# taz.de -- 82. Jahrestag SS-Massaker in Voštane: Deutsche (bis 1990) unerwünscht
       
       > Im dalmatinischen Bergdorf Voštane gedenken Angehörige der Opfer des
       > SS-Massakers von 1944. Auch nach 82 Jahren ist das Blutbad wenig
       > aufgearbeitet.
       
 (IMG) Bild: Gedenkfeier am 29. März 2026 vor der Kapelle in Voštane, unter der die Gebeine der Ermordeten des SS-Massakers von 1944 liegen
       
       Antica žena Marka. Mišo sin Marka, Boja kći Marka, Grgo sin Marka. Dem
       17-jährigen Bože Vukas, der diese Namen vorliest, bricht immer wieder die
       Stimme.
       
       Vukas ist aus Voštane, so wie die 515 Menschen, deren Namen er an diesem
       Montag in der kleinen dalmatinischen Bergdorfkirche rezitiert. Fast 30
       Minuten dauert die Wiedergabe der 515 Vornamen, die jeweils mit den Namen
       der Ehemänner bzw. der Väter vorgetragen werden, der Eindeutigkeit willen,
       denn diese 515 Menschen teilen sich nur vier Familiennamen. Immer wieder
       hört man Schluchzen unter den Gottesdienstbesuchern. Über viele Gesichter
       laufen Tränen.
       
       Die meisten der Anwesenden sind Angehörige der 515 Menschen. Auch ich. Die
       Namen, die zu den ersten zählen, die der junge Vukas vorliest und die am
       Anfang dieses Textes stehen, sind die Namen meiner Großmutter und ihrer
       drei kleinen Kinder, [1][die am 29. März 1944 von der SS-Division Prinz
       Eugen] in Zusammenarbeit mit den kroatischen Ustaša-Faschisten erschossen
       und verbrannt wurden.
       
       Über 1.200 Menschen hat dieses faschistische Bündnis an zwei Tagen in
       sieben Dörfern dieser Gegend ermordet. Bis heute sind alle Fragen nach dem
       Warum ungeklärt: Warum ausgerechnet hier? Warum so viele? Warum so brutal?
       Warum ist niemand eingeschritten? Warum wurde das Massaker im
       sozialistischen Jugoslawien nie aufgearbeitet? Warum gibt es bis heute
       keine [2][ausreichende historische Forschung]?
       
       ## Gedacht wird auch dem Leid der Überlebenden
       
       Der Pfarrer, der die Messe leitet, betont, dass die Gedenkfeier nicht nur
       dazu dienen soll, die Toten zu zählen, sondern auch an das Leid derer zu
       erinnern, die das Massaker überlebt haben, und an die Nachfahren, die
       jahrzehntelang nicht über das Verbrechen reden konnten, die schwiegen, weil
       andere schwiegen.
       
       Ich bin zum ersten Mal bei dieser Gedenkzeremonie, die es erst seit einigen
       Jahren gibt. Lange Jahre hatten sich kroatische und auch deutsche Politiker
       ferngehalten, mit der Begründung, das Massaker sei noch nicht ausreichend
       erforscht.
       
       Nach dem Gottesdienst folgen die Anwesenden dem Pfarrer und seinen Kollegen
       zum Massengrab auf dem kleinen Dorffriedhof direkt neben der Kirche. Unter
       dem schneebedeckten Kamešnica-Gebirge windet sich die Prozession dann durch
       die karstige Landschaft und die noch winterbraune Macchia zur
       Gedenkkapelle. Niemand weiß, wo die Überreste meiner Oma beerdigt wurden.
       Mutmaßlich unter der Kapelle. „Wenn ich meinen Vater nach ihr fragte,
       winkte der nur ab und sagte: schrecklich“, erzählt Ivan immer wieder,
       dessen Familie meinen zu Waisen gewordenen Vater und seine Schwester 1944
       aufnahm.
       
       ## Verwandschaften klären
       
       Nach der Kranzniederlegung durch politische Vertreter von Staat, Gemeinde
       und Ort stehen Kleingruppen zusammen, unterhalten sich über das, worüber
       ihre Großeltern und Eltern nie oder nur wenig geredet haben, und versuchen,
       Verwandtschaften zu klären. Ständig stellt sich mir jemand als „Akrap“ vor,
       und zum Glück gibt es einen älteren Herrn, der [3][im unabhängigen Kroatien
       in den 1990ern] dafür zuständig war, die Namen der Ermordeten zu
       recherchieren, und erläutert die Stammbäume, die so verworren sind, dass
       wir alle immer wieder lachen müssen, weil niemand mehr durchblickt.
       
       Die meisten der Menschen, die heute hier sind, leben nicht hier, sondern in
       der Hafenstadt Split oder seit zwei Generationen in Deutschland.
       Ausgerechnet.
       
       „Wusstest du, dass bis 1990 Deutsche hier unerwünscht waren?“, fragt mich
       jemand. Angeblich stand das auf einem Schild am Eingang des Dorfes, das
       nach dem Zerfall Jugoslawiens verschwand. Nein, das wusste ich nicht. Mit
       jedem Besuch hier oben taucht ein neues Detail auf. Aber auch neue
       Gerüchte.
       
       Selbst bei wesentlich besser aufgearbeiteten Massakern wird es diese
       ständigen Updates, Legenden, Unerzähltes, Dazugedichtetes und Vergessenes
       geben. Aufarbeitung ist eben nie abgeschlossen. Sie wird so lang dauern,
       wie erinnert wird.
       
       3 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
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