# taz.de -- Die Wahrheit: „Ich hielt die Spannung nicht aus!“
       
       > Wahrheit exklusiv: Altkanzler Olaf Scholz gewährt schon jetzt einen
       > tiefen Einblick in seine mit großer Vorfreude erwarteten Memoiren.
       
       Olaf Scholz, Bundeskanzler a. D., hat angekündigt, bereits 2027, also
       nächstes Jahr, seine Memoiren zu veröffentlichen. In ihnen will er seine
       Zeit als Politiker darstellen und wohl auch offen Fehler in seiner Amtszeit
       thematisieren. Das Buch soll auf keiner Seite langweilig werden, verspricht
       Scholz. Wir sind stolz, mit der Erlaubnis des 67-jährigen Altkanzlers auf
       der Wahrheit einen ersten Vorabdruck präsentieren zu dürfen. 
       
       Am 6. April 2023 erwachte ich nach unruhigem Schlaf schon drei Minuten vor
       dem Klingeln meines Weckers zu Hause in Potsdam. An meine Träume konnte ich
       mich nicht erinnern. Ich schaltete den Wecker aus und verließ vorsichtig
       das Ehebett, um meiner Frau Britta Ernst die Fortsetzung ihres Schlafes zu
       ermöglichen. Ich begab mich in das obere Badezimmer, wo ich mich einer
       Dusche unterzog und eine ausführliche Zahnreinigung durchführte.
       Anschließend pflegte ich wie jeden Tag besonders meine Kopfhaut. Vielleicht
       verrate ich an dieser Stelle ein kleines Geheimnis: Ich empfehle unbedingt
       die Glatzencreme der Marke „Better be bold“.
       
       In der Küche überlegte ich, ob ich für das Frühstück mein Käsebrot mit
       Margarine oder Butter bestreichen sollte. Nach einigen Minuten des inneren
       Ringens gab ich mir einen Ruck und griff zur Butter. Man muss sich auch
       einmal selbst etwas erlauben. Beim Kaffee wählte ich allerdings die
       koffeinfreie Variante. Aufregung würde ich am heutigen Tag im politischen
       Berlin ohnehin noch genug haben. Da konnte ich Herzrasen nicht jetzt schon
       gebrauchen.
       
       Nach dem Frühstück zog ich den dunklen Anzug an, den meine Frau Britta
       Ernst mir am gestrigen Abend schon herausgelegt hatte. Ich verließ unser
       Haus, am Straßenrand wartete schon meine Fahrbereitschaft. Mit meinem
       Fahrer Ralf unterhielt ich mich auf dem Weg nach Berlin wie immer locker
       und auf Augenhöhe. Als Privatmensch wie als Bundeskanzler galt für mich
       immer: Ich habe Respekt vor der Leistung aller Arbeitnehmer, auch wenn sie
       niedrige und anspruchslose Tätigkeiten verrichten.
       
       Im Bundeskanzleramt angekommen, besprach ich mit meinem engsten Mitarbeiter
       Wolfgang Schmidt den Tagesplan. Die Termine waren wie immer sehr eng
       getaktet. Ich will mich nicht im Nachhinein beschweren. Die Arbeit als
       Bundeskanzler ist verantwortungsvoll und auch nicht schlecht bezahlt.
       Dennoch würde ich mir wünschen, dass die Öffentlichkeit den Einsatz von
       Politikerinnen und Politikern für unser Land fairer würdigt.
       
       ## Verstärkte Wiedervernässung
       
       Schon um neun Uhr stand ein erstes Gespräch mit dem Naturschutzbund an,
       dessen Vertreter sich für die verstärkte Wiedervernässung von Mooren im
       Kampf gegen den Klimawandel aussprachen. Ich erklärte im Namen der gesamten
       Bundesregierung, die Wiedervernässung von Mooren sei ein ausgesprochen
       wichtiges Anliegen, gerade in Zeiten des Klimawandels. Zugleich wies ich
       darauf hin, die Interessen der Landwirtschaft dürften dabei nicht
       vernachlässigt werden.
       
       Um zehn Uhr folgte ein Treffen mit Vertretern des Deutschen
       Gewerkschaftsbundes. Sie brachten die Besorgnis zum Ausdruck, von deutschen
       Spargelbauern würden Saisonarbeitskräfte im Ernteeinsatz unter unwürdigen
       Bedingungen beschäftigt und ausgebeutet. Ich versicherte im Namen der
       ganzen Bundesregierung, Arbeitsschutz und faire Bezahlung seien höchste
       Prioritäten unserer Politik. Zugleich erinnerte ich daran, der
       Spargelbedarf der Deutschen müsse dennoch gedeckt werden, um Irritationen
       in der Bevölkerung zu vermeiden.
       
       Um elf Uhr stand meine regelmäßige Pressekonferenz auf dem Programm.
       Ausführlich und auch mit einem Quäntchen Humor erläuterte ich die Erfolge
       der Bundesregierung. Ich verwies insbesondere auf die erfolgreiche und
       zukunftsweisende Einführung des Bürgergeldes, das richtigerweise auf
       Vertrauen statt auf Sanktionen setze.
       
       Leider missbrauchte einmal mehr ein Journalist die Gelegenheit für die
       unsachliche Frage, ob ich in meiner Zeit als Hamburger Bürgermeister
       befreundeten Bankern beim Steuerbetrug geholfen hätte. Ich verneinte dies
       einmal mehr entschieden und verwies darauf, ich könne mich an entsprechende
       Gespräche nicht erinnern. Das sei bei so vielen Jahren Abstand auch
       natürlich. Unredliche Pressekampagnen dieser Art bin ich leider gewohnt,
       seit in der Schülerzeitung des Gymnasiums Am Heegen in Hamburg-Rahlstedt im
       Oktober 1976 anonym die unwahre Behauptung verbreitet wurde, ich hätte bei
       Verabredungen schon drei Mädchen ins Koma geredet.
       
       ## Mischgemüse zu Mittag
       
       Zum Mittag aß ich in der Kantine ein Schweineschnitzel mit
       Petersilienkartoffeln und Mischgemüse. Sie mögen es glauben oder nicht,
       liebe Leserinnen und Leser: Ich bin auch als Bundeskanzler ein sehr
       bodenständiger Mensch geblieben.
       
       Die anschließende Kabinettssitzung verlief grundsätzlich produktiv und
       konstruktiv. Aufgrund einer intensiven Debatte zog sie sich jedoch bis zum
       Abend. Finanzminister Christian Lindner sorgte für Diskussionen mit seinem
       Vorschlag, Arbeitsunwillige mit Elektroschocks zu motivieren.
       Wirtschaftsminister Robert Habeck regte stattdessen an, Arbeitswillige mit
       Autogrammkarten von Robert Habeck zu belohnen. Ich beendete die Debatte
       schließlich, indem ich eine eingehende und unvoreingenommene Prüfung beider
       Vorschläge zusagte, um zu einer gemeinsamen Lösung durch einen vernünftigen
       Kompromiss zu gelangen, der auf einen gesunden Weg der Mitte führe.
       
       Kurz vor Dienstschluss legte mir mein engster Mitarbeiter Wolfgang Schmidt
       noch eine aktuelle Meinungsumfrage vor: Demnach hielten 72 Prozent der
       Deutschen den Bundeskanzler für „langweilig“, 67 Prozent überdies für
       „roboterhaft“ und 82 Prozent für „entscheidungsschwach“. Ich will es im
       Nachhinein nicht verhehlen: Diese Fehlwahrnehmung meiner Person ärgerte
       mich. Zurück in Potsdam gestand ich dies auch meiner Frau Britta Ernst. Sie
       riet mir, intensiver mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren und meine
       richtigen Entscheidungen besser zu erklären. Ich stimmte ihr selbstkritisch
       zu.
       
       Danach schauten wir mit zwei Gläsern alkoholfreiem Bier in einem Dritten
       Programm die Wiederholung eines „Tatorts“ aus Ludwigshafen. Aber ich hielt
       die Spannung nicht aus und legte mich noch vor dem Ende des Films allein
       schlafen …
       
       18 Apr 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Michael Bittner
       
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