# taz.de -- Waschbären in Berlin: „Die Jagd auf Waschbären ergibt überhaupt keinen Sinn“
       
       > Waschbär-Expertin Carolin Weh berät Menschen, die bei sich zu Hause mit
       > den Tieren zu kämpfen haben. Ein Problem sei die steigende Population
       > nicht, sagt sie.
       
 (IMG) Bild: Waschbär im Grunewald
       
       taz: Frau Weh, gibt es ein Problem mit der steigenden Waschbärpopulation in
       Berlin? 
       
       Weh: Ich würde sagen, nein.
       
       taz: Trotzdem gibt es die Debatte und zuletzt auch Berichte über zunehmende
       Schäden. 
       
       Weh: Die Waschbärzahl in Berlin und auch in ganz Deutschland steigt zwar,
       daher kann es auch zu mehr Schäden kommen. Trotzdem denke ich nicht, dass
       es ein Problem gibt. Aber ich könnte meinen Job nicht machen, wenn ich kein
       Verständnis dafür hätte, dass man keinen Waschbären im Dach haben will. Das
       ist der einzige Schaden, bei dem ich sagen würde, der ist ein Problem. Ein
       Waschbär im Dach bedeutet eine Sanierung im fünfstelligen Bereich.
       
       taz: Oft heißt es, Waschbären seien eine Plage, ein Problem und eine
       invasive Art. 
       
       Weh: Tatsächlich gibt es bisher keine einzige ökologische Studie, die einen
       nachhaltig negativen Effekt von Waschbären auf unser Ökosystem nachweisen
       konnte. Bisher sieht es auch nicht so aus, als verdränge der Waschbär
       heimische Tierarten. Nichtsdestotrotz bin ich dafür, sensible Bereiche, wie
       Amphibien-Laichgewässer, zu sichern. Aber nicht nur gegen Waschbären,
       sondern auch gegen alle anderen Tiere, die sich da bedienen, und vor allem
       gegen uns Menschen. Wir machen alles kaputt. Und den Waschbären jetzt die
       alleinige Schuld zu geben, ist absolut falsch und viel zu kurz gedacht.
       
       taz: Trotzdem hat sich die jagdpolitische Sprecherin der CDU in
       Baden-Württemberg, Sarah Schweizer, für die Jagd auf Waschbären
       ausgesprochen und möchte sogar Kopfgeldprämien an Jäger:innen verteilen.
       Dadurch soll der Waschbärbestand dezimiert werden. Ist das die Lösung? 
       
       Weh: Die Jagd auf Waschbären ergibt überhaupt keinen Sinn. Das wissen wir
       aus wissenschaftlichen Studien aus den USA. Es wurde festgestellt, dass die
       Tiere Bestandseinbrüche von über 70 Prozent innerhalb eines Jahres wieder
       auffüllen können. Man nennt das kompensatorische Reproduktion. Das
       bedeutet, die Weibchen kriegen plötzlich mehr Nachwuchs. In Berlin ist die
       Jagd auf Waschbären streng reguliert und darf nur von Stadtjägern mit dem
       Aufstellen von Lebendfallen erfolgen, wo eine vermeintliche Gefahr gesehen
       wird, also in Kitas oder Krankenhäusern. Diese Fallen scheinen sie aktuell
       häufiger zu bekommen als zuvor.
       
       taz: Wie kam es, dass Waschbären Ihr Thema geworden sind? 
       
       Carolin Weh: Das war relativ unromantisch. Ich habe an einem Projekt über
       vergleichende Verhaltensbeobachtung bei Seeadlern gearbeitet, was leider an
       unausgereifter Technik gescheitert ist. Dabei habe ich eine
       wissenschaftliche Methode verwendet, die ich gerne weiter nutzen wollte, am
       liebsten mit Säugetieren. So bin ich bei den Waschbären gelandet. Je mehr
       ich über die Tiere gelernt habe, desto faszinierender fand ich sie.
       Inzwischen bin ich ein großer Fan.
       
       taz: Sie arbeiten als Waschbär-Beraterin und erklären Menschen, die
       Probleme mit Waschbären haben, wie sie die Tiere auf „nette Art und Weise“
       wieder loswerden können. Wenn jemand einen Waschbären im Dach sitzen hat,
       wie gehen Sie dann vor, um den Waschbären da rauszuholen? 
       
       Weh: Ich hole den da nicht raus. Ich gucke mir die Häuser von außen genau
       an und überlege: Wo hat das Tier die Möglichkeit, auf das Dach zu gelangen?
       Und dann erkläre ich den Menschen, welche kleinen baulichen Veränderungen
       sie umsetzen müssen, damit der Waschbär nicht mehr zum Dach kommt. Wenn man
       einigermaßen handwerklich geschickt ist, kann man das selbst machen.
       
       taz: Was können Menschen sonst tun, um sich vor Waschbären zu schützen? 
       
       Weh: Wenn man weiß, dass man in einer waschbärreichen Region wohnt, muss
       man sein Haus sichern, so wie man eine Versicherung gegen Erdbeben
       abschließt. Wenn man in einem Erdbebengebiet wohnt, würde man auch
       vorsorgen. Außerdem müssen wir Menschen unser Verhalten ändern.
       
       taz: Wie sieht das konkret aus? 
       
       Weh: Waschbären haben eine hohe soziale Toleranz. Das heißt, da, wo es viel
       Nahrung und viel Unterschlupf gibt, da kommen auch dementsprechend viele
       Waschbären vor. Wir müssen aufpassen, wo wir überall Essen herumliegen
       lassen. Das fängt bei Vogelfutterstellen an, die nachts nicht leer sind,
       oder Lebensmittelresten, die auf den offenen Kompost geschmissen werden.
       Wenn wir das vermeiden, können wir nachhaltig die Populationsdichte
       verringern.
       
       taz: Eine Großstadt müsste für so ein Tier doch eigentlich nicht der beste
       Ort zum Leben sein. Wieso ist eine Stadt wie Berlin dann so attraktiv für
       Waschbären? 
       
       Weh: Es gibt einfach Tiere, die richtig gut in Städten klarkommen.
       Waschbären sind sogenannte Kulturfolger, die aufgrund ihrer
       Anpassungsfähigkeit gut mit uns Menschen leben und von uns profitieren
       können. Die großen Fressfeinde fehlen hier. Und es gibt Futter im Übermaß.
       Tiere, die gerade bei ihrer Nahrung so totale Generalisten sind, wie zum
       Beispiel der Waschbär, können einfach jede Form von Nahrung verwerten. Und
       das macht der Waschbär auch.
       
       taz: Gibt es denn andere Wege, die Waschbärpopulation einzudämmen, wenn
       eine Jagd auf die Tiere nicht zielführend ist? 
       
       Weh: Seit 2023 wollen Mathilde Laininger vom Verein Hauptsache Waschbär und
       ich ein wissenschaftliches Projekt starten, bei dem es um die
       Unfruchtbarmachung von wildlebenden Waschbären in Berlin geht. Wir würden
       die Tiere kastrieren, wie man es mit Straßenhunden und Straßenkatzen macht,
       damit die sich nicht weiter vermehren können. Aber wir können aus
       bürokratischen Gründen nicht weitermachen.
       
       taz: Wieso das? 
       
       Weh: Für so ein wissenschaftliches Projekt muss man bei der Fachbehörde,
       dem Landesamt für Gesundheit und Soziales, einen Antrag stellen. Die
       Behörde hat das Projekt genehmigt. Aber die Jagdbehörde, die uns die
       Erlaubnis zum Stellen von Fallen geben müsste, gibt uns diese Genehmigung
       nicht. Es wäre unser Versuch, die Population ohne Jagd zu dezimieren. Es
       ist wirklich absurd. Die Jagdbehörde möchte die Tiere das ganze Jahr über
       abknallen, am liebsten den Tierschutz übergehen. Aber wenn wir die Tiere
       kastrieren wollen, geht das zu weit.
       
       18 Mar 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Martha Lippert
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Waschbären
 (DIR) Wildtiere
 (DIR) Jagd
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Ausgehen und Rumstehen
 (DIR) Zukunft
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Flanieren im Berliner Stadtbild: Über die Spree und es zieht wie Hechtsuppe
       
       In Kreuzberg, Neukölln und im Plänterwald kann man auch übers Stadtbild
       reden, da begegnen einem nämlich Füchse, Waschbären und Die Sterne.
       
 (DIR) Invasive Arten: Teure Besucher
       
       Invasive Arten gefährden nicht nur die Artenvielfalt. Sie verursachen auch
       wirtschaftliche Kosten, und die sind weitaus höher als gedacht.