# taz.de -- Vogelexperte über Stadtgezwitscher: „Man muss rausgehen und sich darauf einlassen“
       
       > In Hamburg leben 160 Vogelarten, einige geben im Frühling
       > gesangstechnisch alles. Hier ist zwischen Uhus und Eisvögeln der wahre
       > Star: der Spatz.
       
 (IMG) Bild: Auch im Stadion ein Gewinner: das Rotkehlchen
       
       taz: Herr Sommerfeld, der Nabu bietet seit über 70 Jahren Führungen durch
       die heimische Vogelwelt an. Über welchen Vogel freuen Sie sich bei
       Sichtungen am meisten?
       
       Marco Sommerfeld: Es gibt ja Leute, die besonders gerne ausgefallene Arten
       beobachten, wie Eisvögel. Die leben nämlich auch hier, entlang der Alster
       oder auf dem Friedhof Ohlsdorf. Da ist manchmal auch ein Uhu zu sehen. Ich
       selbst freue mich aber am meisten über den Haussperling.
       
       taz: Oh, was ist der Haussperling für einer? 
       
       Sommerfeld: Er ist recht klein und war früher eine Allerwelts-Vogelart.
       Bekannter ist er als Spatz. Heute ist die Art selten geworden und steht auf
       [1][der Roten Liste]. Er ist nicht mehr im ganzen Stadtgebiet vertreten,
       größere Populationen gibt es noch beispielsweise in der Hafencity, im
       Altonaer Fischereihafen und in Blankenese.
       
       taz: Ist der Sperling auch einer von den Gesangstalenten, die aktuell den
       Frühling besingen? 
       
       Sommerfeld: Nee, die tschilpen eher. Wir hören vor allem die Amsel. Sie
       singt eine Art flötende Strophe, die klingt relativ melodiös und wird
       festlich von ihr vorgetragen. Da mischen sich dann die anderen Vogelstimmen
       mit rein, wie das Rotkehlchen oder der Zaunkönig. Der Zaunkönig klingt sehr
       dominant, fast metallisch und erinnert etwas an Kanarienvögel.
       
       taz: Also gibt es den ganzen Tag was zu lauschen? 
       
       Sommerfeld: Ja, – und das geht sogar nachts! Was wir hier in der Nacht
       singen hören, sind nämlich keine Nachtigallen. Das sind Rotkehlchen, die
       neben der Straßenlaterne oder Parkbeleuchtung eine Nachtschicht machen.
       
       taz: Warum legen sich Rotkehlchen und Co gerade so ins Zeug? 
       
       Sommerfeld: Zurzeit ist die Werbung um Partner in vollem Gange, manche
       bauen bereits ihr Nest. Und rund um ihr Nest verteidigen sie ein
       unsichtbares Revier gegen ihre Nachbarn. Während wir Menschen Zäune
       aufbauen, um unser Grundstück abzugrenzen, machen das Vögel durch den
       Gesang. Der ist morgens und abends am intensivsten und hängt vom Wetter ab.
       Bei strahlendem Sonnenschein singen sie manchmal den ganzen Tag.
       
       taz: Weil die Vögel dann wie wir bessere Laune haben? 
       
       Sommerfeld: Ja, das glaube ich tatsächlich. Bei Sturm und Regen gibt’s
       weniger Vogelgesang. Das kennen wir Menschen: Wenn es stürmt, sind wir auch
       nicht so ausflugswillig. Und bei den Vögeln gibt es wie bei uns auch
       Frühaufsteher. Die Amsel und der Hausrotschwanz singen bereits vor 5 Uhr
       morgens. Und dann gibt es so Langschläfer wie die Finken.
       
       taz: Sie sind seit mehr als zwanzig Jahren Vogelexperte beim Nabu. Wie hat
       sich die Hamburger Vogelwelt in den letzten Jahren verändert? 
       
       Sommerfeld: Es gibt Arten, die wir als „Gewinner“ bezeichnen, wie
       Buntspechte und Rotkehlchen. Sie sind in den letzten Jahren vom Land in die
       Stadt gezogen. Diese Entwicklung konnte bereits in den 1980er Jahren bei
       Rabenkrähen und Elstern beobachtet werden. In der Wedeler Marsch sind es
       vier Elster-Reviere auf 1.000 Hektar, und in Hamburg gibt’s in jeder Straße
       drei Nester. Trotzdem sind wir besorgt: Die [2][Versiegelung der Stadt] und
       die vielen Bauprojekte vernichten Lebensräume von häufigen Arten, wie Star,
       Grünfink oder Turmfalken. Da muss man sich nicht wundern, wenn die Zahl der
       Brutpaare irgendwann dauerhaft abnimmt.
       
       taz: Was sagen Sie jemandem, der meint: „Vogelgesang?! Die zwitschern doch
       eh alle gleich“? 
       
       Sommerfeld: Man muss rausgehen und sich darauf einlassen. Und Vogelstimmen
       erkennen, das geht nicht sofort. Bei mir war das ein Prozess, der viele
       Jahre gedauert hat. Es gibt auch Vogelstimmen-Apps, die den Gesang
       angeblich zuordnen können. Aber darauf würde ich nicht so viel geben, weil
       einige Vögel andere gerne imitieren. Da sind unsere ehrenamtlichen
       Expert*innen auf den Touren die eindeutig besseren Ansprechpersonen.
       
       28 Apr 2026
       
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