# taz.de -- Formel 1 in Madrid: Brumm dumm
       
       > Die Formel 1 plant im September ein Rennen mitten durch Madrid. Anwohner
       > befürchten Lärmbelästigung, Gegner warnen vor explodierenden Kosten.
       
 (IMG) Bild: Formel-1 Rennfahrer Carlos Sainz mit einer Zielflagge bei einem Pressetermin auf der Baustelle der Rennstrecke in Madrid
       
       Angeles Torets steht auf dem Balkon ihres Einfamilienhauses. Würfelförmig,
       weiß, dreistöckig, große Fenster. Helle, minimalistisch eingerichtete Räume
       und Terrassen mit Blick in die Ferne. Die 64-jährige pensionierte
       Büroangestellte hat das Haus gemeinsam mit ihrem Mann gebaut, in Carcavas,
       einer Siedlung am nordöstlichen Stadtrand Madrids. Zehn Jahre ist das jetzt
       her. Da war das 60 Hektar große Loch, das gegenüber von ihrem Haus auf der
       anderen Straßenseite gähnt, noch nicht abzusehen. Torets ist wütend, wenn
       sie auf dieses Loch blickt. „Es ist einfach unser Traumhaus, und jetzt
       das“, sagt sie.
       
       Baumaschinen haben gegenüber des Wohnwürfels der Torets eine halbe Million
       Kubikmeter Erde verschoben, Hänge aufgeschüttet, Trassen planiert. Einige
       davon werden gerade asphaltiert. Was Torets aufregt, ist der Stolz der
       konservativen Regierung der Hauptstadtregion und der ebenfalls
       konservativen Stadtverwaltung Madrids: Madring, die neue Rennstrecke für
       den Großen Preis von Spanien in der Formel 1 im September. Insgesamt 5,4
       Kilometer lang wird der Kurs, den die hauptstädtische Messegesellschaft
       Ifema baut. Ein großer Teil davon verläuft auf dem Messegelände, direkt vor
       Torets Nase. Aber auch 1,3 Kilometer öffentliches Straßenland wird zur
       Rennstrecke.
       
       „Hätte ich das geahnt, hätte ich hier nicht gebaut“, sagt Torets mit
       ernstem Ton. Als sie nach Carcavas kam, gab es nur kleine einstöckige
       Häuser und Freiflächen. Mittlerweile haben hier viele ihr Eigenheim gebaut.
       „Es war einfach billiger als anderswo in der Hauptstadt und ruhiger auch“,
       erzählt Torets. Nach und nach entstand die heutige Siedlung und rundherum
       weitere Wohnviertel. Daneben hat auch der hauptstädtische Fußballverein
       Real Madrid hier draußen sein Trainingsgelände errichtet, nachdem er das
       alte in der Stadt für teuer Geld verkauft hatte.
       
       ## Bis zu 130 Dezibel
       
       Heute ist Constantino Blanco bei Torets zu Besuch. Er wohnt eine Straße
       weiter – „zweite Reihe“, wie der 53-jährige verheiratete Vater zweier
       Kinder und Angestellte in einer Firma am Madrider Flughafen das nennt.
       Torets und Blanco gehören zu den Gründern der Nachbarschaftsinitiative
       [1][„Stop Formula 1“]. Sie entstand, als Anfang 2025 die Pläne für die
       Rennstrecke bekannt wurden. Immer wenn sich die beiden treffen, ist viel
       von Dezibel die Rede. Es ist die Messeinheit für Lautstärke, also für Lärm.
       „Und der ist ab einem gewissen Volumen gesundheitsschädlich“, sagt Torets.
       
       „Hier werden wir deutlich über den Grenzwerten liegen“, gibt Blanco zu
       bedenken. Bis zu 130 Dezibel erzeugt jedes einzelne der 20 Formel-1-Autos,
       wenn es über 300 Stundenkilometer erreicht. Das entspricht einem
       durchstartenden Militärjet. 95 bis 100 Dezibel davon kommen mindestens an
       den Häusern in der ersten und auch noch in der zweiten Reihe an. Und auch
       weiter weg werden die gültigen Grenzwerte bei Weitem überschritten. Das
       bestreiten selbst die Studien der Bauherren nicht.
       
       55 Dezibel im Freien gelten bereits als deutlich störender Lärm. „100
       Dezibel sind nicht doppelt so laut wie 50“, erklärt Blanco. Vielmehr
       verdoppelt sich die Lärmbelastung auf der Dezibel-Skala in 10er-Schritten –
       ein sogenannter Logarithmus. „Dort ist eine Überholstrecke geplant, bevor
       es dann in eine Steilkurve geht“, beschreibt Torets, was direkt vor ihrem
       Balkon gebaut wird.
       
       Stadt- und Regionalverwaltung verweisen darauf, dass für besondere
       Ereignisse Lärmpegel über den Grenzwerten vom Gesetz zugelassen sind.
       Natürlich wissen das auch Torets und Blanco. Aber sie lassen den Einwand
       nicht gelten. „Das Gesetz sieht Sonderregelungen für traditionelle
       Volksfeste vor, wie etwa die Feuerwerke während der Fallas in Valencia oder
       das Trommeln in der Osterwoche in manchen Städten“, sagt Blanco. Doch das
       hier sei etwas ganz anderes. „Hier verdient jemand Geld mit der Erzeugung
       von Lärm auf Kosten unserer Gesundheit. Es geht nicht um althergebrachte
       Bräuche“, schimpft Torets.
       
       Das Gelände, das jetzt für die Rennstrecke umgebaggert wird, hat die
       Messegesellschaft Ifema jahrelang als Festivalgelände vermietet. Die
       Anwohner des Madrings bezweifeln, dass der Formel-1-Zirkus nach den drei
       angesetzten Trainings- und Renntagen weiterziehen wird. Tatsächlich will
       die Ifema weitere Rennen unter Vertrag nehmen. Der Lizenzantrag läuft.
       
       ## Schneller geht es nirgends, lauter auch nicht
       
       Weiter im Süden, dort, wo die Rennwagen nach der Boxengasse das
       Messegelände für 1,3 Kilometer verlassen und über öffentliche Straßen
       rasen, befinden sich wesentlich mehr Menschen in der Zone hoher
       Lärmbelästigung. Denn dort, im Stadtteil Hortaleza, säumen fünfstöckige
       Wohnblocks die langen Straßen. Dazwischen immer wieder Grünflächen. Die
       ersten Blocks stehen keine 100 Meter entfernt von der mit 837 Metern
       längsten Geraden des Kurses entfernt. Dort sollen die Motoren auf
       Spitzengeschwindigkeit beschleunigen, über 300 Stundenkilometer können auf
       der 12 Meter breiten Calle de la Ribera de Sena gefahren werden. Schneller
       geht es nirgends, lauter auch nicht.
       
       „Zwei Kindergärten, zwei Schulen, eine Einrichtung für Kinder mit Autismus
       sowie ein Altersheim werden direkt vom Lärm betroffen sein“, erklärt Carmen
       Morcillo. Die 63-jährige pensionierte Büroangestellte wohnt auf Sichtweite
       zur Messe und hat zwei Enkelkinder auf einer der betroffenen Schulen. Sie
       hat sich mit einer Freundin und Nachbarin, Isabel Gallego, in einem
       ebenfalls in der Lärmzone liegenden Park getroffen. „Das hier war ein
       ruhiges Wohngebiet, bevor Ifema die Idee hatte, ihre Einrichtungen für
       anderes zu nutzen als für Ausstellungen. Die Formel 1 ist die letzte von
       einer ganzen Reihe solcher Initiativen“, sagt Gallego, 69, ehemalige
       Gymnasiallehrerin. Auf der anderen Seite der Schnellstraße, die den
       Stadtteil von der Messe trennt, liegen mehrere Parkplätze. Dort finden im
       Sommer Konzerte statt. An Schlafen sei dann nicht zu denken, erklären die
       beiden.
       
       Auch die Versorgung mit öffentlichen Verkehrsmitteln und Parkplätzen sei
       unzureichend für diese Mega-Events, sagt Morcillo. „Ich kann mir gut
       vorstellen, was passiert, wenn sie hier Straßen für das Formel-1-Rennen
       sperren und über 140.000 Besucher zum Rennen kommen“, sagt Gallego. Auch
       die Logistik für den Auf- und Abbau werde zu Staus und Behinderungen für
       die Anwohner führen, fürchtet sie, womöglich wochenlang.
       
       ## Drei Tage Lärm
       
       Carlos Jiménez, Operativ-Direktor bei Ifema, kann die ganze Aufregung nicht
       verstehen. Für ihn sind die Kritiker „politisierte Anwohner“,
       Sympathisanten der kommunalen und regionalen Opposition. Was den Lärm
       angehe, seien das mit Training, Vorläufen und Rennen nur drei Tage,
       beteuert er. Was bei den Anwohnern ankomme, sei windabhängig, meint der
       39-Jährige, der bereits während seines Ingenieurstudiums vor 16 Jahren bei
       Ifema anfing und sich hochgearbeitet hat. Jiménez steht bei Kaffee und
       Orangensaft in einer der unpersönlichen Caféterias im Hauptgebäude der
       Messe Rede und Antwort. „Die größte Herausforderung ist nicht der Lärm,
       sondern die öffentliche Verkehrssituation“, geht er dann auf die andere
       Sorge der Anwohner ein. „Doch von Monaten, wie sie es vorrechnen, kann
       nicht die Rede sein“, erklärt er. Nur rund zehn Tage, „von Sonntag bis zum
       Dienstag nach dem Wochenende“ müssten Straßen gesperrt werden: dort, wo
       gegenüber der Wohnblocks von Morcillo und Gallego die Strecke verläuft, um
       Zäune und Zuschauertribünen auf- und wieder abzubauen.
       
       „Ich gebe eines zu bedenken: Wir als Messe sind der Nachbar, der am meisten
       beeinträchtigt wird“, sagt er dann. Im September und Oktober sei Hochsaison
       für Ausstellungen aller Art. „So schnell wie möglich zum Normalbetrieb
       zurückzukehren, liegt im Interesse von Ifema“, sagt der junge Mann, der bei
       Ifema für alles verantwortlich ist, was rund um den Messebetrieb
       organisiert werden muss.
       
       „Seit einiger Zeit, bin ich vor allem mit der Formel 1 beschäftigt“, meint
       er und kommt dann ins Schwärmen über das Projekt Madring: „Wir sind das
       erste Formel-1-Rennen, das eine urbane Strecke mit einem traditionellen
       Kurs verbindet.“ Anders als viele andere vergleicht Jiménez Madring nicht
       mit dem Stadtrennen in Monaco. „Wir sind vielmehr so etwas wie der große
       Preis in Miami. Dort findet das Rennen rund um das Stadion der Dolphins
       statt“, erklärt Jiménez. Madring und Miami haben gemein: Eine bestehende
       Einrichtung werde für weitere Aktivitäten – in diesem Fall die Formel 1 –
       genutzt. Dort sei es das Football-Stadion und hier die Messe, die praktisch
       alles biete, was gebraucht wird, Gastronomie, Büros und Säle für die
       Presse.
       
       ## Autorennen statt Messegelände
       
       Die Idee für das Rennen in Madrid kam nach der Covidpandemie. Das
       Messegeschäft ging damals zurück, und es erholte sich offensichtlich auch
       nicht gänzlich wieder: Das Gelände, das jetzt zur Rennstrecke ausgebaut
       wird, war mal für eine Erweiterung der Ausstellungsfläche gedacht. „Das ist
       erst einmal nicht mehr nötig“, erklärt Jiménez. Der Ifema-Direktor, der aus
       der Automobilbranche stammt, kam auf die Idee mit der Formel 1. Diese hatte
       noch eine Lücke im Jahreskalender und keinen Großen Preis von Spanien mehr.
       „Wir bekamen den Zuschlag und die volle Unterstützung von Stadt und
       Region“, sagt Jiménez. Die Präsidentin der Regionalregierung, Isabel Díaz
       Ayuso, ließ sich bei einer Werbeveranstaltung stolz im Rennfahrer-Outfit
       mit einem Formel-1-Wagen ablichten.
       
       Der Operativ-Direktor schwärmt vom Kurs. „Mit ‚La Monumental‘ werden wir
       die längste Steilkurve in der gesamten Formel 1 haben“, sagt er. Und
       spätestens bei der zweiten Auflage 2027 sollen die Rennwagen durch eine
       Messehalle donnern. So etwas gibt es sonst nirgends. 160 Millionen Euro auf
       zehn Jahre soll das Spektakel kosten. „Das ist nicht viel“, sagt Jiménez,
       denn schließlich sei bis auf den Kurs selbst und das Boxengebäude dank der
       Messehallen alles da, was es brauche.
       
       80.000 der 145.000 Karten seien bereits verkauft, vor allem die in der
       unteren Preiskategorie. Sie kosten zwischen 200 und 800 Euro. In den
       höheren Preisklassen sind es 1.500 Euro, und die VIP-Eintrittskarten gibt
       es für 5.000 Euro. „Viele kommen aus Lateinamerika und den USA. Für sie ist
       Madrid so etwas wie das Miami Europas“, sagt Jiménez mit stolzem Unterton.
       Viele dieser Besucher aus Übersee sind das, was die Tourismusbehörden der
       Region Premiumtouristen nennt – wohlhabende Menschen mit sehr locker
       sitzendem Portemonnaie.
       
       „Die Herausforderung ist es, das Interesse an Madrid als
       Formel-1-Austragungsort über das erste Jahr hinaus zu erhalten, dann, wenn
       es keine Neuheit mehr ist“, weiß Jiménez. Sein Vorbild: Der Große Preis von
       Mexiko, der es versteht, mit lokalem und nationalem Flair Jahr für Jahr die
       Fans anzuziehen. Dann entschuldigt er sich und eilt davon: Der König kommt
       zu einer Ausstellungseröffnung, da muss Jiménez präsent sein.
       
       ## Event-Tourismus verteuert Mieten
       
       „Die Formel 1 ist ein weiteres Beispiel für die Politik der Konservativen,
       immer mehr Touristen mit Großevents anziehen zu wollen. Es geht vor allem
       um Besucher mit starker Kaufkraft. Die Madrilenen sind ihnen dabei egal“,
       beschwert sich Rita Maestre. Die 37-jährige Stadträtin und Sprecherin der
       größten Oppositionspartei der Region, Más Madrid Maestre, ist für Leute wie
       Jiménez die Frau, die hinter den „politisierten Anwohnern“ steckt. In
       Madrid steigen seit Jahren die Zahlen der Touristen und dank ihnen [2][die
       Zahl der Ferienunterkünfte]. Investoren kaufen ganze Wohnblocks auf, um sie
       in Touristenappartements umzuwandeln. Mieten und Kaufpreise für Wohnungen
       werden immer teurer, die Stadt leert sich. „Mit einem normalen Lohn kannst
       du nicht mehr in der Innenstadt leben. Viele ziehen in die umliegenden
       Gemeinden, andere sogar in Nachbarregionen“, sagt Maestre. „Sie stehlen uns
       Madrid“, heißt deshalb das Motto der neuesten Kampagne von Más Madrid.
       „Events wie die Formel 1 verstärken diesen Trend noch und bringen ihn bis
       in die Außenbezirke“, sagt die junge Politikerin, die vier Jahre lang die
       rechte Hand der [3][linksalternativen Ex-Bürgermeisterin Manuela Carmena]
       war.
       
       Als die Regionalregierung das Projekt Formel 1 vorstellte, hieß es, es
       würde den Madrilenen keinen Cent kosten. „Das stimmt schon lange nicht
       mehr“, beschwert sich Maestre. Denn die Investoren kamen nicht wie
       gewünscht, trotz intensiver Werbung in Süd- und Nordamerika sowie in den
       arabischen Ländern. Die Gewinnaussichten sind ohne Investoren einfach nicht
       sicher genug. Maestre rechnet nicht mit 160 Millionen Euro Kosten für die
       Infrastruktur, wie dies die Messe offiziell tut, sondern, wie die spanische
       Presse auch, mit Gesamtkosten von weit über 400 Millionen Euro. Denn
       alleine an die Formel 1 fließen für zehn Jahre knapp 300 Millionen für die
       Veranstaltungsrechte. All dies übernimmt Ifema, die mit über 400 Millionen
       Euro Gewinn pro Jahr rechnet, und damit sogar verdienen würde.
       
       Wenn diese Rechnung aber nicht aufgeht, müssen Region und Stadt dafür
       geradestehen. Denn die Messegesellschaft ist eine öffentlich-private
       Einrichtung. Rund zwei Drittel gehören der öffentlichen Hand. „Letztendlich
       haftet damit der Steuerzahler für das Formel-1-Abenteuer“, sagt Maestre.
       Und schlimmer noch: Sollte Ifema zwei Jahre in Folge rote Zahlen schreiben,
       ist dies das Ende der Gesellschaft. So steht es in den Statuten, eben weil
       Ifema einen starken öffentlichen Anteil hat. Wie es genau bei der
       Messegesellschaft aussieht, weiß niemand zu sagen. „Sie verweigern uns den
       Einblick in ihre Bücher, mit der Ausrede, das Unternehmen sei teilweise
       privat“, berichtet Maestre. Vertrauen in die offiziellen Zahlen schafft
       dies freilich nicht.
       
       Die Kritiker der Formel 1 schauen immer wieder in die Mittelmeerregion
       Valencia. Dort wurden 2008 bis 2012 auf einer eigens von der konservativen
       Regionalregierung gebauten urbanen Strecke Formel-1-Rennen ausgetragen.
       Auch dort war die Rede davon, dass es Stadt und Region keinen Cent kosten
       würde. Letztendlich blieben 300 Millionen Euro Schulden zurück. „Zehn Jahre
       dauerte es, bis dieser Schuldenberg abgetragen war“, berichtet Maestre.
       „Statt Geld für das Gesundheitssystem, für Kindergärten und Bildung oder
       besseren öffentlichen Nahverkehr zu haben, zahlten die Valencianos Hunderte
       Millionen für die Formel 1 und für viele, viele schöne Fotos von
       Regionalpolitikern und der Bürgermeisterin in Sportwagen“, fügt Maestre
       hinzu.
       
       30 Mar 2026
       
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