# taz.de -- Rechtsextremer Verleger in Frankreich: Auf der Abschussliste
> Der langjährige Leiter des französischen Buchverlags Grasset wurde vom
> rechten Eigentümer Vincent Bolloré gefeuert. Autor*innen drohen mit
> Weggang.
(IMG) Bild: Von Boualem Sansals Memoiren aus seiner Haft in Algerien erhofft sich der rechtsextreme Verleger Vincent Bolloré eine Millionenauflage
Der 66-jährige Olivier Nora hat in der französischen Buchwelt Gewicht. Seit
25 Jahren hat er den traditionsreichen Verlag Grasset geleitet, in dem
viele der bekanntesten zeitgenössischen Schriftsteller:innen ihre
Bücher publizieren. Mehrere von ihnen wurden mit dem Goncourt-Buchpreis
ausgezeichnet. Die Erfolgsgeschichte von Grasset könnte in diesen Tagen ein
abruptes Ende finden. Denn der Medien- und Verlagseigentümer Vincent
Bolloré hat Nora umstandslos gefeuert. Der mächtige, für seine
rechtsextremen Ideen und seine autoritäre Einflussnahme bekannte Milliardär
hat damit eine Krise ausgelöst, die den ganzen französischen Kulturbetrieb
erschüttert hat.
„Wenn sie mich abschießen wollen, werden sie mich abschießen“, habe Nora
vor Kurzem der Zeitung Le Monde vorausgesagt. Seit Bolloré, der bereits
über ein sehr einflussreiches Medienimperium aus Zeitungen, Zeitschriften,
Fernseh- und Rundfunksendern verfügte, sich 2023 auch noch die Kontrolle
der sehr großen und weitgefächerten Hachette-Verlagsgruppe sichern konnte,
ohne dass die französischen Wettbewerbsbehörden dem Einhalt zu gebieten
wagten, wusste Nora, dass er auf Bollorés Abschussliste stand. Der
bisherige Hachette-Chef Arnaud Nourry und die Leiterin von Fayard, Sophie
de Closets, waren zuvor schon ersetzt worden. Nora war vermutlich der
Letzte, der Bolloré noch die Stirn bot.
Eigentlich brauchte Bolloré nur noch einen Vorwand. Und den lieferte ihm –
wahrscheinlich, ohne sich dessen bewusst zu sein – der algerische
Schriftsteller [1][Boualem Sansal]. Er war in Algerien wegen seiner vom
Regime als anstößig oder verräterisch empfundenen Äußerungen zu 5 Jahren
Haft verurteilt worden. Dank einer von seinem bisherigen Verleger Gallimard
geführten Solidaritätskampagne wurde er nach einem Jahr hinter Gittern
freigelassen. Sansal war inzwischen französischer Staatsbürger geworden und
erhielt als Märtyrer im Kampf für die Meinungsfreiheit einen Sitz im
exklusiven Klub der Académie française.
Die Überraschung war groß, als kurz nach seiner Rückkehr nach Paris bekannt
wurde, dass Sansal den Verlag seines unermüdlichen Freunds Antoine
Gallimard verließ, um zum Konkurrenten Grasset zu wechseln. Dieser hatte
ihm offenbar ein weitaus lukrativeres Angebot gemacht. Bolloré sieht in
Sansal eine Art Trophäe, auf die er stolz ist. Er erwartet zudem, dass das
von Sansal bereits verfasste Manuskript „Legende“ über den
Gefängnisaufenthalt in Algerien ein Bestseller mit Millionenauflage wird.
Nora wollte indes, dass Sansal den von ihm bemängelten Entwurf
überarbeitet. Die Gefängnismemoiren sollten erst im Herbst in Druck gehen
und nicht gleich, wie dies Bolloré und Sansal anstreben. Damit hatte Nora
sein Schicksal besiegelt. Die Kontroverse über Sansals Manuskript ist
allerdings bloß ein Vorwand. Das ist auch den wichtigsten
Grasset-Autor*innen klar.
## Angst vor drohender Zensur
Am Donnerstag haben sie ein Manifest veröffentlicht, in dem sie ankündigen,
nicht unter der Fuchtel und einer drohenden Zensur von Bolloré publizieren
zu wollen. „Wir wollen nicht, dass unsere Ideen und unsere Arbeit sein
Eigentum werden. Wir haben heute einen gemeinsamen Standpunkt: Wir wehren
uns dagegen, zu Geiseln in einem ideologischen Krieg zu werden, der den
Autoritarismus überall in der Kultur und den Medien durchsetzen soll.“
Unter den 115 Erstunterzeichnenden, denen sich inzwischen bereits 25
weitere Grasset-Autoren angeschlossen haben, sind viele sehr bekannte
Namen: Bernard-Henri Lévy, Pascal Bruckner, [2][Virginie Despentes], Sorj
Chalandon, Frédéric Beigbeder, Vanessa Springora, Anne Sinclair und andere
mehr.
„Bolloré tue Grasset“ („Bolloré bringt Grasset um“) – der Philosoph Pascal
Bruckner befürchtet in Le Parisien das Schlimmste für einen der ältesten
Verlage in Paris. Er wurde 1907 von Bernard Grasset gegründet und
veröffentlichte nicht nur zahllose französische Erfolgsautoren wie Proust,
Mauriac, Cendrars, Giono und viele andere, sondern auch die Übersetzungen
von Stefan Zweig, Gabriel Garcia Marquez oder Umberto Eco.
Wahrscheinlicher aber ist es, dass Grasset unter der neuen Führung durch
Bollorés Manager Jean-Christophe Thiery de Bercegol du Moulin anderen
Autor:innen eine Chance gibt, die mehr ins Weltbild des französischen
Murdoch passen. Das hatte man bereits beim Verlag Fayard erlebt, in dem
jetzt Autoren wie Ex-Präsident [3][Nicolas Sarkozy], der Parteichef des
rechtsextremen Rassemblement National Jordan Bardella oder der
Ultrakonservative Philippe de Villiers die Hitparade der Auflagen anführen.
Bolloré wollte seine Macht festigen. Mit Nora hat er dazu ein Exempel
statuiert.
16 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Rudolf Balmer
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