# taz.de -- Radklassiker Mailand–San Remo: Passion an der Via Roma
       
       > Tadej Pogačar hat endlich die Classicissima gewonnen. Nach einem Sturz in
       > der entscheidenden Rennphase gelingt ihm der historische Triumph doch
       > noch.
       
 (IMG) Bild: Lädiert am Ziel eines lang ersehnten Traums: Tadej Pogačar in San Remo
       
       Es war die wohl dramatischste Austragung der letzten Jahre. Wie erwartet
       hatte sich das Peloton nach bereits gefahrenen 266 Kilometern auf die
       Anfahrt zur Cipressa, dem vorletzten Anstieg des fast 300 Kilometer langen
       Rennens, konzentriert. Dort hatte Pogačars UAE-Team bereits 2025 das Feld
       gesprengt. In Erwartung einer erneuten Attacke kämpfte jeder um die
       bestmögliche Position. Dabei ging ausgerechnet Pogačar als Erster zu Boden.
       
       Dabei ist der Slowene ist doch für exzellente Radbeherrschung bekannt. Er
       stürzt äußerst selten. Dennoch war er es, der in einer Linkskurve einen
       Sturz ausgelöst hat, in den mehr als ein Dutzend Kollegen verwickelt werden
       sollten. „Ich dachte in diesem Moment, dass es vorbei ist“, gestand er im
       Ziel. „Ein Sturz in Imperia, kurz vor der entscheidenden Stelle des
       Rennens, ist nicht ideal.“
       
       Aber schnell war er wieder auf dem Rad, schnell waren auch Teamkollegen an
       seiner Seite. „Sie haben mir die Hoffnung zurückgegeben“, beschrieb er die
       entscheidenden Szenen des Rennens. Mit aufgerissenem und mit Straßendreck
       beschmiertem Renntrikot und offenen Stellen an linker Hüfte und linkem
       Oberschenkel gelang es ihm auch dank der Hilfe der Teamkollegen, wieder an
       die Spitze des Pelotons zu gelangen.
       
       Das hatte zu jenem Zeitpunkt das Tempo kaum verringert. Gewartet wurde
       nicht. Allerdings waren die stärksten Teams in diesem Moment auch nicht an
       der Tempoarbeit beteiligt. Neben UAE musste auch Alpecin Premier Tech für
       [1][Titelverteidiger Mathieu van der Poel] und Visma – Lease a Bike für den
       späteren Dritten Wout van Aert Nachführarbeit leisten. Ein paar Zylinder
       weniger als gewohnt waren also vorn im Einsatz.
       
       Beeindruckende Aufholjagd 
       
       Beeindruckend war dennoch, wie Pogačar zurückkam und wie auch van der Poel
       und Van Aert den Anschluss schafften. Zwei Kilometer vor dem Gipfelpunkt
       der Cipressa machte der verletzte Champion aus Slowenien dann aber ernst.
       Mustergültig vorbereitet vom Teamkollegen [2][Isaac Del Toro], startete er
       seine Attacke. Nur der Brite Tom Pidcock und Titelverteidiger van der Poel
       konnten folgen.
       
       Zu dritt strebten sie dem Poggio zu. Das war ganz nach dem Regiebuch von
       Team UAE. Im Anstieg zum Poggio merkte zudem der lädierte van der Poel
       schnell, wie ihm die Kräfte schwanden. „Meine Hand tat ziemlich weh, ich
       konnte den Lenker nicht richtig greifen. Am Poggio habe ich ziemlich
       schnell verstanden, dass ich mein eigenes Tempo fahren muss“, beschrieb der
       Niederländer die Schlüsselmomente aus seiner Sicht. Er wurde schließlich
       noch von der Verfolgergruppe geschluckt und kam auf Platz 8 an.
       
       Vorn hielt lediglich Pidcock Schritt mit Pogačar. Der Slowene hätte ihn
       gern abgeschüttelt. In einem engen Sprint auf der Via Roma behielt er dann
       die Oberhand.
       
       Fast eine Dekade ist es her, dass mit dem Italiener Vincenzo Nibali ein
       Fahrer, der die Tour de France gewinnen konnte, auch bei diesem
       Klassikerrennen, das traditionell den Sprintern vorbehalten ist, die Nase
       vorn hatte. Ansonsten muss man bis in die 1970er und 1980er Jahre
       zurückblättern, in die Zeiten von Eddy Merckx und Laurent Fignon, um
       weitere Fahrer zu finden, die bei so unterschiedlichen Rennen ebenfalls
       erfolgreich waren.
       
       Für Pogačar war auch aus diesen Gründen der Erfolg an der Riviera extrem
       wichtig. Lieber als [3][ein sechster Tour-de-France-Sieg] sei ihm der
       Erfolg auf der Via Roma, hatte er zuvor betont. „Jetzt können wir das
       Unterfangen Tour angehen“, meinte am Samstagabend sein Teamchef Mauro
       Gianetti.
       
       ## Wie besessen
       
       Wie sich der Schweizer und alle Teammitglieder in den Armen lagen, wie
       feucht die Augen waren, wie ungestüm die Jubelschreie – all das zeigte,
       welch eine Befreiung dieser Sieg für die gesamte Equipe darstellte. „Wir
       haben 365 Tage nur darauf hingearbeitet“, meinte Gianetti. Unmittelbar nach
       der Niederlage im letzten Jahr wurde das Unternehmen „Sieg in San Remo“
       ausgerufen. Pogačar trainierte wie besessen an Poggio und Cipressa, stellte
       dort neue Trainingsbestzeiten auf.
       
       Im Rennen, trotz Sturz, führten die Beschleunigung durch ihn und seinen
       Teamkollegen Del Toro zu einer erneuten Bestzeit an der Cipressa. All dies
       waren Bausteine für den aktuellen Erfolg. Und dass nicht einmal ein selbst
       verursachter Sturz ihn aufhalten konnte, gesellt diesem Sieg eine fast
       mythische Komponente bei.
       
       Was, um Himmels willen, will dieser Mensch danach überhaupt noch erreichen?
       Gut, zwei Rennen fehlen ihm noch, der Kopfsteinpflasterklassiker
       Paris–Roubaix, am 12. April im Kalender, und die Vuelta a España.
       
       Ein Gutes hat Pogačars Triumph in San Remo für seine Konkurrenten. In den
       kommenden Jahren wird er das Rennen, das ihm so viel abverlangte, wohl
       meiden. Freie Fahrt also für alle anderen.
       
       22 Mar 2026
       
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