# taz.de -- Leben mit Parkinson: Mit Ding im Kopf
> Mit Anfang 40 erkrankte ich an Parkinson. Um die Symptome zu verzögern,
> ließ ich mir Elektroden ins Gehirn implantieren.
(IMG) Bild: Andreas Große Halbuer entscheidet sich nach seiner Parkinson-Diagnose für eine riskante Operation
Charité, Bettenhaus Mitte, im November 2020. Draußen tobt die
Coronapandemie. Drinnen sortiert Gerd-Helge Schneider das
Operationsbesteck. Die Automatiktür öffnet sich, die Pfleger schieben den
Patienten herein. Der Mann ist 48 Jahre alt, zwei Meter groß, 100 Kilogramm
schwer, blasse Haut, geschorener Schädel, die Augen sind geschlossen. Der
Mann auf dem OP-Tisch, das bin ich. Andreas Große Halbuer, verheiratet,
zwei Kinder, erkrankt an Morbus Parkinson.
Ich bin [1][Muhammad Ali], ich bin Michael J. Fox, ich bin Wilhelm von
Humboldt, Papst Johannes Paul II., Ottfried Fischer, Frank Elstner,
[2][Morten Harket]. Wir sind Millionen. Die noch Lebenden von uns erwartet
ein grausames Schicksal. Wir verlieren die Kontrolle über unsere Körper.
Einige von uns kämpfen mit dem Tremor, einem Muskelzittern, das so stark
ist, dass der Kaffee nicht in der Tasse bleibt. Die anderen leben im
Würgegriff des Rigors, einer muskulären Versteifung.
Die Krankheit, benannt nach ihrem Entdecker, dem englischen Arzt [3][James
Parkinson], stammt aus den dunkelsten Ecken der Neurologie. Sie ist bis
heute unerklärt, unheilbar und unaufhaltbar. Parkinson ist ein Uhrwerk, das
rückwärts tickt. Wir sterben ein bisschen, jeden Tag, jede Stunde, jede
Minute, jede Sekunde.
„Und, wie geht’s?“, fragt Schneider, der Neurochirurg, als wir uns am Tag
vor der Operation auf dem Flur der Neurochirurgie treffen. „Na ja“, knurre
ich und denke noch darüber nach, was das für eine bescheuerte Frage ist.
Schneider wird mit einem Bohrer zwei Löcher in meinen Kopf treiben und
Elektroden implantieren, die dann später Strom an das Bewegungszentrum im
Hirn abgeben werden. Einfacher gesagt: Erst öffnen sie mir die
Schädeldecke, dann setzen sie mich unter Strom. Wir werden acht Stunden den
OP-Saal blockieren. Um mich herum werden Operateure, Neurologen,
Pflegekräfte ihr Bestes geben. Zwei Tage später wird Schneider noch einmal
operieren, um die Batterie hinter meinem Brustkorb zu verstauen.
## Was zum Teufel ist ein Neurostimulator
Dann bin ich eine Art Cyborg, eine Menschmaschine, von außen ansteuerbar
über eine Bluetooth-Schnittstelle wie ein Mobiltelefon. Das Ding in meinem
Kopf ist mehr als ein Ersatzteil, nicht vergleichbar mit einem künstlichen
Kniegelenk oder einem Herzschrittmacher. Es ist eine Art Upgrade des
Betriebssystems inklusive neuer Hardware, ein Bugfixing an der
empfindlichsten und zugleich am wenigsten erforschten Stelle des
menschlichen Körpers, dem Gehirn.
Die Ärzte steuern mit dem Ding die Beweglichkeit, sie könnten je nach Lage
der Elektroden und Stärke des Stroms auch Emotionen ändern oder das
Sprechen beeinflussen. Niemand weiß genau, warum es funktioniert, aber es
funktioniert. Eine kleine Blutung an der falschen Stelle, und dann war es
das. Die meisten Menschen haben nicht den blassesten Schimmer, was es
bedeutet, mit einer degenerativen und unheilbaren Krankheit zu leben. Und
das ist auch gut so. Es ist gesund, das alles nicht zu wissen. Das eigene
Leben ist oft schwer genug, wozu sich noch den Mist der anderen aufladen?
Parkinson ist nicht Small-Talk-tauglich. Die Krankheit und die
Elektrotherapie sind zu komplex, es braucht Zeit, um wirklich einzusteigen.
Unter einem künstlichen Hüftgelenk können sich die meisten etwas
vorstellen. Unter einem Herzschrittmacher auch. Aber was zum Teufel ist ein
Neurostimulator? Das klingt nach Schlaganfall und Sextoy zugleich, und da
das nicht zusammenpasst, benutzt kaum jemand diese eigentlich korrekte
Bezeichnung.
Stattdessen sagen viele „Hirnschrittmacher“, was aber falsch ist. Oder
zumindest sehr ungenau. Mein Gehirn braucht keinen Taktgeber, es schlägt
nicht wie das Herz. Das Ding in meinem Kopf arbeitet völlig unsichtbar und
wartungsfrei. Es macht keine Geräusche, und die Drahtverbindung zu den
ebenfalls unsichtbaren Elektroden im Hirn verläuft unauffällig am Hals
entlang. Laien halten sie für eine Ader oder Sehne.
## Alle fünf Jahre eine neue Batterie
Die Steuerungseinheit lässt sich mit einer Fernbedienung ein- und
ausschalten. Ich kann zwischen verschiedenen Programmen wählen, der Strom
kommt aus einer Batterie, die unter dem Schlüsselbein sitzt. Innerhalb der
ärztlich vorgegebenen Grenzen darf ich die Dosierung selbst anpassen. Etwa
alle fünf Jahre gibt es eine neue Batterie – im Rahmen einer halbstündigen
Operation. Das Ding in meinem Kopf ist nahezu immer eingeschaltet.
Schwimmen, Rad fahren, Krafttraining, alles kein Problem.
Die einzigen Ausnahmen im Alltag sind Sicherheitskontrollen, etwa am
Flughafen oder in Bundesministerien. Dort zücke ich dann meinen
Patientenausweis und schalte den Stimulator kurz aus, weil die Strahlung
der Scanner eine Notabschaltung auslösen könnte. Das Ding in meinem Kopf
braucht allerdings auch ab und zu ein wenig Zuwendung und Aufmerksamkeit.
Die Tagesklinik der Charité ist der richtige Ort für einen solchen
Boxenstopp.
Einmal im Jahr checke ich dort ein. In meinem Gruppenraum sitzen
ausschließlich alte Menschen. Zu erkennen, dass das also meine neue
Peergroup war, meine Bubble, war am Anfang hart. Es war bitterer Ernst.
Hier war ich richtig. Ich gehörte hierher. Also ging ich mit Oma und Opa in
den Fitnessraum zum Bankdrücken. Wir machten zusammen Tai-Chi und lauschten
nach dem Essen vorgelesenen Fantasiereisen.
Mit der Diagnose einer neurodegenerativen Erkrankung wie Parkinson ist der
Ernstfall in einer Härte in mein Leben getreten, die mich jeden Tag aufs
Neue überrascht. Als Schwerstkranker in einer Gesellschaft zu leben, die
[4][Jugend und Stärke vergöttert], in der das Streben nach Gesundheit
religiöse Züge trägt, ist in etwa so, als feierten deine Freunde eine
Party, und du bist nicht eingeladen.
Wenn ich „König von Deutschland“ wäre, würde ich die Forschungsförderung
neu regeln. Ich würde eine Zukunftsagentur gründen, die innerhalb der
Forschungslandschaft die besten Ideen belohnt. Unter meiner
Schirmherrschaft gäbe es eine Bundesliga der Universitäten und
Fachhochschulen. Kurz: Ich würde versuchen, eine neue Lust an Forschung und
Wissenschaft zu entfachen.
9 Apr 2026
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