# taz.de -- Jazz aus Rio: Heilung am Strand von Ipanema
> Statt Bossa Nova und Samba sind in Rio de Janeiro auf einmal überall
> Jazzklänge zu hören. Es gibt sogar einen neuen Mix aus Jazz und Baile
> Funk.
(IMG) Bild: Herab von den Hügeln Santa Teresas: Antonio Neves und Thiaguinho Silva
Rio de Janeiro überwältigt jedes Mal aufs Neue: Der Ausblick auf Buchten
und Sandstrände, die von Wunderhand abgerundeten Granitfelsen, die üppigen
Tropen. Die bürgerlichen Viertel unten auf dem asfalto in Meeresnähe und
die comunidades an den Berghängen liegen nur einen Steinwurf voneinander
entfernt.
Auf einer Anhöhe oberhalb der Stadt ist das barock anmutende Bohèmeviertel
Santa Teresa gelegen. Die Jazzdrummer Antonio Neves und Thiaguinho Silva
haben ihre Hommage an das Viertel gleich „Ladeiras de Santa Teresa“
genannt, „Hügel von Santa Teresa“. Neves, der auch Posaune spielt, ist
einer der Vorreiter des Rio Jazz (sein facettenreiche Platte „A pegada
agora é essa“ von 2021 wurde zurecht gefeiert), Silva ein Meister der
sanften Percussion. Ihr weitgehend ruhiges, im Samba verwurzeltes Jazzalbum
ist genau das Richtige für einen lauen Abend am Strand von Ipanema.
Rio de Janeiro ist derweil wieder in Mode. Es kommen mehr Touristen, und
Influencer:innen erzählen von den besten Favela-Beatyshops oder üben
sich im „altinha“, dem Ballhochalten, mit den Cracks von der Straße. Auch
hier tragen junge Männer inzwischen vorzugsweise Schnurrbart, Gewagtere gar
Tattoos auf der Glatze.
In Mode gekommen ist in Rio auf einmal auch der Jazz. Auf den engen Straßen
Lapas spielen regelmäßig junge Jazzer mit ihren Kombos auf. In der Spielart
der Cariocas, der Bewohner:innen Rios, ist das meistens ziemlich
funkig, mit Orgel, Bläsern, viel Percussion. In Brasilien, wo das Publikum
eigentlich jedes Lied von Anfang bis Ende mitsingt (was dem Hörgenuss nicht
immer förderlich ist), ist die Geduld, längeren Instrumantalsoli zu
lauschen, nicht unbedingt zu erwarten.
## Jeden Tag Jazz live
Doch weit gefehlt. Die Leute kommen in Scharen, die Szene blüht. Eine der
wichtigsten Figuren der Szene ist Tunico. In Venues wie der Comuna Lapa ist
der Multinstrumentalist und Komponist Stammgast – meist mit seinem
talentierten Ensemble im Schlepptau. Sein Album „Tunico“ (2023) ist eine
Samba-Funk-Jazz-Fusion, die mal an Banda Black Rio erinnert, mal
Ry-Cooder-Vibes verströmt.
Am besten ist es aber, Rio de Janeiros Jazzheads selbst live zu sehen. An
einem Tag geht man ins Viertel Laranjeiras, wo der Bassist Ney Conceição
ins Armazém Cardosão zum Konzert bittet, an einem anderen aufs Dach der Bar
Macuna in Botafogo oder zur Praça São Salvador, wo die Band Salvador Jazz
mit Klassikern aufwartet, umsonst – aber nur, wenn es nicht regnet.
Seit einem Jahr gibt es sogar einen Schulterschluss zwischen dem Jazz – und
Rios Jugendkultur. Bei der Partyreihe „Jazz Proibidão“ („Verbotener Jazz“)
treffen Jazzkünstler:innen auf Rios Baile Funk – jenen populären
Elektro-Sound, der für ungeübte Ohren ziemlich monoton wirkt und dessen MCs
oft so klingen, als würden sie um ihr Leben schreien.
Doch wenn dort der wahnwitzige Baile-Funk-Dekonstruktivist DJ Ramon Sucesso
auf den Mandolinenvirtuosen Hamilton de Holanda folgt, erinnert das an
einen Ausspruch des Freejazzers Ornette Coleman: „Ich versuche nicht zu
gefallen, wenn ich spiele. Ich versuche zu heilen.“
Dieser Text erschien in der Verlagsbeilage taz thema global pop am 2. Mai
2026.
7 May 2026
## AUTOREN
(DIR) Ole Schulz
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