# taz.de -- Kulturhaus Danziger50 in Prenzlauer Berg: Abgang mit Thermoskanne
> In Prenzlauer Berg verschwinden Orte, die von einer anderen Stadt
> erzählen: Die Danziger50 schließt nach 20 Jahren – und zieht mit ihrem
> Mitgründer weiter.
(IMG) Bild: Bald Vergangenheit: Das Kulturhaus Danziger50
Das Backsteinhaus in der [1][Danziger Straße] fällt sofort ins Auge. Bis
zum ersten Stock kleben Schicht auf Schicht Paste-ups und Stencils,
Graffiti ziehen sich wie wuchernde Zweige durch. Während ringsum sanierte
Altbauten in gedeckten Farben vor sich hin glänzen, wirkt dieses Gebäude
wie ein trotziges Relikt – lebendig, widerspenstig, ein wenig aus der Zeit
gefallen. Eines, das sich nicht hat sauber sanieren lassen, bis jetzt
jedenfalls nicht.
Im dritten Stock öffnet sich die Tür. Thilo Schwarz-Schlüßler steht schon
da, mit festem Händedruck rechts und einer Thermoskanne Kaffee links, als
hätte er die Szene genauso bestellt. Hinter ihm stapeln sich halbvolle
Umzugskartons, dazwischen die letzten Reste eines Betriebs, der eigentlich
schon weg ist. Ende Mai ist Schluss. Das Kulturhaus macht dicht. Der Umzug
von [2][Prenzlauer Berg] nach Kreuzberg läuft längst. Im alten Kiez bleibt
– wieder einmal – eine Lücke, die vermutlich schnell wieder sehr ordentlich
geschlossen wird.
Schwarz-Schlüßler erzählt das alles ohne jedes Pathos. Eher wie jemand, der
eine Rechnung abschließt. Er ist Mitbegründer des „Zentrums Danziger50“,
gemeinsam mit Barbara Schwarz und Alexander Zerning. 2006 unterschrieben
sie einen Mietvertrag mit dem Bezirk: 15 Jahre, später um fünf verlängert.
Zwanzig Jahre also. „Wir haben den Mietvertrag einfach abgewohnt“, sagt er,
und es klingt ein bisschen so, als hätte er damit schon alles gesagt.
Was hier entstanden ist, war kein Kulturhaus im üblichen Sinne, eher eine
Art laufende Unordnung. [3][Freie Kultur], kleine Vereine, Initiativen –
ein Ukulele-Orchester, die Theatertruppe Kulturschlund – fanden Räume, die
sie sich sonst nicht hätten leisten können. Finanziert wurde das Ganze
durch die pragmatischste aller Berliner Lösungen: Quersubvention.
Tanzschule, Workshops, alles, was zahlte, trug das, was sich nicht tragen
konnte, aber stattfinden musste. Ein Modell, das erstaunlich lange hielt.
## Eine andere Vorstellung von Öffentlichkeit
Angefangen hat es, wie so vieles in Prenzlauer Berg, mit einer Mischung aus
Improvisation und Größenwahn. Der Kulturverein Prenzlauer Berg,
hervorgegangen aus den Resten des Kulturbundes der DDR, war ein
Zusammenschluss von Menschen, die aus heutiger Sicht skurril anmuten:
Guppy-Züchter, Esperanto-Sprecher, Zinnsoldatensammler. Tatsächlich war es
schlicht eine andere Vorstellung davon, wie Öffentlichkeit funktioniert,
und zwar nicht als Angebot von oben, sondern als selbstgemachte Praxis von
unten.
Mit diesem Selbstverständnis und der Idee, Kultur für Kinder zu machen,
bewarb sich der Verein auf das Haus in der Danziger Straße – ein ehemaliges
Rektorenwohnhaus von 1896, das zu einem Schulkomplex gehörte. Als sie es
übernahmen, war es eine Ruine. „Man konnte vom Dach bis in den ersten Stock
runtergucken“, sagt Schwarz-Schlüßler. Also wurde gebaut, organisiert,
beantragt. Anderthalb Millionen Euro kamen zusammen, aus Klassenlotterie,
Denkmalschutz und allem, was sich anzapfen ließ. Im Betrieb dann: keine
Förderung. Stattdessen Miete. Über 55.000 Euro im Jahr. Eine Viertelmillion
in fünf Jahren. Freie Kultur, die ihre eigene Existenz finanziert und
nebenbei noch den Bezirk.
Aus dem geplanten Kinderkunsthaus wurde mit der Zeit etwas anderes. Erst
Nachbarschaft, dann Szene, schließlich ein Ort für alles, was sonst keinen
Ort mehr fand. Lesungen, Theater, Workshops, aber auch Bildungsangebote –
ein wachsendes Durcheinander, das gerade deshalb funktionierte. Bis es
nicht mehr passte.
„Zehn Jahre nachdem wir hier angefangen haben, zogen die Preise noch mal
richtig an“, sagt Schwarz-Schlüßler. „Und dann kamen Menschen, die sagten:
Wir wollen hier unsere Ruhe.“ Es ist einer dieser Sätze, die in Prenzlauer
Berg inzwischen schon zur Folklore gehören – und trotzdem trifft er.
## Erst verschwinden die mit wenig Geld
Denn die Geschichte ist bekannt und wirkt doch jedes Mal neu, wenn sie
jemanden konkret betrifft. Erst verschwinden die mit wenig Geld, dann die
mit mittlerem. Übrig bleibt eine Schicht, die sich ihr Refugium in der
Stadt leisten kann – notfalls für zwei Millionen unter dem Dach. „In meinen
Augen nicht mal ein Viertel wert“, sagt Schwarz-Schlüßler und lächelt dabei
nicht einmal besonders ironisch.
Er kennt diese Entwicklung nicht aus der Theorie. Anfang der 90er saß er
auf dem Kollwitzplatz, demonstrierte gegen Gentrifizierung, machte Feuer,
das später als „Krawall“ etikettiert wurde. Später besetzte er Häuser in
Friedrichshain. Heute grinst er über die Leute, die ein paar Straßen weiter
in Frühstückslokale mit weißen Tischdecken so teuer essen, dass man im
selben Haus vor 20 Jahren davon seine Monatsmiete hätte zahlen können. „Die
Menschen bekommen das, was sie sich gewünscht haben“, sagt er. Und das ist
gar kein Vorwurf, sondern eher ein kühler Befund.
Mit dieser Entwicklung verschwinden auch die Orte, die von einer anderen
Stadt erzählen. Das Ballhaus Ost, das [4][MachMit-Museum], das
Pfefferwerk-Theater – sie stehen noch, wie letzte Schlupfwinkel in einem
zunehmend perfekt ausgeleuchteten Viertel. Andere sind bereits
weitergezogen oder ganz verschwunden. Das [5][Theater ohne Namen] musste
gerade gehen. Das [6][Café Sowohlalsauch], einst Treffpunkt der frühen
Mittelschicht und der alten [7][Ost-Boheme], hat auch gerade geschlossen.
Alles Zwischenräume, die nicht dafür gemacht waren, unter sich zu bleiben.
„Es gibt hier keinen echten Gründerspirit mehr“, sagt Schwarz-Schlüßler.
Das ist vielleicht sein bester Satz. Weil er nicht von Mieten spricht,
sondern von Temperatur, [8][von einem Kiez, in dem es nicht mehr gärt,
sondern wo nur noch alles funktioniert.]
Vielleicht fällt ihm deshalb der Abschied so leicht. Ein paar Tränen, ja,
sagt er, wegen der Menschen, die geblieben sind, wegen der Gesichter, die
einen noch grüßen. Aber den Kiez als Großes und Ganzes hat er längst
innerlich verlassen. „Ich bin hier schon lange raus“, sagt er an einer
Stelle fast nebenbei.
Dafür geht es jetzt woanders weiter. Axel-Springer-Straße, Kreuzberg. Eine
Etage, dazu ein Glaskasten, den er „Glaspalast“ nennt – nicht ohne
Selbstironie. Dort soll wieder so etwas entstehen wie hier einmal war: ein
Bildungs- und Kulturcampus, offen genug, um sich zu verändern, stabil
genug, um zu bestehen. „Wir ziehen nur fünf U-Bahn-Stationen weiter“, sagt
er. „Wir sind in Berlin.“ Es klingt weniger nach Trauer als nach
Arbeitsauftrag.
Und dann, wie zum Abschied: „Ich denke, da wird etwas beendet, was ohne uns
sowieso schon lange zu Ende gewesen wäre.“ Er hat eingesehen: Manchmal
verschwinden Orte, bevor sie schließen. Und dann ist es die eigentliche
Kunst, das rechtzeitig zu merken – und einfach weiterzugehen.
15 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Das-Bioladensterben/!5456802
(DIR) [2] /Ode-an-Prenzlauer-Berg/!5802175
(DIR) [3] /Dramatische-Kulturkuerzungen-in-Berlin/!6139739
(DIR) [4] /Kindermuseum-in-Berlin/!5882602
(DIR) [5] /Theater-in-Prenzlauer-Berg-bedroht/!5394329
(DIR) [6] /Prenzlauer-Berg-im-Wandel/!6164069
(DIR) [7] /Uwe-Warnke-ueber-Publizieren-in-der-DDR/!6159704
(DIR) [8] /Gentrifizierung-in-Berlin/!5934137
## AUTOREN
(DIR) Susanne Messmer
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Gentrifizierung in Berlin
(DIR) Berlin Prenzlauer Berg
(DIR) Verdrängung
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Prenzlauer Berg
(DIR) Prenzlauer Berg
(DIR) Berlin Prenzlauer Berg
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Prenzlauer Berg im Wandel: Zwischen Milchreistorte und Austern
Mit dem Café Sowohlalsauch verschwindet ein Relikt der frühen
Gentrifizierung – und macht Platz für die Frage, was dem Kiez wirklich
fehlt.
(DIR) Gentrifizierung in Berlin: Die Nachbarn spielen nicht mit
Die Tomsky Bar in Prenzlauer Berg, eine der letzten Kneipen aus der
Nachwendezeit, steht vor dem Aus. Nun startet Wirt Martin Kaltenmaier eine
Petition.
(DIR) Berliner Straßen (Teil I): Hufelandstraße: Wo sich die Milieus noch treffen
Die Berliner Mischung geht auf Stadtplaner James Hobrecht zurück. Die Stadt
hat noch heute was davon. Spaziergang durch die Hufelandstraße in
Prenzlauer Berg.