# taz.de -- Verkauf von Werkswohnungen: Angst vor den Heuschrecken
> Der Chemieriese BASF verkauft 4.400 Werkswohnungen in Ludwigshafen.
> Mieter:innen sorgen sich – und auch für die gesamte Stadt könnte sich
> viel ändern.
(IMG) Bild: Nicht nur Chemie ist Teil des Portfolios der BASF, es gehören auch Werkswohnungen dazu, die nun versilbert werden sollen
Seit drei Generationen wohnt die Familie von Timon Schmitt in
BASF-Werkswohnungen in Ludwigshafen am Rhein. Dass sich das einmal ändern
könnte, war für Schmitt bis vor Kurzem nicht vorstellbar gewesen.
Entsprechend unvorbereitet traf ihn die Mitteilung der BASF, sie wolle
seine Wohnung verkaufen. „Ich habe eine Familie gegründet in dem Glauben,
sicher zu bezahlbaren Mieten wohnen zu können“, sagt Schmitt der taz. Jetzt
fühle sich die Zukunft unsicher an.
Schmitt arbeitet selbst seit Jahrzehnten für den Chemieriesen und will
nicht, dass sein echter Name in der Zeitung erscheint. Er ist nicht der
einzige betroffene Mieter. Die BASF-Tochter Bauen und Wohnen will den
Großteil ihres Bestands loswerden. Bis Anfang 2027 will das Unternehmen
Käufer:innen für 4.400 Wohnungen finden. 1.100 Wohnungen sollen einzeln
als Eigentumswohnungen, der restliche Block soll als Gesamtpaket verkauft
werden. Man wolle sich auf das Kerngeschäft konzentrieren, begründete das
Chemieunternehmen die Entscheidung.
Für Schmitt ist das nicht nachvollziehbar. „Vor allem, weil die an der
[1][Spitze trotzdem Profit machen]“, sagt der BASF-Mitarbeiter. Trotz Krise
dürfe die BASF nicht ihre soziale Verpflichtung gegenüber ihren
Mitarbeitern vergessen, findet er. Laut BASF sind die betroffenen Wohnungen
zu rund 70 Prozent von aktuellen oder ehemaligen Beschäftigten des
Chemiekonzerns bewohnt.
Doch nicht nur die sind besorgt. Denn was die BASF entscheidet, wirkt sich
unweigerlich auf ganz Ludwigshafen aus. Seit mehr als hundert Jahren prägt
das weltweit größte Chemieunternehmen in der zweitgrößten Stadt in
Rheinland-Pfalz den Arbeitsmarkt, die Infrastruktur und das Stadtleben. Die
BASF und Ludwigshafen gehören praktisch zusammen wie ein altes Ehepaar. Der
eine ist ohne den anderen nicht mehr denkbar. Bezogen auf das Stammwerk
arbeitet rein rechnerisch etwa jede:r Fünfte in Ludwigshafen bei der BASF.
## Verkauf wird sich auf Mietmarkt auswirken
Kritik am Verkauf der Werkswohnungen kommt entsprechend von allen Seiten:
Gewerkschaftliche Vertreter:innen verurteilen die Entscheidung als
kurzsichtig und sehen den Verkauf als weiteres Signal, dass sich das
Unternehmen aus der Region zurückzieht. Auch Oberbürgermeister Klaus
Blettner (CDU) und die [2][rheinland-pfälzische Landesregierung] äußerten
Sorge. Sie appellierten gemeinsam an die BASF, einen verantwortungsvollen
Käufer zu finden, der die Rechte der Mieter:innen „über das gesetzliche
Maß hinaus“ schützt. Zentral ist dabei insbesondere die Frage, wer das
Paket mit den 3.300 Mietwohnungen kaufen wird.
Diese Entscheidung werde den Mietmarkt der ganzen Stadt beeinflussen,
[3][der ohnehin immer angespannter werde], sagt Willibrord Zunker,
Rechtsanwalt beim Mieterbund Ludwigshafen, der taz. „Es ist eine kleine
Katastrophe.“ Im Moment herrsche vor allem viel Unsicherheit: „Die Menschen
wollen nicht, dass da so Heuschrecken wie Vonovia oder LEG einsteigen, die
nichts mit der Region zu tun haben und nur auf Rendite aus sind“, sagt
Zunker. Viele riefen an und fürchteten, dass sich ihre Miete erhöhen werde.
Zunker bedauert den Verkauf auch deswegen, weil sich die BASF-Tochter
eigentlich immer sehr gut um ihre Wohnungen und Mieter:innen gekümmert
habe: „Die Gebäude sind zum Großteil saniert und in gutem Zustand“, sagt
der Rechtsanwalt. Auch was den Mietpreis anbelangt, habe es immer Raum für
Verhandlungen im Sinne der Mietenden gegeben. Umso größer sei jetzt die
Sorge, dass sich das mit einem neuen Besitzer ändern könnte.
Oberbürgermeister Blettner teilte mit, an einer möglichst
sozialverträglichen Lösung für alle zu arbeiten. So werde geprüft, ob die
kommunale Wohnbaugesellschaft GAG den Bestand übernehmen könnte. Zunker
zweifelt jedoch, ob die das finanziell stemmen könnte: „Das wird mehr als
500 Millionen Euro kosten“, sagt er. Auf taz-Anfrage geht auch die Stadt
von einem Kaufpreis in Höhe mehrerer Hundert Millionen Euro aus. Letztlich
liege die Entscheidung in der Hand der BASF, sagt eine Sprecherin der
Stadt.
## Kommunale Lösung gefordert
Die Linke fordert deswegen ein Vorkaufsrecht für Land und Kommune. „Im
besten Fall landen die Wohnungen in der öffentlichen Hand“, sagt Patrick
Thiel der taz. „Damit das klappt, benötigt es eine Landesbürgschaft“, sagt
der Linken-Direktkandidat für Ludwigshafen – und selbst betroffener Mieter.
Er sieht eine große Gefahr, falls das nicht gelingt: „Mit dieser Marktmacht
lässt sich der Mietspiegel faktisch beeinflussen“, sagt Thiel.
Die BASF selbst gibt sich bemüht, den Verkauf mietendenfreundlich zu
gestalten. So soll eine Sozialcharta vertraglich schützen, etwa vor
Eigenbedarfskündigungen – zumindest für die nächsten zehn Jahre.
Mieter:innen über 70 sollen ein lebenslanges Wohnrecht bekommen.
Außerdem will die BASF die Eigentumswohnungen den jetzigen Mieter:innen
zuerst anbieten.
Bei Schmitt war das zwar auch so. Nur kaufen konnte er seine Wohnung
trotzdem nicht: „Das kam ja aus dem Nichts“, sagt er. Gerade erst habe sich
seine Familie um Nachwuchs vergrößert und die finanziellen Rücklagen seien
deswegen knapp.
Trotzdem habe die Familie die Werkswohnung kaufen wollen und sei gerade
dabeigewesen, einen Kredit zu beantragen. Doch jetzt habe die Familie
erfahren, dass die Wohnung schon verkauft sei. „Ich bin schwer enttäuscht
von meinem Unternehmen“, sagt Schmitt.
Die BASF teilte auf taz-Anfrage mit, dass sie bemüht sei, ihrem Versprechen
nachzukommen. Schmitt solle sich noch mal an sie wenden. Zudem gelte ja die
zehnjährige Sperre für Eigenbedarfskündigung. Vor höheren Mieten schützt
das allerdings nicht.
17 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.tagesschau.de/wirtschaft/finanzen/basf-aktie-des-tages-100.html
(DIR) [2] https://www.facebook.com/landesregierungrheinlandpfalz/posts/-ministerpr%C3%A4sident-alexander-schweitzer-hat-mit-dem-neuen-oberb%C3%BCrgermeister-der-/1221884226723491/
(DIR) [3] https://www.engelvoelkers.com/de-de/mietspiegel/rheinland-pfalz/ludwigshafen-am-rhein/
## AUTOREN
(DIR) Clara Dünkler
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