# taz.de -- Die Wahrheit: Mücke versus Möwe
       
       > Der Wahrheit-Niederlande-Report: Bei den baldigen Kommunalwahlen dort
       > bewirbt sich auch die Partei der vegetarischen Tiere.
       
 (IMG) Bild: Vegetarische Tiere hassen sie: die Möwe
       
       Ein schummerig ausgeleuchteter Park am Stadtrand von Maastricht, direkt am
       Ufer der Maas. Es dämmert schon. Hunderte Tiere haben sich versammelt,
       allesamt Vegetarier. Artenübergreifend sind Hasen und Schafe gekommen,
       Grünfinken und Tauben, Mücken und Motten, Kühe, Schnecken. Und auch ein
       paar kleine Fische sind hergeschwommen, die mal groß rauskommen wollen.
       Erich Kästners Roman „Die Konferenz der Tiere“, er ist hier Wirklichkeit
       geworden.
       
       Das Wort ergreift die Biene Marlous. „Neulich bin ich durch die ‚Vegan
       Pizza Bar‘ in Den Haag geflogen. Da sehe ich an der Toilettentür ein
       Werbeplakat für unsere Kommunalwahl hier am 18. März: ‚Partij voor de
       Dieren‘ steht da drauf. Aha, dachte ich, die Flachkuchen-Veganer setzen
       sich für Tiere ein. Gut so, aber für welche? Und was soll ich sagen:
       Offenbar für alle!“
       
       „Für alle?“, piepst erschrocken ein Jungsittich. „Ja, auch für unsere
       schlimmsten Feinde“, brummt Marlous, „für diese verfressenen Hunde, für die
       mäusemassakrierenden Katzen, die Bussarde und die Waschbären. Sogar für
       Asiatische Hornissen sind die! Und für diese Frösche mit ihren ekelhaften
       Zungen …“
       
       „Bäääh“, surrt eine angewiderte Fliege. Über dem Park krächzt derweil eine
       Möwe. „Muss man diese gefiederten Drohnen auch unterstützen?“, ruft aus dem
       nahen Fluss ängstlich ein junger Graskarpfen. „Tja“, fährt Marlous fort,
       „diese Partei voor de Dieren setzt sich offenbar auch für Tiere ein, die
       Tiere töten. Also auch für Wölfe, Falken und diese Möwen – heißt: alle
       unsere Feindestiere! Wie bigott!“ Aufgeregt blökt Ziegenbock Ruud: „Eine
       humanistische Partei voor de Mensen würde dann wohl auch diesen Trump-Ork
       unterstützen.“
       
       ## Ab in die Parlamente. Jetzt
       
       Krabbeltje van der Shit ergreift das Wort, ein stolzer Mistkäfer und
       dadurch zeitlebens schwer diskriminiert, weil in Scheiße geboren und von
       Kot lebend. „Nieder mit den Karnivoren, mit diesen widerlichen Fleisch- und
       Fischfressern. Wir müssen eine eigene Partei gründen.“ Pferde wiehern,
       Schafe blöken, ein Hummelschwarm brummt eine kämpferische Melodie. Alle,
       sämtlich alle vegetarisch lebenden Tiere heben Pfote, Huf, Flügel und
       Flosse, skandieren enthusiastisch: „Es lebe unsere neue Partij van de
       vegetarische Dieren! Es lebe die PvdvD! Wir müssen in die Parlamente!“
       
       Das niederländische Politikestablishment ist umgehend alarmiert. Analysten
       sprechen von Polarisierung, Spaltung der Tiergesellschaft, von einer neuen
       Opfererzählung. Erste amtliche Umfragen indes sehen die Vegetariertiere mit
       millionenfachen Stimmgewinnen schon auf der Regierungsbank.
       
       Dabei ist die politische Situation in den Niederlanden schon jetzt komplex.
       Und höchst volatil dazu. Die neue Dreiparteien-Minderheitsregierung unter
       Rob Jetten, einem Fleischesser, von der Partei D66 (tendenziell
       baden-württembergisch sanft angegrünten Liberalen entsprechend) muss für
       jedes Gesetz mindestens zehn Stimmen aus dem Oppositionspuzzle einsammeln,
       das aus zwölf weiteren Parteien besteht. Ein Klimagesetzlein hier: Stimmen
       von links; ein Tupfer Asylverschärfung: Stimmen von rechts. So soll das
       werden.
       
       Die Wahllisten für die Gemeenteraadsverkiezingen am 18. März sind uferlos
       lang. In Maastricht etwa stehen 17 Parteien zur Wahl, woanders in den
       Niederlanden sind es noch mehr. Und jetzt also auch die PvdvD, die Partei
       der Veggie-Tiere?
       
       Medial gestaltet sich das Interesse an der PvdvD riesig: Die bekannte
       Polit-Interviewerin Nouschka van der Meijden vom Fernsehsender NOS, die
       eine Art Marietta Slomka von Amsterdam ist, hat für Samstag die
       PvdvD-Aktivistin Meckertje, eine weiß-bunte Ziegendame, ins Studio geladen.
       Keine leichte Aufgabe, aber van der Meijden hat erst neulich das Gespräch
       mit Lidewij „Alice“ de Vos ohne erkennbaren Schaden überlebt. De Vos (29)
       ist im Nationalparlament Fraktionschefin des rechtsradikalen Forums voor
       Democratie (FvD), geifert fast noch weidelhafter als das Original, und
       würde alte Windmühlen am liebsten gegen oranje, also orangefarbene,
       Mini-AKWs eintauschen.
       
       ## Mikrofone in Bienenstöcken
       
       Tiere an die Macht? Im ganzen Land schwirren Reporterinnen und Reporter zu
       Bauernhöfen und Weiden aus, halten ihre Mikrofone in Bienenstöcke.
       Podcaster Henk Ruigrok van der Werven sendet live aus Pferdeställen.
       Faktencheckerin Katharina Vlaanderen entlarvt die zugespielten
       Dieren-Papers als KI-Fake. Und der langjährige Undercover-Reporter Jeroen
       van Bergeijk alias Wallraff von Holland, zuletzt getarnt tätig als
       Uber-Fahrer und in einem Callcenter, hat sich Wahrheit-Recherchen zufolge
       erfolgreich als mächtiger Löwe in den Dierenpark Amersfoort eingeschlichen.
       „Klappt gut“, schreibt er, „nur komme ich vor lauter Avancen der
       rehäugigsten Löwinnen kaum zur Recherche.“
       
       Erste außerparlamentarische Erfolge der Tiere gibt es schon. Mücke Marieke
       berichtet beim aktuellen Konvent an den Ufern der Maas: Diesen „aalglatten
       Stimmenwilderer Geert Wilders“ habe sie neulich mal erwischt: „Dem hab ich
       so was von in den gereckten rechten Arm gestochen! Nie etwas Ekelhafteres
       getrunken.“
       
       „Hat der Zombie überhaupt Blut?“, will wer wissen. Großes Gelächter. „Aber
       eigentlich bist du kleiner Dracula ja gar kein Veggie, sondern
       Fleischtrinker …“ – „Halt“, schnattert Gänserich Enno dazwischen, „keine
       Spaltung jetzt. Nicht afdwalen!“ – „Was, AfD wählen?“, ruft ein
       gastdelegiertes Kaninchen aus Duitsland erschrocken. „Nein,
       Mümmelmannekentje, afdwalen heißt: abschweifen.“
       
       Schließlich verliest Biene Marlous noch das Grußwort eines
       Zehn-Tonnen-Savannenelefanten, dem größten Veggie-Tier der Erde. Kakofoner
       Jubel brandet auf. Dann hoppeln, traben, tauchen und krabbeln alle
       euphorisch gestimmt wieder in ihre Heimatgemeinden zum bienenfleißigen
       Wahlkampfendspurt vor Ort.
       
       13 Mar 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bernd Müllender
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Wahlen NIederlande
 (DIR) Niederlande
 (DIR) Kommunalwahlen
 (DIR) Tiere
 (DIR) Pflanzen
 (DIR) Ernährung
 (DIR) Vegetarismus
 (DIR) Schwerpunkt Fridays For Future
 (DIR) Reiseland Belgien
 (DIR) Deutsche Bahn (DB)
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Die Wahrheit: Menetekel ohne Ekel
       
       Klimaerhitzung und Alltagskultur: Wie die neue Umweltschutzpartei KPSdU mit
       ihren bewegenden Klimaklagen die Welt aufrüttelt.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Prost, Planet!
       
       Gestirne werden jetzt nach Biermarken benannt. Auf diese hervorragende Idee
       können auch wirklich nur Belgier kommen.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Pünktlich wie die Maulesel
       
       Die Deutsche Bahn hat jetzt das neue „Projekt Höchste Mathematik“ gegen
       Verspätungen entwickelt. Mit durchschlagendem Erfolg.