# taz.de -- Hamburger Bewerbung für Paralympics: Mit Erpressung zu mehr Barrierefreiheit
> Hamburg verspricht, Olympia zu nutzen, um zur „barriereärmsten Metropole
> Deutschlands“ zu werden. Behindertenvertreter ärgert diese Argumentation.
(IMG) Bild: Hamburg verspricht mit Bewerbung für olympische und paralympische Spiele ein Plus an Inklusion: „Scheinargument“, sagen Kritiker
Hans-Jürgen Rehder kennt Olympische Spiele wie nur die wenigsten: Der
Hamburger, der mit der Glasknochenkrankheit geboren wurde und im Rollstuhl
sitzt, nahm 1988 am paralympischen Wettbewerb in Seoul teil und gewann die
Bronzemedaille im Tischtennis-Doppel. Trotzdem ist der 74-Jährige kein Fan
der Hamburger [1][Bewerbung für die Olympischen und Paralympischen Spiele
in den 2030er oder 2040er Jahren].
Dabei will Hamburg die Spiele nutzen, um zur „barriereärmsten Metropole
Deutschlands“ zu werden, verspricht die Stadt in ihrer offiziellen
Kampagne. Doch genau diese Argumentation ärgert Menschen mit Behinderung.
„Paralympics sind kein Zusatz, sondern Kern des Hamburger Konzepts“, heißt
es auf der [2][Homepage der offiziellen Kampagne der Stadt]. „Kein anderes
Ereignis weltweit trägt mehr zur Inklusion bei als die Paralympischen
Spiele.“
Geradezu „verwerflich“ nennt Rehder, der sich als Vorsitzender des
[3][Inklusionsbeirats Eimsbüttel] engagiert, diese Aussage. „In der
aktuellen Politik findet Inklusion bestenfalls am Rand des Bildschirms
statt. Jetzt wird es in den Vordergrund geschoben, um moralischen Druck zu
machen, damit die Leute für Olympia stimmen. In meinen Augen ist das eine
Form von Erpressung.“
Ähnlich sagt es [4][Siegfried Saerberg], der als Soziologe und ehemaliger
wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Zentrums für Disability Studies
(ZeDiS) und heutiger Senior Fellow der Uni Münster zu Menschenrechten und
Behinderung in modernen Gesellschaften forscht. „Wenn suggeriert wird, dass
ohne Olympia keine Fortschritte möglich sind, entsteht ein moralischer
Druck: Wer gegen Olympia ist, ist gegen Inklusion. Das ist politisch
geschickt – aber inhaltlich fragwürdig.“
Denn „um die barriereärmste Metropole Deutschlands zu werden, braucht es
keine Olympiabewerbung“, ergänzt Jürgen Homann, wissenschaftlicher
Mitarbeiter im ZeDis. Schließlich gilt für ganz Deutschland, damit auch für
Hamburg, die [5][UN‑Behindertenrechtskonvention, die die Bundesregierung im
Jahr 2009 anerkannt] und damit in deutsches Recht überführt hat.
Dieses „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ sei
„kein Wunschkatalog, sondern eine völkerrechtlich verbindliche
Menschenrechtskonvention“, so Homann, der eine Hörbehinderung hat.
Hans-Jürgen Rehder hält zudem das versprochene Plus an Inklusion für ein
„Scheinargument“. Dass Paris, dessen Sommerspiele 2024 als besonders
gelungen galten, hinterher wirklich barrierefreier geworden sei, sei nicht
bewiesen. Zwar wurden dort viele Metro-Stationen umgestaltet – Hamburgs U-
und S-Bahnen haben diesen barrierefreien Umbau bereits weitgehend
geschafft. „Das ist ein Fortschritt, wenn auch nichts, worauf die Stadt
sich ausruhen darf“, sagt Rehder.
Hamburg sei mit der Umsetzung der UN‑Behindertenrechtskonvention im
Rückstand, sagt Jürgen Homann. Die Stadt erstellt regelmäßig
„Landesaktionspläne“, in denen die Maßnahmen zur Inklusion aufgeführt sind.
## Globales Schaufenster für Trennung
Ein parallel dazu erstellter Schattenbericht, an dem Siegfried Saerberg
mitgewirkt hat, dokumentiert, wo „Maßnahmen zum Abbau von Barrieren, zur
Verbesserung von Assistenz, zu inklusiver Bildung, Arbeit und Mobilität mit
Verweis auf knappe Kassen verschoben oder kleingespart wurden“, so Homann.
Das betrifft übrigens auch das ZeDis selbst, dessen [6][Förderung Ende 2025
eingestellt] wurde.
Auf die Frage, was Hamburg zuerst anpacken sollte, um damit möglichst
vielen Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen gerecht zu werden,
lacht Rehder auf: „Eigentlich hapert es überall.“
Er nennt die freie Schulwahl für Kinder mit Beeinträchtigungen, die nicht
gewährleistet sei. Auch sei selten daran gedacht, dass die Hürden je nach
Behinderung unterschiedlich seien. „Ich als Rollstuhlfahrer freue mich,
wenn Abgrenzungen verschwinden, aber Blinde brauchen genau das.“ Bei
Gesprächen mit der Verwaltung sei teilweise von „barrierearm“ die Rede.
Unmöglich, findet Rehder: „Entweder ist etwas barrierefrei oder nicht.“
Saerberg, der selbst eine Sehbehinderung hat, sagt dazu: „Uns geht es um
Zugangsreichtum, nicht Barrierearmut!“ Etwa bei Freizeit und Breitensport
brauche es „Schwimmbäder mit Rampen, Bälle mit Luft und
Mitspielmöglichkeiten in unserer Nähe“.
Es fehle an barrierefreiem und [7][bezahlbarem Wohnraum], einem Zugang zu
Bildung und Arbeit, an Assistenzleistungen und bei der Partizipation der
Selbstvertretung. Vor diesem Hintergrund „wirken die Paralympics weniger
wie ein Inklusionsmotor, sondern eher wie ein globales Schaufenster für
Trennung“, kritisiert Saerberg.
27 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Handelskammer-veroeffentlicht-Umfrage/!6173040
(DIR) [2] http://www.hamburg-activecity.de/olympia-konzept
(DIR) [3] http://www.hamburg.de/politik-und-verwaltung/bezirke/bezirksamt-eimsbuettel/bezirksversammlung/inklusionsbeirat-58356
(DIR) [4] http://www.siegfriedsaerberg.com/
(DIR) [5] http://www.institut-fuer-menschenrechte.de/das-institut/monitoring-stelle-un-brk/die-un-brk
(DIR) [6] /Sparpolitik-in-Hamburg/!6102164
(DIR) [7] /Deutsche-Olympiabewerbung/!6159839
## AUTOREN
(DIR) Esther Geißlinger
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Olympische Spiele 2024
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Hamburg
(DIR) Inklusion
(DIR) barrierefrei
(DIR) Schwerpunkt Olympische Spiele 2024
(DIR) Kolumne Hamburger, aber halal
(DIR) Olympiabewerbung
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Handelskammer veröffentlicht Umfrage: Tricksen mit Hamburgs Olympiastimmung
Die Handelskammer zieht eine Umfrage zur Olympiabewerbung aus dem Hut. Aber
was sie als News verkauft, sind olle Kamellen.
(DIR) Hamburger Olympia-Bewerbung: Die Spiele verkaufen Integration – genau das ist das Problem
Ein Sportevent kann die Probleme einer Migrationsgesellschaft nicht zum
Verschwinden bringen. Die Politik sollte sich um das echte Leben kümmern.
(DIR) Hamburger Olympia-Bewerbung: Jetzt haben auch die Befürworter ihre Ini
Sechs Wochen noch bis zum Referendum zur Olympia-Bewerbung Hamburgs: Nun
mobilisiert eine Gruppe von Geschäftsleuten für die Spiele.