich spüre das nicht direkt, weil mein Avatar männlich
       designt ist, aber wenn man den Gesprächen lauscht, vernimmt man öfter einen
       misogynen, sexistischen Ton.
       
       ## Ein Brasilianer erzählt, dass er Rammstein möge
       
       Auf den Treppenstufen hängen ein paar dunkle Gestalten ab, aus der Ferne
       höre ich ihren US-amerikanischen Akzent. „You better run away, bitch!“,
       ruft ein Avatar mit Gangsterklamotten und Dreadlocks. Plötzlich fühlt es
       sich an, als wäre ich nicht im Metaverse, sondern in der Bronx.
       
       Auf die Frage, ob hier Frauen belästigt werden, ernte ich an anderer Stelle
       nur Gelächter. Als ich die Konversation eines Männertrios crashe und mich
       als Deutscher oute, fragt mich ein Nutzer namens Saintzzuxin – laut eigener
       Aussage Brasilianer –, warum man in deutschen Pornofilmen schwarze Socken
       trage.
       
       Ich zögere einen Moment, weil ich gar nicht weiß, ob das ein Spezifikum
       deutscher Pornoproduktionen ist, da offenbart mir Saintzzuxin, [4][dass er
       die Band „Rammstein“ möge]. Sein Lieblingssong: „Du hasst mich.“ Er singt
       ihn mit seinem brasilianischen Akzent nach und lacht danach. Der Ton ist
       gesetzt. Und ich bin froh, dass ich das Metaverse am Ende per Knopfdruck
       verlassen kann.
       
       28 May 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.bbc.com/news/technology-61573661
 (DIR) [2] https://www.heise.de/news/Facebook-Mindestabstand-soll-vor-Belaestigung-im-Metaverse-schuetzen-6352233.html
 (DIR) [3] /Uebergriffe-im-Metaverse/!5987684
 (DIR) [4] /Rammstein-Fans-im-Zeitgeist/!5946772
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Adrian Lobe
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Virtual Reality
 (DIR) Mark Zuckerberg
 (DIR) Schwerpunkt Meta
 (DIR) GNS
 (DIR) Schwerpunkt Meta
 (DIR) Sexualisierte Gewalt
 (DIR) Virtual Reality
       
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