# taz.de -- Wasserverschmutzung in Berlin: Die stille Wasserkrise
       
       > In den kommenden Jahren dürfte Wasserverschmutzung zu einem zentralen
       > Problem für die Stadt werden. Was fehlt, ist Geld – und politischer
       > Wille.
       
 (IMG) Bild: Der Grundwasserteich im Tiergarten macht eher keine Lust aufs Baden
       
       Er sieht ziemlich traurig aus, der „Grundwasserteich“ im Tiergarten.
       Wasserlinsen ziehen auf der Oberfläche lange Fäden, obwohl es erst Ende
       März ist. Im Sommer dürften die Linsen die gesamte Oberfläche bedecken und
       damit das Sonnenlicht blockieren, sagt Christian Schweer [1][vom Bündnis
       Wassernetz], während er mit einem Messbecher eine Probe gelber Brühe aus
       dem See hievt. Doch schon jetzt sind im Wasser keine Pflanzen oder Tiere zu
       sehen. „Der Teich ist voll, das heißt, der ist eigentlich tot“, sagt
       Schweer.
       
       Der Grundwasserteich ist einer von 20 Wasserläufen und Stillgewässern, an
       denen das Bündnis Wassernetz aktuell Wasserproben entnimmt. Das Ziel: einen
       Überblick zu gewinnen, wie es um die Berliner Gewässer steht. Denn seitens
       des Landes ist das insbesondere bei Kleingewässern in vielen Fällen gar
       nicht bekannt. „Der Senat erfasst die Wasserqualität von mehr als 90
       Prozent seiner Gewässer nicht“, sagt Schweer.
       
       Die Debatte ums Wasser hat sich in Berlin in den vergangenen Jahren
       deutlich verschärft. [2][Spätestens seit die Leag angekündigt hat, schon
       bis 2030 in der Lausitz aus dem Braunkohleabbau auszusteigen], läuten in
       der Umweltschutzszene die Alarmglocken. In der Lausitz hat die Leag
       jahrzehntelang Grundwasser aus den Tagebauen abgepumpt und in die Spree
       eingeleitet – ein künstlicher Zufluss, der die Wasserführung stabilisierte.
       Zeitweise trägt die Spree zu 50 bis 75 Prozent Wasser, das aus dem Boden
       abgepumpt wurde. Fällt dieses Wasser weg, droht nicht nur in Berlin das
       Trinkwasser knapp zu werden.
       
       Auch Wasserverschmutzung dürfte so zu einem zunehmenden Problem werden.
       Denn weniger Wasser bedeutet vor allem für die Spree weniger Verdünnung von
       Schadstoffen. Verunreinigungen könnten sich künftig stärker konzentrieren –
       mit potenziell gravierenden Folgen für Ökosysteme und für die menschliche
       Wassernutzung.
       
       ## Kein einziges Gewässer im guten Zustand
       
       Dabei sollte das Land Berlin aufgrund der [3][Europäischen
       Wasserrahmenrichtlinie] eigentlich bereits 2015 seine Gewässer in einen
       naturnahen Zustand versetzt haben. Nur in Ausnahmefällen sieht die schon im
       Jahr 2000 verabschiedete Richtlinie eine Fristverlängerung bis 2027 vor.
       [4][Doch kein einziges der größeren Berliner Gewässer erfüllt bisher die
       Anforderungen.] Eine taz-Nachfrage, unter anderem dazu, wie in der Sache
       die Pläne des Senats sind, konnte die Umweltverwaltung auch nach Ostern
       nicht beantworten.
       
       Beim Grundwasserteich stellt sich derweil heraus: Der Wasserzustand ist
       beschissen. Einen Sauerstoffgehalt von nur 2,9 Milligramm pro Liter zeigt
       das Messgerät an. „Bei einem Wert unter 3 Milligramm ist das Gewässer für
       Fische eine Todeszone“, sagt Schweer und guckt besorgt. Als seine Kollegin
       Julia Hoffmann zwei Stöcke aus dem Wasser zieht, finden sich daran nur ein
       einzelner Egel und eine Spitzhornschnecke. „Das sind extrem angepasste
       Arten“, sagt Schweer. Wäre das Wasser in gutem Zustand, müsste es hier
       Fische, Fliegen oder Libellenlarven geben.
       
       Doch warum sind die Berliner Gewässer in so einem schlechten Zustand? „Beim
       Grundwasserteich führt die Spur unter anderem nach Kreuzberg“, sagt
       Schweer. Der Teich werde über den Landwehrkanal mit Wasser versorgt. Und
       hier sorgt vor allem das Regenwasser für Probleme, das über die Straßen in
       den Kanal gerät.
       
       So kommen Brems-, Bitumen- und Reifenabrieb und von den Häuserdächern
       Feinstaub und Kupfer ins Wasser. Am Wassergrund sammle sich deshalb ein
       häufig toxischer Schlamm, bestehend aus Plastik und anderen Stoffen. Man
       erahnt ihn im Grundwasserteich, wo schon nach 25 Zentimetern die Sicht
       endet.
       
       Ein weiteres Problem sei das sogenannte Mischwassersystem, erklärt Schweer.
       Mischwasser bedeutet, dass in der Kanalisation Regenwasser und Abwasser aus
       den Häusern und der Industrie gemeinsam in die Klärwerke geleitet wird, wo
       es eigentlich gereinigt werden soll. „Wenn aber bei Starkregen zu viel
       Wasser in die Kanalisation gelangt, wird in sogenannten Überlaufstellen zum
       Druckausgleich ein Teil dieses hochproblematischen Schmutzwassers in die
       Gewässer geleitet“, erklärt Schweer.
       
       ## Schadstoffe im Trinkwasser
       
       Das ist auch für das Trinkwasser ein Problem. Denn nachdem bei Starkregen
       das dreckige Abwasser in die Spree gelassen wird, gelangt es in die Havel,
       in die die Spree mündet. Berlin gewinnt aber einen großen Teil seines
       Trinkwassers aus dem Uferfiltrat der Havel. Wird das Wasser künftig
       knapper, wird der Anteil von Schmutzwasser wachsen – was die Situation
       verschärft.
       
       Und dann sind da die vielen Medikamente, die die Menschen einnehmen und
       wieder ausscheiden. Arzneimittelrückstände und sogenannte
       Ewigkeitschemikalien werden derzeit durch die Klärwerke kaum gefiltert,
       weshalb sie immer wieder ins Wasser geraten. Um das Problem anzugehen, hat
       die EU eine sogenannte Kommunalabwasserrichtlinie verabschiedet, [5][die
       eine „vierte Reinigungsstufe“ für Klärwerke vorsieht.] Bis Juli 2027 muss
       diese in geltendes Recht aufgenommen werden.
       
       Was furchtbar langweilig und EU-bürokratisch klingt, ist tatsächlich sehr
       fortschrittlich. Denn in der Umsetzung schreibt die Richtlinie das
       sogenannte Verursacherprinzip vor. Heißt: Pharmakonzerne, die für die
       Verunreinigungen verantwortlich sind, sollen für die Nachrüstungen zahlen
       müssen. Umweltschützer Schweer ist trotzdem noch ein wenig skeptisch. Er
       rechnet damit, dass die Trinkwassergebühren in den kommenden Jahren steigen
       werden.
       
       Mit der Nachrüstung sind die [6][Berliner Wasserbetriebe bereits
       beschäftigt]. In Schönerlinde und Münchehofe werden sogenannte
       Ozonungsanlagen errichtet – Kostenpunkt 50 Millionen Euro. In [7][einer
       Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen] hatte der Senat im vergangenen
       Jahr geschätzt, dass insgesamt Investitionen von etwa 500 Millionen Euro
       zur Umsetzung der vierten Reinigungsstufe notwendig sein werden. Laut
       EU-Richtlinie sollen 80 Prozent davon auf die Pharmakonzerne umgelegt
       werden.
       
       ## Senatsverwaltung kürzt Programme
       
       Angesichts dieser Herausforderungen ist überraschend, wie lapidar
       Umweltsenatorin Ute Bonde (CDU) in der letzten Kürzungsrunde mit dem
       Wasserschutz umgegangen ist. Nur nach großem Protest konnte eine drastische
       Kürzung des sogenannten Kleingewässerprogramms verhindert werden, mit dem
       Seen und Teiche aufgewertet werden. Jetzt stehen zwar weiterhin vier
       Millionen Euro zur Verfügung – das reiche aber immer noch nur für einen
       Bruchteil dessen, was nötig wäre, kritisiert Schweer.
       
       Komplett zusammengestrichen wurden dagegen [8][mit dem
       „Gewässergütebauprogramm“] Landesgelder ausgerechnet für Vorhaben, mit
       denen unter anderem die Kanalisation so umgerüstet werden sollte, dass das
       Schmutzwasser aus Klos und von der Straße nicht mehr so leicht in die
       Gewässer gerät. Stattdessen wurden die Kosten den Wasserbetrieben
       aufgehalst. Schweer ist darüber immer noch fassungslos. „Ohne dieses
       Programm können die Berliner Gewässer nicht wieder sauber werden, nicht die
       Ziele der europäischen Wasserrahmenrichtlinie erreichen und auch die
       Kleingewässer nicht vor Verschlammung bewahrt werden“, sagt er.
       
       Derzeit würden nur etwa 20 Millionen Euro für die großen Gewässer und 4
       Millionen Euro für die Kleingewässer aufgewendet. „Für die Renaturierung
       der Gewässer bräuchte es mindestens 500 Millionen Euro mehr als bisher
       veranschlagt wurden“, sagt Schweer.
       
       Dabei wäre eigentlich Geld da. Nach der Rechnung des Wassernetzes nimmt der
       Senat 300 Millionen Euro jährlich mit dem Grundwasserentnahmeentgelt, der
       Abwasserabgabe und der Niederschlagswassergebühr ein. Das Wassernetz
       kritisiert, dieses Geld werde offenbar nicht für Renaturierungs- und
       Reinhaltungsmaßnahmen, sondern für Infrastrukturprojekte wie
       Kanalisationsmodernisierungen zur Entwässerung verwendet.
       
       ## Swimmingpoolbesitzer sollen zahlen
       
       Schweer hat auch noch andere Finanzierungsideen. Zum Beispiel sei es
       derzeit für Kraftwerksbetreiber:innen kostenlos, Wasser von der
       Oberfläche der Spree abzupumpen, sagt er. „Und Kraftwerke verbrauchen bei
       Volllast ja schon mal fast eine Million Liter pro Stunde“, sagt er. Hier
       sollte eine entsprechende Gebühr erhoben werden.
       
       Insgesamt führe aber kein Weg daran vorbei, den Wasserverbrauch zu senken.
       Deshalb plädiert Schweer für eine progressiv gestaltete Wassergebühr: Wer
       etwa einen privaten Swimmingpool besitze, solle ab dem hundertsten Liter
       deutlich mehr zahlen. „Wo das Wasser knapp wird, brauchen wir
       Gerechtigkeit“, findet er. Wenn das Wasser im Gewässer bleibt, hätten
       schließlich alle etwas davon, auch die Natur.
       
       Auch der Grundwasserteich wäre ohne den Zufluss aus dem Landwehrkanal
       längst ausgetrocknet. Schweer blickt auf den grünen Tümpel und seufzt. Eine
       Ente flattert mit den Flügeln, hebt ab und zieht dabei einen Riss in den
       Wasserlinsendeckel des Teichs. Doch kurz darauf sind die Linsen schon
       wieder beieinander. Das Wasser steht still. Vielleicht zu still.
       
       9 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://wassernetz-berlin.de/2023/03/21/pressemitteilung-wassernetz-berlin-fordert-sofortprogramm-gegen-die-drohende-wasserkrise-2/
 (DIR) [2] /Ende-fuer-den-Tagebau-in-Sichtweite/!6151037
 (DIR) [3] /Bericht-der-Europaeischen-Umweltagentur/!6043210
 (DIR) [4] https://www.berlin.de/rbmskzl/aktuelles/pressemitteilungen/2022/pressemitteilung.1235510.php
 (DIR) [5] /Abwasser-in-Berlin/!6111777
 (DIR) [6] https://www.bwb.de/de/28580.php
 (DIR) [7] https://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/19/SchrAnfr/S19-24120.pdf
 (DIR) [8] https://www.bwb.de/de/gewaessergueteprogramm.php
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Timm Kühn
       
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