# taz.de -- Die Wahrheit: Ein alter Mann ist ein Eilzug
       
       > Generationenkonflikt am Backstand: Beinahe wäre der ewige Kampf zwischen
       > Jung und Alt am Ende der Schlange eskaliert.
       
       Als ich mich im Laden dem Backstand nähere, steuert von der anderen Seite
       her ein jüngerer Mann das Ende derselben Warteschlange an. Blitzschnell
       berechne ich, wer von uns als erster dort sein wird. Dabei hilft mir eine
       Textaufgabe aus der Grundschule. Früher stöhnten wir ja immer, wozu „der
       Scheiß gut sein“ sollte. Das braucht man doch nie im Leben, hatten wir
       gedacht, mit der kurzsichtigen „Ich weiß schon alles“-Attitüde der Jugend.
       
       Später leistete ich dann regelmäßig Abbitte, wenn mal wieder neun, zwölf
       oder zwanzig Äpfel zwischen drei, vier oder fünf Kindern aufzuteilen waren.
       Ohne die Erfahrung aus den Textaufgaben wäre ich kläglich daran
       gescheitert. Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.
       
       Bei dem Problem am Brötchenstand hilft mir nunmehr eine Aufgabe, in der
       zwei Kinder aus zwei Städten, die 280 Kilometer auseinanderliegen, zur
       selben Zeit mit dem Zug losfahren. Die Züge sind unterschiedlich schnell,
       warum weiß ich nicht. Wahrscheinlich ist der eine ein D-Zug, wie das zu
       jener Zeit hieß, und der andere ein sogenannter Eil- oder Bummelzug. Zu
       errechnen war, wo, wann und nach welcher jeweils zurückgelegten Strecke sie
       einander begegneten. Allerdings trafen sich die Kinder nicht wirklich,
       sondern entfernten sich ab dem Treffpunkt wieder voneinander in
       entgegengesetzte Richtungen, weil sie ja jeweils in ihrem Zug
       sitzenblieben.
       
       Von Aussteigen war jedenfalls nicht die Rede. Und von Notbremsung ebenfalls
       nicht. Offenbar kannten die sich gar nicht. Wozu dann also diese Aufgabe,
       würde man heute fragen, da ein pseudokritischer Zeitgeist immer alles auf
       den Prüfstand stellt. Wir hinterfragten damals jedoch nie, wir gehorchten
       einfach und rechneten. Es war die gute, alte Zeit. Wenn man von uns
       verlangt hätte, unsere Nachbarn zu erschießen, hätten wir auch das getan.
       Die Eltern, die Lehrer, die Politiker, die Polizei – kurz: Die Erwachsenen
       würden schon wissen, warum. Es gab auch noch keine umgekehrte Wagenreihung.
       
       ## Zwei Kinder, zwei Eilzüge
       
       Jetzt aber profitiere ich von dieser Disziplin. Ich übertrage die
       Fragestellung einfach auf die vorliegende Konstellation. Die Kinder sind
       wir, der Widersacher um die Pole Position am Backstand und ich. Per
       Augenmaß schätze ich die jeweilige Entfernung und Schrittgeschwindigkeit ab
       und ermittle daraus das Ergebnis: Wir werden exakt zum gleichen Zeitpunkt
       dort ankommen. Zwei Kinder, zwei Eilzüge, Treffen in zwei Sekunden am Ende
       der Warteschlange.
       
       Damit droht eine Konfrontation. Denn mit dem Herrschaftswissen, über das
       ich hier verfüge, könnte ich nun zwar meinen Schritt beschleunigen, doch
       das würde irgendwie gierig wirken. Geradezu toxisch.
       
       Ich hasse aber diese Ellbogenmentalität der Vordrängler, die im Zug oder
       Flugzeug wie selbstverständlich den hochsensiblen Bereich der
       Zwischenlehne, dessen gerecht austarierte Benutzung zwei Passagieren die
       höchsten zwischenmenschlichen Skills abverlangt, allein für sich
       beanspruchen. Ich finde, dass die rücksichtslose Hatz nach dem eigenen
       Vorteil ein Grundübel ist, das unsere Gesellschaft zerstört. Und zwar im
       Großen wie im Kleinen. Trump wäre so ein typischer Busspurraser der
       Weltpolitik, der mit seinem Auto dann auch noch zwei Parkplätze blockiert.
       
       Genau so wenig kommt für mich jedoch in Frage, extra langsamer zu gehen, um
       dem anderen den Vortritt zu lassen. Am Ende legt der sogar selbst noch
       einen Zahn zu. Und steht dann vor mir und triumphiert. Die blöde Sau! Weil
       er jede Form von Entgegenkommen mit Feigheit und Schwäche verwechselt.
       
       Das ist der Typ Putin. Der fühlt sich dann auch noch bestätigt. Als der
       Jüngere denkt er sich bestimmt, mit dem schlappen Opi kann ich’s ja machen,
       der braucht gar keine Brötchen mehr, der stirbt ja eh bald. Bei der bloßen
       Vorstellung werde ich traurig und wütend.
       
       Wenn ich nachgebe, macht er es in Zukunft immer so. Und ich habe mich
       mitschuldig an der Erschaffung eines sozialfeindlichen Monsters gemacht.
       Das schon beim nächsten Mal den Konkurrenten nicht mehr nur einfach
       wegschubst, sondern brutal tötet. Weil ihm keiner Einhalt geboten hat und
       er seine Frechheit immer nur belohnt sieht. Ich bin Herr Chamberlain beim
       Brötchenkauf.
       
       Das sind so die Gedanken, die ich in den nicht mal zwei Sekunden habe. Und
       schon stehen wir beide am Ende der Schlange. Jetzt muss ich verhandeln.
       Müssen wir verhandeln, damit keiner von uns sein Gesicht verliert.
       
       „Tja“, sage ich und halte den Ton künstlich leger, obwohl mein Herz sich ob
       der verfahrenen Situation zusammenkrampft. „Wer war denn zuerst da: du oder
       ich?“
       
       Ich duze ihn, um Nähe und Vertrauen zu schaffen. Sonst sieze ich junge
       Leute jetzt öfter, weil sie mich eh siezen und ich ein einseitiges Du ein
       bisschen würdelos finde; das könnte so von oben herab wirken, wie von
       Gutsherr zu Knecht.
       
       Ohne seine Antwort abzuwarten, labere ich einfach immer weiter – „völlig
       gleichzeitig, würde ich sagen. Was machen wir denn jetzt?“ –, um meine
       innere Spannung zu überspielen, die inzwischen kaum noch auszuhalten ist.
       Ich leide. Längst wünschte ich, ich wäre heute morgen im Bett geblieben.
       
       Die Entscheidung naht. Mit der vage gehaltenen Formulierung, „würde ich
       sagen“, habe ich ihm goldene Brücken gebaut. Er muss mir nur noch
       zustimmen. In Wahrheit würde ich das nämlich nicht nur sagen, sondern es
       ist Fakt. Unverbrüchlich. Wenn er jetzt anfängt, anzuzweifeln, dass wir
       gleichzeitig da waren, kann ich auch ganz schnell auf stur schalten. Wie
       ihm wohl die Backpfeife von einem agilen 90-Kilo-Opi schmeckt? Dann sehen
       wir ja mal, wer hier „eh bald stirbt“.
       
       „Ja, weiß auch nicht“, sagt er. Ein Glück, er wirkt kooperativ.
       
       „Willst du vielleicht vor?“, frage ich, lauernd; eigentlich sollte er nun
       pro forma ablehnen oder wenigstens zögern, wie jeder auch nur halbwegs
       zivilisierte Mensch es tun würde. Mir steht der Schweiß auf der Stirn.
       
       „Ja, okay, danke, ich will auch nur ein Brötchen“, sagt er.
       
       Er will nur ein Brötchen! Das ist die Lösung, das gibt den Ausschlag. Weil
       ich will ja ganz viele. „Haha, ja dann bitte“, sage ich. „Alles klar. Kein
       Problem.“
       
       „Danke.“
       
       So leicht kann es sein, wenn zwei erwachsene Personen eine heikle
       Angelegenheit fair und auf Augenhöhe aushandeln. Dabei wirkt er so
       unbeschwert, als wäre das gerade die einfachste Sache der Welt. Hach ja,
       die Jugend. Ich glaube, er ahnt gar nicht, wie knapp er einer Katastrophe
       entgangen ist.
       
       21 Feb 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uli Hannemann
       
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