# taz.de -- Bitcoin-Erfinder: Kein Blick hinter die Maske
       
       > Textanalyse und ein „Verdächtiger“, der sich eben verdächtig bewegt. Die
       > Suche der „NYT“ nach dem Erfinder der Bitcoin beruht vor allem auf
       > Bauchgefühl.
       
 (IMG) Bild: Auch dieser Bitcoin-Zauberer ist uns unbekannt, Miami 2023
       
       Um die Relevanz von Satoshi Nakamoto zu verstehen, muss man zurück ins Jahr
       2008, als jemand unter ebendiesem Pseudonym das „White Paper“ für
       [1][Bitcoin, die Idee der allererste Kryptowährung] und der Blockchain,
       vorgestellt hatte. Manche Menschen glaubten, dem anonymen Verfasser auf die
       Spur gekommen zu sein. Andere behaupteten selbst, Satoshi zu sein. Das hat
       einen Grund. Denn Bitcoin ist nicht nur die älteste, sondern auch die
       größte Kryptowährung nach Marktkapitalisierung und wird mittlerweile nicht
       nur von wenigen Nerds, sondern auch von Unternehmen und sogar einem Land,
       El Salvador, als Zahlungsmittel verwendet.
       
       Der Autor der jüngsten NYT-Recherche [2][„My Quest to Solve Bitcoin’s Great
       Mystery“], John Carreyrou, hat zwei Pulitzer-Preise. Jetzt ist er einer
       „Spur von Hinweisen“ gefolgt und will herausgefunden haben, wer Satoshi
       ist: der Computerwissenschaftler Adam Back. Auch wenn der bereits seit
       Jahren bei jeder Verdächtigung wieder betont, dass er eben nicht Satoshi
       sei. Doch die NYT weiß, wie man Aufmerksamkeit erregt; indem man schon im
       Ankündiger von „Bitcoins großem Mysterium“ schreibt und selbstsicher den
       Namen des Verdächtigen nennt. Doch der Recherche fehlt es an dem, was
       Journalismus ausmacht: Ausgewogenheit. Der Autor nähert sich der Frage
       nicht offen, sondern mit einer starken Vermutung, basierend auf einer Doku,
       die er gesehen hat. In ebendieser soll sich Back, der „Verdächtige“, nun
       ja, verdächtig verhalten und bewegt haben.
       
       Also macht Carreyrou sich auf die Suche nach Beweisen, geblendet von
       Confirmation Bias – der Tendenz, nach Belegen zu suchen, die die eigenen
       Vermutungen untermauern, und andere auszublenden. Der Großteil der
       Recherche ist Stilometrie, quantitative Textanalyse – und Bauchgefühl.
       Seine Analyse basiert auf Daten – er analysiert die Sprache im White Paper
       und in Kommentaren in Cypherpunk-Foren aus den 90ern: Back und Satoshi
       schreiben auf ähnliche Weise, teilen ähnliche Ansichten. Und die Accounts
       kommunizieren sogar miteinander. Dass Menschen sich sowohl offline als auch
       online sprachlich und meinungstechnisch an die anpassen, mit denen sie
       interagieren, blendet Carreyrou aus. Stattdessen geht er davon aus, dass
       die Konversation von einer einzigen Person erfunden und gestellt wurde.
       Eine Konversation mit sich selbst führen in der Annahme, dass Bitcoin
       irgendwann so bekannt wird, dass Journalisten jahrzehntelang dieses
       Mysterium lösen wollen werden? Das wäre reichlich ausgeklügelt.
       
       Auch Krypto-Fans, welche die Idee der Transaktion ohne eine Bank als
       Mittelsmann befürworten, sind verärgert. In der Community kursiert immer
       wieder das Motto „We are all Satoshi“. Hier muss oder soll niemand mit
       seinem Gesicht für die Erfindung stehen.
       
       Der NYT-Autor begründet das öffentliche Interesse mit dem Risiko, dass
       Satoshi so viele Bitcoin besitzt, dass es – würde er sie verkaufen – den
       Markt sowie das Vertrauen in die Kryptowährung zerrütten könnte. Denn
       Satoshi hält ungefähr 5 Prozent der insgesamt rund 21 Millionen Bitcoin,
       die es jemals geben wird. Die Kryptowährung ist so konstruiert, dass,
       anders als beim Euro, nicht mehr als die vorher festgelegten Bitcoin
       geschaffen werden können. Diese Bitcoin schlummern seit 2010 – seitdem
       wurden keine Bewegungen mehr auf Satoshis Wallet, also seiner digitalen
       Geldbörse, verzeichnet.
       
       Der Journalist bekräftigt das öffentliche Interesse zudem damit, dass Back,
       sollte er Satoshi sein, diese 1,1 Millionen Bitcoin öffentlich machen
       müsste, weil er als Unternehmer mit Bitcoin arbeitet. „Da ich schon so
       manchen Lügner kennengelernt und ein gewisses Gespür für ihre Lügen
       entwickelt hatte, kam mir Mr. Backs Verhalten – sein unruhiger Blick, sein
       verlegenes Lachen, die ruckartigen Bewegungen seiner linken Hand –
       verdächtig vor“, schreibt Carreyrou am Anfang seiner Recherche. Doch was,
       wenn der Journalist falschliegt? Dann hat er nicht nur einem Menschen eine
       Zielscheibe aufgemalt in einer Zeit, in der wohlhabenden Menschen im Krypto
       Space erpresst, [3][entführt, gefoltert oder sogar getötet wurden,] sondern
       auch das Vertrauen in Medien weiter erschüttert.
       
       19 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kryptowaehrung-auf-Hoechststand/!6100324
 (DIR) [2] https://www.nytimes.com/2026/04/08/business/bitcoin-satoshi-nakamoto-identity-adam-back.html
 (DIR) [3] /Gewaltverbrechen-haeufen-sich/!6086885
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Klaudia Lagozinski
       
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